wohl jemals der Religion mit dem Bedürfniß um Erlösung zugewendet ? Sie wissen , bester Freund , sagte der Baron zögernd und mit Bedauern , daß dies leider nicht geschehen ist . Bei meinem lebhaften Sinne und einem starken Selbstgefühle ist mir die Religion seit lange nur als eine Stütze und ein Heilmittel erschienen , deren der Gesunde und Kräftige entrathen und nach denen mich persönlich niemals verlangen könne . Indeß die Erfahrungen , welche ich jetzt an mir und in dem Leben überhaupt gemacht , und ein Eindruck , eine räthselhafte Erscheinung , die ich gehabt , eben heute gehabt habe - Er brach ab und sagte : Ich wiederhole Ihnen , ich wollte , ich könnte heute glauben und beten wie Sie , mein Freund , und mir damit das Herz entlasten . Und was hindert Sie daran ? fragte der Caplan , ihm fest ins Auge blickend . Mir fehlt die Zuversicht , der Glaube , daß Gebet mich trösten könne , daß für mich auf diesem Wege die begehrte Hülfe zu finden sei , wendete der Freiherr mit einer Weise ein , die sehr von jener Leichtigkeit abwich , mit welcher er solche Materien sonst zu behandeln gewohnt war . Der Caplan schwieg eine Weile wie im Nachdenken versunken , dann sprach er ernsthaft und bewegt , wie man eine tiefe Ueberzeugung , eine an sich selbst erprobte Erfahrung kund giebt : Mich müßte Alles trügen , oder Sie stehen auf einem jener Wendepunkte des Lebens , Herr Baron , auf welche der Mensch , nach meiner festen Ueberzeugung , nur dann gestellt wird , wenn das Einschlagen eines völlig neuen Weges für ihn das einzige Rettungsmittel geworden ist . - Er machte darnach wieder eine Pause und sagte endlich , als habe er lange nach der Form gesucht , in welcher er seinen Glauben dem Freiherrn zugänglich machen könne : Sie haben vor nicht langer Zeit selbst gegen mich über die mystische Grenze gesprochen , welche in unseren Handlungen das freie Wollen von dem Müssen und Erleiden scheidet , und ich erinnere Sie an diese Ihre eigene Ansicht , um in derselben Ihnen ein Gleichniß und in gewissem Sinne auch die Erklärung für Ihren jetzigen Zustand zu bieten . Ist irgendwo eine solche mystische Grenze zwischen der Freiheit des Menschen und der Führung des Höchsten vorhanden , so offenbart sich dieselbe , wenn wir Ihr Leben einheitlich überschauen , an Ihnen . Alles , was Sie unternahmen , sich eine höchste Befriedigung im weltlichen Sinne zu schaffen , erfüllte den Zweck nicht , Sie innerlich wahrhaft zufrieden zu stellen . Da fallen Sie auf einen Gedanken der Menschenliebe , aber auch ihm liegt ein weltliches Element zu Grunde . Sie machen ein Geschöpf Gottes , das Ihnen durch eine Verknüpfung von Umständen zur Pflege zugeführt wird , nicht zu einem Gegenstande Ihrer selbstlosen Sorgfalt , sondern zu einem Spiele Ihrer Phantasie , zu einem Glückspfande , und nur zu bald wird das arme Wesen Ihr Opfer , wird durch Sie um Unschuld , Glauben und Hoffnung gebracht . Jetzt kommt der Augenblick , in welchem Sie selbst das Bedürfniß fühlen , sich ein neues und geläutertes Leben in Ihrem Hause aufzuerbauen , und nun erwächst Ihnen aus Ihrer Vergangenheit , aus früherem Verschulden ein Unheil , das Sie selbst wie einen Fluch empfinden , vor dessen Anmahnung Sie sich nicht zu bergen , gegen dessen Last Sie sich nicht zu wehren und vor dem Sie keine Rettung zu finden wissen , von dem Sie auch nirgends Rettung und Erlösung finden werden , als an der Quelle , aus welcher alle Erlösung und alle Gnade quillt . - Er machte eine Pause . Der Baron hatte noch immer das Haupt auf den Arm gestützt und sah , in tiefes Sinnen versunken , vor sich nieder . Der Caplan wartete , ob Jener zu sprechen beginnen würde , indeß nur die Traurigkeit und Weichheit seiner Mienen verrieth , was in seinem Herzen vorging , und der Caplan hielt es für seine Pflicht , dem Bereuenden weiter entgegen zu kommen . Sie sind in diesem Augenblicke , sagte er , wie der verlorene Sohn , wie der Sohn , der im Uebermuthe seiner Kraft es verlernt hat , sich als Kind in seines Vaters Arme zurück zu flüchten . Sie wissen , Sie kennen den Weg , der Sie an das Ziel Ihrer Sehnsucht führen kann , aber Sie scheuen sich , ihn zu betreten , weil Sie verlernt haben , ihn zu gehen . Sie möchten beten können ; heißt das nicht beten ? Sie möchten sich zu Gott , zu Ihrem Erlöser wenden ; heißt das nicht zu ihm gewendet , zurückgekehrt sein zu ihm ? Sie verlangen nach Hülfe , nach Beistand , nach Gnade - aber die göttliche Gnade ist so unerschöpflich , daß das bloße brünstige Verlangen nach ihr , wenn es ein fortgesetzter Zustand der Seele wird , schon die Bürgschaft für ihre Gewährung in sich trägt , denn der Allhelfer fehlt dem Menschen niemals , wenn es von ihm ist , daß man Hülfe und Erlösung erwartet . Der Freiherr hatte den Kopf erhoben ; er sah den Caplan forschend an , und mit dem unverkennbaren Verlangen , eine Widerlegung seines noch nicht überwundenen Zweifels zu erhalten , fragte er : Könnte Unglauben so rasch zum Glauben werden ? Moses schlug voll Glaubens gegen den Fels , und aus dem harten , verschlossenen Gestein sprang die helle Flut des Lebens hervor , sein ganzes Volk zu erquicken . - Der Caplan rückte bei diesen Worten seinen Sessel nahe an den Baron heran , neigte sich zu ihm und sagte , indem er mit sichtlich bewegtem Herzen die Hand desselben ergriff : O , könnte ich Ihnen doch klar und eindringlich machen , was als feste , erhebende Ueberzeugung in mir lebt ! Der Glaube , der Ihren Vater , Ihre Mutter durch das Leben leitete , der Ihre verklärte Schwester in