Peter Volland blinzelte ihm zu . » Hast du Papiere , junger Schlingel ? « brummte er . » Soll dich die Polizei in Glückstadt abfangen und wieder nach Pinneberg zurückbringen , he ? « Robert erbleichte . Er selbst hatte sich rechtlos gemacht . » Anker lichten ! « kommandierte Kapitän van Swieten , und gleichzeitig ertönte auf dem Schleppdampfer ein gellender Pfiff . Der Wirt grüßte noch von der Jolle herauf , das Fallreep wurde eingeholt , die Ankerketten rasselten , und das Schiff begann sich leise zu bewegen - - - Zur selben Stunde saß in Pinneberg der alte Schneider im Lehnstuhl und starrte wie geistesabwesend vor sich hin . Er hörte nicht , daß ihn die schluchzende Frau zu trösten suchte . Sein Gesicht , seine Hände waren eiskalt . » Vater « , bat sie ihn plötzlich , » Vater , sprich ein gutes Wort . Unser Sohn - « Da sah er sie an . » Wir haben keinen Sohn , Mutter « , kam es tonlos über seine Lippen . » Ein Dieb kann nie mein Sohn sein . Schau her ! - « Er öffnete den Kasten und ließ die entsetzte Frau hineinblicken . » Es ist alles fort « , sagte er dumpf , » unser Geld , meine Uhr , deine paar Schmucksachen , Mutter , deine Brautgeschenke , du unglückliche Frau , und unser Kind , unser eigenes - hat es gestohlen ! « Laut aufschluchzend verbarg der alte Mann das Gesicht in beiden Händen . An Bord der » Antje Marie « Die Matrosen liefen an Deck hin und her , der Schlepper arbeitete mit voller Maschinenkraft , und die Galliot folgte gehorsam in seinem Kielwasser . An Bord kommandierte der Lotse , denn obwohl das Schiff schon mehrere Tage vorher vollständig seeklar gemacht worden war , unterzog man doch alles einer nochmaligen genauen Prüfung . Verschiedene Wanten wurden nachgesetzt , die Befestigung des großen Bootes , das immer mitten auf Deck vor dem Großmast steht , untersucht und die Segel auf den Rahen soweit gelöst , daß sie auf Kommando sofort gesetzt werden konnten . Robert stand in der Nähe des Matrosenlogis und sah hinter sich den Hafen von Hamburg allmählich verschwinden ; dann folgte St. Pauli mit dem Hafenkrankenhaus auf der höchsten Höhe und endlich Altona . Und nun passierte die Galliot das reizende Neumühlen ; hier hatte im Oktober der » Blitz « gelegen , hier hatte damals die Sonne ein so bezaubernd schönes Landschaftsbild beschienen , doch heute kräuselte ein frischer Ostwind die Wellen am Bug zu weißem Schaum , heute pfiff es schneidend kalt durch das Takelwerk , und an Land huschten in den Gärten die welken Blätter wie Gespenster wirbelnd durcheinander . Starr heftete der Junge die Augen auf das Ufer . Teufelsbrücke , Blankenese , der Leuchtturm - alles glitt schneller und schneller vorüber . Immer breiter wurde die Elbe , schon ließ sich eine leichte Dünung spüren , und Robert stand noch ganz in Gedanken versunken , da legte sich eine Hand auf seine Schulter . » Nun , mein Junge , was treibst du hier ? « fragte eine Männerstimme . Robert fuhr auf . Der das sagte , war ein älterer Mann von mindestens fünfzig Jahren , mit schwermütigem , kränklichem Gesicht und großen , tiefliegenden Augen , die jedoch freundlich auf den Jungen herabsahen . » Möchtest du lieber wieder zurück nach Hause ? - Bei Glückstadt ist das noch möglich . « » Mohr ! « rief in diesem Augenblick die Stimme des Kapitäns von der Kajütentür herüber , » Mohr - mach keine Dummheiten , hörst du . « Der Alte wandte sich ab . » Der Montag « , flüsterte er mit einem unterdrückten Seufzer , » der Montag . Es wäre so schade um dich ! « Robert hatte inzwischen Zeit gefunden , die Frage ganz zu verstehen . » Ich fühle durchaus keine Reue « , antwortete er lebhaft , » und ich will Seemann werden um jeden Preis . - Aber was ist denn mit dem Montag ? « fügte er neugierig hinzu . Der Seemann schüttelte leicht den grauen Kopf . » Er bringt kein Glück « , antwortete er , » man soll nichts am Montag beginnen . « Kapitän van Swieten kam breitspurig über das Deck . » Junge « , sagte er , » geh in die Kajüte und wasch das Kaffeegeschirr , hörst du . Nachher soll dir der Steuermann deine Pflichten genau aufzählen , damit du sie ein für allemal kennenlernst . « Die Worte wurden sehr freundlich , aber so bestimmt gesprochen , daß Robert die Absicht des Kapitäns , ihn von dem alten Matrosen zu trennen , klar durchschaute . Aber warum das ? Der Mann mit den weißen Haaren und den ernsten Augen hatte ihm doch sehr gefallen . Er ging in die Kajüte und begann das Kaffeegeschirr zu spülen . Während dieser Beschäftigung erschien der Steuermann , dessen mürrisches Gesicht ihm von vornherein Furcht einflößte , und dessen roter Bart fast an eine Mähne erinnerte . Nachdem er in barschem Ton den neuen Kajütenjungen nach Namen und Herkunft gefragt hatte , sagte er stirnrunzelnd : » Du scheinst mir ein sehr vorlautes Maul zu haben , das soll aber bald anders werden . Du hast die Kapitänskajüte und auch meine rein zu halten , Stiefel zu putzen , Kleider auszubürsten und bei Tisch zu bedienen . Für das Geschirr bist du verantwortlich , und was du zerschlägst , das mußt du von deiner Heuer bezahlen . Deine Koje werde ich dir später zeigen . Über ihr befindet sich ein Wandschrank , und - aber geh nur gleich mit mir « , unterbrach er seinen eigenen Satz - » du sollst den Schrank sehen , damit dir meine Befehle verständlicher werden . « Er führte den Jungen zum Vorderteil des Schiffes und gab ihm einen kleinen Schlüssel . » Mach auf !