anderen Madame und adeligen weiblichen Autorität was man nennt einen Esel zu bohren oder gar einen Tritt zu geben . Er war eben ganz unvermerkt und trotz aller zarten Sorgfalt und scheuen Vorsicht des Fräuleins auf jenem Standpunkt angelangt , auf welchem er die Gesellschaft und die Ansichten der Bauernjungen von Krodebeck bei weitem dem großen Louis , der Königin Marie Antoinette , dem alten Amos Comenius und sogar dem Herzog Wittekind , dem Liebling des Herrn von Glaubigern , vorzog , und gerade heute war der Tag und die Stunde , die eine ganze Epoche seines Daseins zum Abschluß brachten . Die Lustwandelnden waren , bis jetzt ziemlich geschützt vor dem Winde , zu dem Walde emporgestiegen . Jetzt erreichten sie die Höhe , und der Wind kroch nicht mehr am Boden , zu ihren Füßen , sondern er faßte sie sehr rücksichtlos ganz und gar , kümmerte sich in Hinsicht auf das Fräulein nicht im geringsten um das Dekorum , wirbelte es einen Augenblick höchst frech und unanständig im Kreise umher und drehte es sodann ruckartig mit der verdrießlichen Nase gegen das Tal und Dorf zurück , als wolle er sagen : » So , jetzt marsch nach Hause - bis hierher und nicht weiter ! Für heute haben wir genug von Ihnen ! « Den Peccadillo hob dieser Wind fast von den Füßen ; der kluge Hund drehte ohne weitere Notiz kurz um und ging in wackelndem Trabe heim . Der Chevalier griff mit beiden Händen nach seiner Fuchspelzmütze , um sie tiefer über die Ohren zu ziehen . Was den Junker anbetraf , so wendete sich dieser wie alle übrigen und sah mit tränenden Augen zurück . Da schlängelte sich der graue , steinige Feldweg hinab , da lag das Dorf , wo die Dreschflegel taktmäßig auf den Tennen klappten ; da erhoben sich die spitzen Dächer und Giebel des Lauenhofes , und den Junker Hennig überkam plötzlich ein Widerwillen gegen alles das und ein noch heftigerer Ekel gegen die Heimkehr mit den alten Freunden und gegen die stillen Vergnügungen des Abends im Kreise derselben sowie der arbeitsseligen Mutter und der anderen Haus- und Stubengenossen . Mit einemmal schien dem Jungen ein Licht darüber aufzugehen , wieviel vom Leben er infolge seiner trefflichen Erziehung bereits verloren habe . In einem langanhaltenden dummen Geschrei machte er plötzlich seiner Entrüstung darüber Luft , tat einen Sprung über den Graben , lief den Abhang hinauf dem Walde zu und war verschwunden , ehe der Ritter und das Fräulein im geringsten fähig wurden , den Dämon , welcher ihren Zögling ergriffen hatte , zu begreifen und zu würdigen . Ehe sie sich sogar von dem ersten Schrecken erholt hatten , befand sich der sittsame Knabe schon so tief im Gebüsch unter den wild geschüttelten Eichen , daß die Rufe , die ihm endlich nachgesendet wurden , nur einen schwächlichen Eindruck auf seine Ohren machen konnten und bereits im nächsten Augenblick gänzlich verlorengingen in dem Sausen des Windes und dem Rauschen der Blätter . Hennig war allein , vielleicht zum ersten Male in seinem Leben wirklich allein , und fand keinen andern Ausdruck für das Gemisch von Furcht , Schauder und Wonne , welches ihn ob seiner Freimachung ergriff , als einen abermaligen ziemlich tierischen Schrei , den er so lange stets von neuem ertönen ließ , bis er braunrot im Gesicht und vollständig außer Atem war . Dazu lief er immer fort - blind und rein besessen - , bis auch dazu seine Kräfte nicht mehr ausreichten . Keuchend vor geistiger und körperlicher Aufregung , hielt er inne und horchte . Das Rauschen und Sausen war nun ganz in den Baumkronen . Am Fuße der hohen Stämme war die Luft still und ziemlich warm ; man merkte hier erst recht , wie nahe der Regen war , an welchem die ganze Woche gebrauet hatte . Draußen vor dem Walde war das Fräulein außer sich ; aber der Chevalier rieb sich verstohlen die Hände und vermochte nicht ganz ein Lächeln der Befriedigung zu verbergen . Hätte er den vollen Gewinn des Knaben geahnt , seine Befriedigung würde sich noch heller und deutlicher Luft gemacht haben , aller Wehklage und saueren Bosheit der verzweifelnden Adelaide zum Trotz . Hätte er sich indessen vollkommen klargemacht , wie wenig doch auch bei diesem Gewinn zuletzt herauskommen werde , so würde er zwar auf die Lamentationen des Fräuleins nicht mehr geachtet haben , allein eine große Freudigkeit hätte er sicherlich weder in Mienen noch in Gesten offenbart . Der im Wohlleben aufgewachsene Hennig besaß jenes animalische Gefühl für die Behaglichkeit des Lebens , welches man auch Gemütlichkeit zu nennen pflegt , im hohen Grade . Den Genuß , faul und fett am Fenster oder am warmen Ofen zu sitzen , wenn die Nebel von den Bergen niederstiegen , wenn die Blätter und der Wind und Regen rauschten , kannte er sehr wohl ; und nun riß ihn an diesem dunklen Nachmittag ein anderer Geist zum erstenmal über diese bequemen Stimmungen hinaus . Die Wolken , die ihm über dem Kopf schnell hinglitten , verwandelten sich in Rosse , welche ihn weit fort von Krodebeck und aus der engen Welt seines väterlichen Hauses hinwegtrugen . In dem Winde klang eine muntere Stimme , die nicht an nasse Füße , Schnupfen , Rhabarber und Kamillentee mahnte . Zum erstenmal packte den Knaben das Robinson-Crusoe-Gefühl , das Gefühl der Abenteurer , Entdecker und Eroberer . Noch einmal trug ihm ein Windstoß den schrillen Ruf der Chevalière von Malta herüber , und grinsend warf der Taugenichts seine Mütze in den nächsten Baum und lachte laut auf , erschrak jedoch trotz aller Tollmütigkeit nicht wenig , als dieses Lachen ein helles , fröhliches Echo fand . Schnell und scheu blickte er umher , sah jedoch niemand , was seinen Mut und seine Sicherheit grade nicht erhöhte . In demselben Augenblick aber flog ihm seine Mütze aus den unteren Zweigen einer verkrüppelten Buche ins Gesicht . Auf leicht ersteigbarem bequemem Sitz