den äußerst seltenen Momenten , wo ich mich für einen äußerst gescheuten Menschen dabei hielt , zog ich wenig Genuß und Befriedigung daraus , nämlich aus dem , was die Nebenmenschen gewöhnlich etwas spitzig eine äußerst glückliche Selbstüberzeugtheit zu nennen pflegen . Und nun genug hiervon . Wie kurz und abbrüchig ich dieses alles hingeschrieben habe , so habe ich es doch nur wie jeder andere gemacht und zuerst und einzig und allein von mir selber als der wichtigsten Angelegenheit dieser und jeder zukünftigen Welt gesprochen . Es soll dafür aber auch bei mir nicht mehr als bei jedem anderen zu bedeuten haben - eine harmlose , eben der Menschheit anklebende Schwäche und das gleichfalls ganz allgemeine Bedürfnis , wenigstens etwas in der eigenen Persönlichkeit im Laufe der Zeiten aufrecht und unberührt zu erhalten . Die anderen ! ... Wo waren die anderen im Strom der Zeit geblieben ? Was war aus den anderen geworden , die vor ein paar Seiten noch mit mir jung , gesund , dumm und glücklich waren ? Wenn ich es nun mit schönen Redensarten zudecken würde , wie wenig ich mich im Grunde um diese anderen bekümmert hatte , so würde mir das leicht genug werden . Ich könnte aber auch den nächsten guten Bekannten oder den ersten besten Unbekannten in der Gasse anrufen , um es mir von ihnen bestätigen zu lassen , wieviel der Mensch mit sich selber zu tun hat und wie wenig Zeit und Nachdenken ihm für den liebsten Freund übrigbleibt , wenn sich eine Wand eine Stunde , einen Tag oder gar ein Jahr zwischen ihn und uns gelegt hat . Ich habe jahrelang nur gewußt , daß Eva Sixtus in der alten Heimat dem alten Vater immer noch haushalte , daß Ewald in seinem Beruf als Ingenieur in Irland tätig sei und daß Irene von Everstein verheiratet in Wien lebe . Von dem Vetter Just habe ich gar nichts gewußt . Ich erlebte es noch als Student , daß der Steinhof subhastiert wurde und weit unter seinem Wert an einen Landsmann fiel , der schon längst ein freundlich-begehrliches Auge darauf geworfen hatte und einst ebenfalls zu den fröhlichsten und behaglichsten Gastfreunden und Jagdgenossen des Vetters gehörte . Daß Schloß Werden gleichfalls unter den Hammer kam und unter dem Werte einen Liebhaber fand , erfuhr ich brieflich durch meine Mutter , die dann zu mir ins Rheinland zog und daselbst , wie gesagt , in meiner Kollaboratorwohnung nach längerem schweren Leiden sanft gestorben ist . Jule Grote sollte immer noch in Bodenwerder wohnen , doch das war ein Gerücht , von dem ich nicht einmal angehen kann , wie es zu mir gelangte . Ich hatte viel zuviel mit meinem Griechischen und Lateinischen , meinen mittelalterlichen Geschichtsquellen , modernen Geschichtsschreibern und parlamentarischen Tagesgrößen zu schaffen , um mich viel um Jule Grote kümmern , mich bei ihr aufhalten zu können . Es ist ja eben kein Aufenthalt in dieser Welt bei den besten Dingen - und bei den besten Freunden auch nicht ; und wenn alle Lebenskunst am Ende nur darauf hinausläuft , sich unabhängig von den mitlebenden Menschen und Dingen zu machen , so ist das eigentlich gar keine Kunst , sondern uns allen höchst natürlich . Nun nahm ich seit verhältnismäßig langer Zeit alles als etwas , was sein konnte , jedoch nicht zu sein brauchte . Es gewährte mir häufig das bekannte egoistisch-kitzelnde Behagen , daß die Tage , an denen auch ich dann und wann grimmig und selbstüberzeugt rief : » Nun soll es sein ! « , hinter mir lagen . Die süße und sonnige , wälderrauschende , ewige Frühlings und Erntefeste feiernde Zeit von Schloß Werden lag auch hinter mir , und man hat es mir im Lesezimmer der Königlichen Bibliothek nie angemerkt , daß mir bei meiner närrischen Kompilationsarbeit die Erinnerung daran irgendwie hinderlich in den Weg trat und mich vielleicht geduldig stimmte , wenn ein mir augenblicklich nötiges Werk ausgeblieben war und bei einem , wie Freund Ewald seinerzeit sich ausgedrückt haben würde , » dummen und langweiligen Kerl « lag , der doch nichts damit anzufangen wußte . Mir wird bedenklich flau zumute , wie ich alles dieses hier niederschreibe , und ich denke , offen gestanden , mit einigem Grauen an die möglicherweise doch eintretende Stunde , in der ich diese Seiten mit ihren liebenswürdigen Selbstbekenntnissen wieder überlesen werde . Es ist immer eine sonderbare , heikle Sache um das Wiederlesen im eigenen Lebensbuche ! An welche Leser ich mich aber mit dem eben Niedergeschriebenen wende , weiß ich , Gott sei Dank , nicht . Mündlich hätten mich wohl nicht sehr viele aussprechen lassen , sondern das meiste von sich aus anders und besser zu berichten gewußt . Und es ist gut so , denn es ist die gute Meinung , die die Welt von sich hat und lebhaft geltend macht , die diese sonderbare Universitas aufrecht und im Gange erhält . Was sollte aus ihr , der Welt , werden , wenn jeder es vermöchte , den anderen ruhig aussprechen zu lassen ? Eine recht objektive Welt , aber eine vielleicht doch etwas zu ruhige - - so etwas wie ein Universalkirchhof vielleicht , voll sehr weise im Lapidarstil redender Leichensteine . Der Herr erhalte uns also im recht fröhlichen Kriege gegeneinander , solange es ihm gefällt , uns überhaupt zu erhalten ! Zwölftes Kapitel Ob er wirklich so existiert , wie wir ihn aus tausendfachem Zusammentreffen mit ihm kennenlernen , lassen wir eine offene Frage bleiben . Wie wir ihn in unsere philosophischen Systeme einzureihen belieben : im praktischen Dasein bleibt er verteufelt mehr als ein bloßes Wort oder ein Begriff . Er ist und bleibt der Herr und Gebieter . Und im Gegensatz zu den übrigen Erdenherren und Erdengebietern läßt er sein Kommen vorher durchaus nicht ankündigen , weder durch die drei Stöße mit dem Marschallstabe auf den Parkettfußboden noch durch Posaunenstöße , durch das hervorrufen der Wachen , den obligaten Trommelwirbel , das Präsentieren