Ich glaube , Graf « , sagte sie , mit Geflissentlichkeit einen halb scherzhaften Ton anschlagend , » Sie verkennen mein Geschlecht . Ich sehe Schwierigkeiten , aber ich sehe sie nicht da , wo Sie sie sehen . Unser Erbteil ist Neugier , nichts weiter , und was sich aus der ewig beargwohnten Welt der Gefühle mit einmischt , das wiegt nach meiner Erfahrung nicht allzu schwer . Ich kenne die Skala dieser Gefühle , habe die Mittelgrade selbst durchmessen und bin ohne rechten Glauben an die Hoch- und Siedegrade der Leidenschaft . Also nicht das , Graf ... Und auch nicht die Kunst . Es gab freilich einmal eine Zeit , in der ich ehrlich und aufrichtig des Glaubens war , ohne Kunst nicht leben zu können . Aber auch das liegt hinter mir . Um in diesem Glauben zu verharren , dazu muß man eine Törin oder ein Genie sein . Und ich bin weder das eine noch das andere . « » Und doch ... « » Nein , kein doch ; nur einfach ein Geständnis meiner Furcht . Ich fürchte mich vor dem kleinen Kriege , der meiner harrt , vor dem Neid auf der einen und dem Hochmut auf der andern Seite , vor den Kränkungen und Nadelstichen , die mir nicht erspart bleiben werden . « » Und ich meinerseits wüßte niemand , der sich zu diesen Nadelstichen versucht fühlen könnte , niemand . Und kämen sie doch , nun so gibt es Mittel , ihnen zu begegnen . Das mag meine Sorge sein . Frisch auf denn , Franziska , Mut und Hoffnung ! In mein altes Schloß Arpa soll wieder das Leben einziehen , und das Ungarn der Wirklichkeit soll Sie das Ungarn Ihrer Kinderphantasie , so denk ich , für immer vergessen lassen . « Zwölftes Kapitel Als der Graf sich erhoben und in herzlicher Weise verabschiedet hatte , trat Franziska vom Sofa her ans Fenster . Die frisch eindringende Luft tat ihr wohl , und sie setzte sich an die Brüstung und sah auf das Straßentreiben . Aber an ihrem inneren Auge zogen sehr andere Bilder vorüber : ein Schloß und ein See , Freitreppen und Korridore , Jagdzüge , Wald und Steppen und dazu Kavaliere mit ihren Damen , die flüsterten und kicherten . Und ihre Blicke maßen sich , und sie begegnete dem Hochmut , den man für sie hatte , mit gleich hochmütiger Miene . Sie hing solchen Bildern noch nach , als Hannah von der Tür her auf sie zukam , ihr zutraulich das Haar zurückstrich und dann sagte : » So soll es nun also doch sein . « » Hast du gehorcht ? « » Nein . Ich horche nie . Mein Vater selig litt es nicht und sagte , das sei von den kleinen Sünden eine der großen . Was nicht für einen gesprochen wird , das darf man auch nicht hören und wissen wollen . Ich sah den Grafen , als er ging , und las es ihm von der Stirn . « » Und was sagst du ? « » Ja , Fränzl , was soll ich sagen ? « » Alles , was du denkst . « » Nun , ich denke vielerlei . « » Halte mit nichts zurück . Daß du ' s nicht billigst , das seh ich , und so kannst du gleich mit dem Warum anfangen . Oder sind der Gründe so viele ? « » Ja , viele sind es , Fränzl . « » Offen gestanden , das ist mir lieb ; denn viele sind nicht so schlimm wie einer . Viele bringen sich untereinander um , und was dann übrigbleibt , bedeutet nicht viel . Also nenne sie nur ; je mehr , je besser . « » Er ist alt und du bist jung . « » Gut . « » Er ist ungrisch-wienerisch und du bist preußisch-pommerisch . « » Gut . « » Er ist katholisch und du bist protestantisch . « » Gut . « » Er ist ein Graf und du bist eine Schauspielerin . « Franziska nickte . » Wohl , Hannah , alles wahr . Aber zuletzt trifft doch das zu , was ich dir eben schon gesagt habe . Sage selbst . Er ist gerade Wiener genug , um den Katholiken , und auch wieder Ungar genug , um den Wiener in Ordnung zu halten . Und so bleibt denn wirklich nichts übrig als ein alter Graf und eine junge Schauspielerin . « » Und glaubst du , daß die gut zueinander passen ? « » Ich will es nicht als Regel aufstellen . Aber es gibt Ausnahmen , und unter den Ausnahmen ist es eine der gewöhnlichsten und der zulässigsten . Und erklärt sich auch . Im allgemeinen , darin hast du ja recht , gehört zu einem Grafen eine Gräfin ; wer wollte das bestreiten ? Aber wenn es keine Gräfin sein kann , so kommt nach der Gräfin gleich die Schauspielerin , weil sie , dir darf ich das sagen , der Gräfin am nächsten steht . Denn worauf kommt es in der sogenannten Oberschicht an ? Doch immer nur darauf , daß man eine Schleppe tragen und einen Handschuh mit einigem Chic aus- und anziehen kann . Und sieh , das gerade lernen wir aus dem Grunde . So vieles im Leben ist ohnehin nur Komödienspiel , und wer dies Spiel mit all seinen großen und kleinen Künsten schon von Metier wegen kennt , der hat einen Pas vor den anderen voraus und überträgt es leicht von der Bühne her ins Leben . « » Ich will es gelten lassen , Fränzl . Aber dann bleibt immer noch alt und jung . « » Hältst du das für so schlimm ? « » Nein . Oder wenigstens nicht immer . Ich könnt es . Aber man muß seiner sicher sein . « » Ich glaube meiner sicher zu sein