der Streich , der sein teures Haupt getroffen , hatte tief in das Leben des heranblühenden Mädchens geschlagen ; ungestillte Trauer , heilige Wehmut , mit der sich die leidenschaftliche Vergötterung seines Martyriums für Italien mischte , erfüllten alle Träume ihres jungfräulichen Entfaltens . Vor dem Sturz ihres Hauses ein gern gesehener Gast am Königshof war sie nach dem Schicksalsschlag mit ihrer Mutter über die Alpen nach Gallien geflohen , wo ein alter Gastfreund den betrübten Frauen monatelang eine Zufluchtstätte bot , während Anicius und Severinus , Kamillas Brüder , anfänglich ebenfalls verhaftet und zum Tode verurteilt , dann zur Verbannung aus dem Reich begnadigt , aus dem Kerker sofort nach Byzanz an den Hof des Kaisers eilten , wo sie Himmel und Hölle gegen die Goten in Bewegung setzten . Die Frauen waren , als sich der Sturm der Verfolgung verzogen , nach Italien zurückgekehrt und lebten ihrem stillen Gram im Häuschen eines treuen Freigelassenen zu Perusia , von wo aus freilich Rusticiana , wie wir gesehen , den Weg zu den Verschworenen in Rom wohl zu finden wußte . Der Juni war gekommen , die Jahreszeit , in der vornehme Römer noch immer , wie zur Zeit des Horatius und Tibullus , die dumpfe Luft der Städte zu fliehen und in seine kühlen Villen im Sabinergebirge oder an der Meeresküste sich zu verstecken pflegten . Mit Beschwerde trugen die verwöhnten Edelfrauen den Qualm und Staub in den heißen Straßen des engen Perusia , mit Seufzen der herrlichen Landhäuser bei Florentia und Neapolis gedenkend , die sie , wie all ihr Vermögen , an den gotischen Fiskus verloren . Da trat eines Tages der treue Corbulo mit seltsam verlegenem Gesicht vor Rusticiana . Er habe längst bemerkt , wie die » Patrona « unter seinem unwürdigen Dach zu leiden und mancherlei Ungemach schon durch seine Hantierung - er war seines Zeichens Steinmetz - zu erdulden gehabt und so habe er denn an den letzten Kalenden ein kleines , freilich nur ein ganz kleines , Gütchen mit einem noch kleineren Häuschen gekauft , droben im Gebirge bei Tifernum . Freilich , an die Villa bei Florentia dürften sie dabei nicht denken : aber es riesele doch auch dort ein selbst unter dem Sirius nicht versiegender Waldquell , Eichen und Kornellen gäben breiten Schatten , um den verfallnen Faunustempel wuchre üppig der Efeu und im Garten habe er Rosen , Veilchen und Lilien pflanzen lassen , wie sie Domna Kamilla liebe und so möchten sie denn Maultier und Sänfte besteigen und wie andre Edelfrauen ihre Villa beziehen . Die Frauen , von dieser Treue des Alten gerührt , nahmen dankbar seine Güte an und Kamilla , die sich in kindlicher Genügsamkeit auf die kleine Veränderung freute , war heiterer , belebter als je seit dem Tod ihres Vaters . Ungeduldig drängte sie zum Aufbruch und eilte noch am selben Tage mit Corbulo und Daphnidion , dessen Tochter , voraus , Rusticiana sollte mit den Sklaven und dem Gepäck sobald als möglich folgen . Die Sonne sank schon hinter die Hügel von Tifernum , als Corbulo , Kamillens Maultier am Zügel führend , aus den Waldhöhen auf die Lichtung gelangte , von wo aus man das Gütchen zuerst wahrnehmen konnte . Längst hatte er sich auf die Überraschung des Kindes gefreut , wenn er ihr von hier aus das anmutig gelegene Haus zeigen würde . Aber erstaunt blieb er stehen : - er hielt die Hand vor die Augen , ob ihn die Abendsonne blende , er sah umher , ob er denn nicht an der rechten Stelle : aber kein Zweifel ! da stand ja an dem Rain , wo Wald und Wiese sich berührten , der graue Markstein in Gestalt des alten Grenzgottes Terminus mit seinem spitz zulaufenden Kopf : der rechte Ort war es , aber das Häuschen nicht zu sehen : vielmehr an seiner Stelle eine dichte Gruppe von Pinien und Platanen : und auch sonst war die ganze Umgebung verändert : da standen grüne Hecken und Blumenbeete , wo sonst Kohl und Rüben , und ein zierlicher Pavillon prangte , wo bisher Sandgruben und die Landstraße sein bescheidnes Gebiet begrenzt hatten . » Die Mutter Gottes steh mir bei und alle obern Götter ! « rief der Steinmetz , » bin ich verzaubert oder die Gegend ? Aber Zauber ist los ! « Seine Tochter reichte ihm eifrig das Amulett , das sie am Gürtel trug : aber Aufschluß konnte sie nicht geben , da sie zum erstenmal das neue Besitztum betrat und so blieb nichts übrig , als das Maultier zur größten Eile zu treiben und springend und rufend begleiteten Vater und Tochter den Trab des Grauchens die Wiesenhänge hinunter . Als sie nun näher kamen , fand Corbulo allerdings hinter der Baumgruppe das Haus , das er gekauft : aber so verjüngt , erneuert , verschönt , daß er es kaum erkannte . Sein Staunen über die Umwandlung der ganzen Gegend stieg aufs neue zu abergläubischer Furcht : offnen Mundes blieb er zuletzt stehen , ließ die Zügel fallen und begann eine wieder seltsam gemischte Reihe von christlichen und heidnischen Ausrufen , als plötzlich Kamilla ebenso überrascht ausrief : » Aber das ist ja der Garten , wo wir gewohnt , das Viridarium des Honorius zu Ravenna , dieselben Bäume , dieselben Blumenbeete , und auch an jenem Teich , wie zu Ravenna am Meeresufer , der Tempel der Venus ! o wie schön , welche Erinnerung ! Corbulo , wie hast du das angefangen ? « Und Tränen freudiger Rührung traten in ihre Augen . - » So sollen mich alle Teufel peinigen und Lemuren , wenn ich das angefangen habe . Doch da kommt Cappadox mit seinem Klumpfuß , der ist also nicht mit verhext . Rede , du Zyklope , was ist hier geschehen ? « Der riesige Cappadox , ein breitschultriger Sklave , humpelte mit ungeschlachtem Lächeln heran und erzählte nach vielen Fragen und Unterbrechungen des Staunens eine rätselhafte Geschichte .