letzten Stunden hinterlassen haben ... Nie hätte ich geglaubt , daß ich beim Anhören eines Chorales je eine andere Empfindung haben würde , als die der Erhebung und Andacht . Heute aber überkam es mich wie Zorn , ja , ich fühlte mich im Innersten tief verletzt , als mitten in das Theetassengeklirr und , nachdem man stundenlang über dem guten Namen des Nächsten durchaus nicht liebevoll zu Gericht gesessen , plötzlich das Lied einfiel , das ich gewohnt bin , nur in weihevollen Stunden zu hören ... Hinter diesem christlichen Eifer steckt eine maßlose Herrschsucht - das ist mir heute klar geworden ; wenn aber andere so empfinden wie ich , dann steht es schlimm um die Siege dieser Bekehrer ... gelt , Mütterchen , ich habe doch eigentlich keine Ader vom Rebellen ? allein , heute zum erstenmal in meinem Leben fühlte ich eine unwiderstehliche Neigung zum Trotz und Widerspruch in mir . « Schließlich gedachte sie noch des Herrn von Hollfeld und seines sonderbaren Benehmens in der Hausflur , woran sie die Bemerkung knüpfte , daß sie sich doch gar nicht denken könne , was er eigentlich von ihr gewollt habe . » Nun , darüber wollen wir uns auch den Kopf nicht zerbrechen , « sagte Frau Ferber . » Sollte es ihm jedoch einmal einfallen , dir seine Begleitung beim Nachhausegehen anbieten zu wollen , so weise sie unter allen Umständen zurück . Hörst du , Elisabeth ? « » Aber , liebe Mama , was denkst du denn ? « rief lachend das junge Mädchen . » Da steht eher des Himmels Einfall zu erwarten , als ein solches Anerbieten ... Haben Frau und Fräulein von Lehr , die sich jedenfalls zu den vornehmen Leuten zählen , allein nach Hause gehen müssen , da wird er sich doch wahrhaftig meiner simplen Persönlichkeit gegenüber nicht herablassen . « 8 Der Oberförster hatte ungefähr acht Tage nach Ankunft seiner Verwandten ein neues Hausgesetz erlassen , das , wie er sagte , von seinem Minister freudig begrüßt worden war , und kraft dessen der Familie Ferber die Verpflichtung auferlegt wurde , allsonntäglich im Forsthause das Mittagbrot einzunehmen ... Das waren Freudentage für Elisabeth . Lange vor dem ersten Glockenläuten wurde gewöhnlich der Kirchgang angetreten . Im wehenden weißen Kleide , die Seele geschwellt von jener süßen Ahnung der Jugend , als könne ein schöner , heiterer Tag auch nur Glück in sich schließen , schritt Elisabeth den Eltern voraus und freute sich stets auf den Moment , wo der goldene Knopf des Lindhofer Kirchleins tief drunten im Thale aus den grünen Wogen des Waldes aufleuchtete ; wenn rechts und links auf dunklen , verschwiegenen Waldwegen die Kirchgänger der verschiedenen Filialen ihnen entgegenschritten und sich mit freundlichem Gruße und Handschlage zu ihnen gesellten , bis sie in zahlreicher Gesellschaft unter dem Geläute der Glocken den weiten Wiesenplan vor der Kirche betraten , wo meist der Onkel schon wartete . Er begrüßte sie dann schon von weitem mit glänzenden Augen und freudigem Hutschwenken . In jeder Bewegung seiner hohen Gestalt , in seiner ganzen Haltung offenbarte sich jene unbeugsame Wahrhaftigkeit , die vor dem Größten nicht zurückschreckt , jener Ausdruck von Manneskraft und Manneswillen , hinter dem wir große Entschlüsse , kühne Thaten , nie aber die zarten Empfindungen eines reichen Gemütes vermuten . Deshalb meinte auch Elisabeth , es sei unbeschreiblich rührend und ergreifend , wenn ein einzelner , kleiner Stern sein mildstrahlendes Gesichtchen aus dunklen Wolken strecke ; genau so aber erscheine ihr der gerade , feste Blick des Onkels , sobald er in einem weichen Gefühle schmelze . Und sie hatte oft genug Gelegenheit , die Metamorphose zu beobachten ; denn sie war sein Augapfel geworden . Er hatte ja nie Kinder gehabt und trug nun alle Vaterzärtlichkeit , deren sein reiches , volles Herz fähig war , auf sein liebliches Bruderskind über , das , wie er deutlich mit großem Stolze fühlte , ihm in vieler Beziehung geistig verwandt war , wenn auch hier alle jene Charakterzüge unter dem Hauche echt holdseliger Weiblichkeit sich verklärten . Sie vergalt ihm aber auch seine Liebe mit kindlicher Hingebung und zärtlicher Fürsorge . Bald hatte sie alles das , was zu seinem häuslichen Wohlbehagen gehörte , herausgefunden und griff da , wo Sabines Scharfsinn oder ihre waltende Hand nicht mehr ausreichte , unmerklich und mit so vielem Takte ein , daß die alte treue Dienerin niemals verletzt wurde , während um den Onkel ein ganz neues , behagliches Leben aufblühte , da Elisabeth auch auf seine kleinen Liebhabereien geschickt einzugehen und ihnen Geschmack abzugewinnen wußte . Auf dem Heimwege aus der Kirche , der dann gemeinschaftlich angetreten wurde , führte der Onkel Elisabeth gewöhnlich an der Hand , » wie ein kleines Schulmädchen « sagte sie , und es sah auch genau so aus . Die eben gehörte vortreffliche Predigt gab Veranlassung zu einem lebhaften Austausche neu angeregter Gedanken und Empfindungen ; dazu sangen und schmetterten die Vögel im grünen Dickicht , als sei es ihr gutes Recht , hier auch mitzusprechen , und durch die dichten Baumkronen taumelten grüngoldene Lichter verklärend auf die Häupter der Wandelnden . Am fernsten Ende des langen , dunklen Laubganges , denn es war ein sehr schmaler Holzweg , der vom Dorfe Lindhof nach der Försterei lief , blinkte wie ein goldener Punkt die helle , sonnenbeglänzte Lichtung , auf deren Mitte das alte Jagdhaus lag . Mit jedem Schritte näher wurde das kleine Bild deutlicher und klarer , bis man unter der Thür die harrende Sabine zu erkennen vermochte , wie sie , den einen Zipfel der weißen Küchenschürze quer aufgesteckt , die Hand schützend über die Augen haltend , nach den Heimkehrenden spähte und bei ihrem Erblicken eiligst in das Haus zurücklief ; denn es galt ja , droben unter den Buchen hinter der dampfenden Suppenterrine in treuer Pflichterfüllung zu stehen , wie der gewissenhafte Festungskommandant auf seinen Wällen . Heute aber hatte die alte Sabine ein besonders herrliches Mahl