aber Heliotrop , damals noch etwas Seltenes , und Frau von Vitzewitz wollte wissen , wer ihr das angetan und sie um den Anblick ihrer Lieblingsblume gebracht habe . Als Marie davon hörte , faßte sie rasch einen Entschluß . Sie setzte sich auf eine Bank , in unmittelbarer Nähe der Statue , und als Frau von Vitzewitz auf ihrem Spaziergang den breiten Kiesweg hinaufschritt , sprang sie auf , eilte der Herankommenden entgegen , küßte ihr die Hand und sagte : » Ich habe es getan . « Sie war dabei hochrot und zitterte , aber sie weinte nicht . Von diesem Augenblick an war die Freundschaft geschlossen . Frau von Vitzewitz streichelte ihr das Haar und sah sie fest und freundlich an ; dann führte sie sie zu der Bank zurück , von der sie aufgestanden war , stellte Fragen und ließ sich erzählen . Alles bestätigte ihr den ersten Eindruck . So trennten sie sich . Noch am selben Nachmittage aber sagte Frau von Vitzewitz zu Seidentopf : » Das ist ein seltenes Kind « , und ehe acht Tage um waren , war sie die Spiel- und Schulgenossin Renatens . Sie war anfangs zurück ; alles , was sie konnte , war eben Lesen und Deklamieren . Aber ihre schnelle Fassungsgabe , durch Gedächtnis und glühenden Eifer unterstützt , gestattete ihr , das Versäumte wie im Fluge nachzuholen , und ehe noch ein halbes Jahr um war , war sie in den meisten Disziplinen Renaten gleich . Und wie sie den von Frau von Vitzewitz an ihre Fähigkeiten geknüpften Erwartungen entsprach , so auch denen , die sich auf ihren Charakter bezogen . Sie war ohne Laune und Eigensinn ; etwas Heftiges , das sie hatte , wich jedem freundlichen Wort . Die beiden Mädchen liebten sich wie Schwestern . Nichts war mißglückt , über Erwarten hinaus hatten sich die Wünsche der Frau von Vitzewitz erfüllt , dennoch stellten sich immer wieder Bedenken bei ihr ein , die freilich jetzt nicht mehr das Glück Renatens , sondern umgekehrt das Glück Mariens betrafen . Es galt , nicht nur den Augenblick , sondern auch die Zukunft befragen . Wie sollte sich diese gestalten ? War es recht , dem Schulzenkinde die Erziehung eines adeligen Hauses zu geben ? Wurde Marie nicht in einen Widerspruch gestellt , an dem ihr Leben scheitern konnte ? Sie teilte diese Bedenken ihrem Gatten mit , der , von Anfang an dieselben Skrupel hegend , sofort entschlossen war , mit Schulze Kniehase , zu dessen Verständigkeit er ein hohes Vertrauen hatte , die Sache durchzusprechen . Berndt ging in den Schulzenhof , traf Kniehase mitten in Rechnungsabschlüssen , die das nach Küstrin hin gelieferte Stroh- und Haferquantum betrafen , rückte mit ihm in die Fensternische und stellte ihm alles vor , wie er es mit der Frau von Vitzewitz besprochen hatte . Schulze Kniehase hörte aufmerksam zu , dann sagte er , als sein Gutsherr schwieg : er habe sich ' s , als von der Sache zuerst gesprochen wurde , auch überlegt , ob er dem Kinde nicht die Ruhe nehme , die doch mehr sei als alles Lernen und Wissen . All sein Überlegen aber habe doch immer wieder dahin geführt , daß es das Beste sein würde , die gnädige Frau , die es so gut meine , ruhig gewähren zu lassen . So sei es ein halbes Jahr gegangen . Es jetzt nun nach der entgegengesetzten Seite hin zu ändern , sei nur ratsam , wenn es der ausgesprochene Wille der gnädigen Frau sei . Sein eigener Wunsch und Wille sei es schon seit Monaten nicht mehr ; die Bedenken , die er anfangs gehabt , seien mehr und mehr von ihm abgefallen . Er wisse auch wohl warum . Das Kind , das ihm die Hand Gottes fast auf die Schwelle seines Hauses gelegt habe , sei kein bäuerlich Kind ; es sei nicht bäuerlich von Geburt und nicht bäuerlich von Erscheinung . Er säße so mitunter in der Dämmerstunde und mache sich Bilder , wie auch wohl andere Leute täten , aber wie vielerlei auch an ihm vorüberzöge , nie sähe er seine Marie mit geschürztem Rock und zwei Milcheimern , unter dem Zurufe lachender Knechte , über den Hof gehen . Er liebe das Kind , als ob es sein eigen wäre ; aber er betrachte es doch als ein fremdes , das eines Tages ihm wieder abgefordert werden würde . Nicht von den Menschen , wohl aber von der Natur . Es wird so sein wie mit den Enten im Hühnerhof , die eines Tages fortschwimmen , während die Henne am Ufer steht . Als Kniehase so gesprochen , hatte ihm Berndt von Vitzewitz die Hand gereicht , und im Herrenhause schwiegen von jenem Tage an alle Bedenken . Auch der Tod der Frau von Vitzewitz , schmerzlich wie er von Marie empfunden wurde , änderte nichts in ihrem Verhältnis zu den Zurückgebliebenen . Tante Schorlemmer kam ins Haus , und frei von jener Liebedienerei , die sich in Bevorzugung Renatens hätte gefallen können , betrachtete sie vielmehr beide Mädchen wie Geschwister und umfaßte sie mit gleicher Herzlichkeit . Nach der Einsegnung hörten die Unterrichtsstunden auf , aber die beiden Mädchen waren zu innig aneinander gekettet , als daß der Wegfall dieses äußerlichen Bandes das geringste an ihrer Verkehrs- und Lebensweise hätte ändern können . Der Geburts- und Standesunterschied wurde von Renate nicht geltend gemacht , von Marie nicht empfunden . Sie sah in die Welt wie in einen Traum und schritt selber traumhaft darin umher . Ohne sich Rechenschaft davon zu geben , stellten sich ihr die hohen und niederen Gesellschaftsgrade als bloße Rollen dar , die wohl dem Namen nach verschieden , ihrem Wesen nach aber gleichwertig waren . Es war im Zusammenhange damit , daß unter allen Bildern , die sich im Vitzewitzeschen Hause befanden , eine Nachbildung des » Lübecker Totentanzes « , bei allem Erschütternden , doch zugleich den