du ist es wert , daß ein Weib seiner harrt , jahrelang , jahrzehntelang , wie Gott es fügt ! « Aber die wirkliche Dorothee , die keine Mutter hatte und keinen Vaterschutz , die von Verführung und Gemeinheit umgeben war , die so ratlos und hilfeflehend zu mir in die Höhe blickte , unfähig , nein zu sagen , und noch unfähiger , ja : aber meine schöne , frohlebige , arme , kleine Dorl ? Noch einmal wollte ich in ihrem Namen das Wort ergreifen , und noch einmal schnitt Siegmund Faber mir es ab . » Ich weiß , daß ich Ungewöhnliches verlange , « fuhr er in viel sicherer Stimmung fort als zuvor , » und ich fühle , was Sie mir entgegenhalten wollen , Fräulein Hardine . Aber trauen Sie mir nicht zu , daß ich die Jungfrau , die ich liebe , in ihrer haltlosen Lage zurücklasse , daß ich meine Braut vom Schenktische zum Altar zu führen gewillt sein kann . Ich gehe den Weg des Mannes , den Weg der Tat . Mir wird es ein leichtes sein , der Geliebten das Gefühl dieser Stunde treu bis zum Ziele zu bewahren . Sie aber , Dorothee , soll ich das Opfer ihres Jugendrechtes annehmen , so muß sie dem Mann ihrer Zukunft das Recht eines Versorgers auch in der Gegenwart zugestehen . Gern sähe ich sie als Schützling der gebildeten Familie einer größeren Stadt eingereiht . Aber ihr Vater lebt , und die Kindespflicht besteht , solange das Weib nicht dem Manne folgt . Überdies würde sie in jedem fremden Kreise sich unvermeidlich als Abhängige fühlen , und ich will , daß sie frei und ledig sei , schalte und walte nach Frauenart . Möge sie denn ihren Vater pflegen , ihm beistehen , soweit er persönlich ihrer bedarf , ohne in das Getriebe seiner Wirtschaft einzugreifen . Ich habe seinen Handschlag , daß er keine derartige Forderung an meine Braut stellen wird . Alle Vorkehrungen sind getroffen . Sagen Sie ja , Dorothee , so treten Sie morgenden Tages durch gerichtliche Schenkung in den Besitz sämtlicher Liegenschaften , die mein Vater mir hinterlassen hat . Sie bleiben bis zur Volljährigkeit deren Nutznießerin ohne jegliche Bevormundung , und da sie kürzlich in Pacht gegeben worden sind , ohne irgendwelche Belästigung . Kehre ich bis dahin nicht zurück , erlangen Sie freies Verfügungsrecht . Es ist kein Opfer , das ich Ihnen bringe , es ist eine Last , von der Sie mich befreien , mein liebes Kind . Mir bleibt für den Beginn mehr als ich bedarf , und bald werde ich sicher auf eigenen Füßen stehen . Sie übersiedeln in mein Vaterhaus , statten es aus nach ihrer zierlichen Art. Geschäftig als Herrin im eigenen Revier , in dem Zimmer , wo meine Wiege gestanden hat , wo ich so lange in Hoffnung glücklich war , sehe ich Sie zum voraus als die Meine , sehe ich Sie mit Vertrauen auch fernerhin unter den Augen der hochverehrten Familie , in der Sie aufgewachsen sind , unter Ihren Augen , Fräulein Hardine , die Sie der Verlobten Siegmund Fabers Rat und Anteil nicht versagen werden . « Ich hatte während der letzten Erklärung nicht aufgeschaut , weil ich mich des feuchten Nebels über meinen Augen schämte . Nun , wo der Sprecher mit einem Aufruf an meine Freundschaft schloß , blickte ich in ehrlicher Zustimmung zu ihm hinüber , dann aber angstvoll gespannt auf die Kleine , die sich so plötzlich über die unerwartetste Lebenswendung entscheiden sollte . Was würde sie vorbringen , wie sich herauswinden , sie , die vor kaum einer Stunde erklärt hatte : » Mir graut vor dem Mann ! « die aufatmete wie erlöst , als er von seinem Abschied , vielleicht auf Nimmerwiedersehen , sprach ? Und nun ? O meiner kleinen , beweglichen Dorl ! O des wunderhaften Wechsels in einem Mädchenherzen ! Wie der See , der grau und trübe unter einem Nebelhimmel gestanden hat , wenn plötzlich ein Sonnenstrahl den Dunstkreis durchbricht , so klar und himmelblau strahlte das Augenpaar ; freudenrot waren die Bäckchen überhaucht . Ein Kind unter dem Lichterbaum ! Braut heißen und dabei frei sein ; reich sein , schalten und walten im eigenen Haus , sich schmücken und tändeln dürfen - all diese Herzenslust - und nicht ein Fünkchen mehr las ich mit einem Blick in diesen lächelnden Zügen . In meinem Herzen brannte es wie eine Scham . Ob Siegmund Faber diesen jachen Zauber aus tieferen Gründen gedeutet hat ? Ich glaube es nicht . Er kannte sie ja als ein Kind , liebte sie als ein Kind . Er traute ja eben der frohen Unschuld einer Kinderseele , dem Bande , das die Dankbarkeit webt , der Treue der Pflicht in einem unentweihten Gemüt . Und er fühlte sich der Mann , das Herz des Weibes zu erobern , sobald er es als Eigentum in Anspruch nehmen durfte . Wie dem auch sei : Siegmund Faber blickte jetzt nicht mehr beklommen , sondern froh und getrost wie seine kleine Dorl . Er streckte die Hand zu ihr hinüber und fragte lächelnd : » Nun , liebe Dorothee ? « Sie legte ihre Rechte in die seine und neigte das Köpfchen zu einem glückseligen Ja . » Sagen Sie Amen , Fräulein Hardine , als Zeugin und Bürgin unseres Verspruches , « rief der junge Bräutigam , sich zu mir wendend . Ich sagte nicht Amen , aber ich drückte Siegmund Faber die Hand und umarmte - schweren Herzens , Gott weiß ! - seine strahlende Braut . Auch Siegmund Faber - daß es an keiner Verlobungsförmlichkeit fehle - hauchte einen Kuß auf Dorothees Stirn , so zagend jedoch , als ob er sich fürchte , einen gefährlichen Sinn in dem Kinde - oder in sich selber ? - zu erwecken . Dann aber , wieder ernst und feierlich wie beim Beginn der seltsamen Szene , streifte