als der letztere . Verwirrt und bestürzt stolperten beide auf der heiligen Schwelle und rutschten durch den abschüssigen Gang des Vokabulariums hinab in das grauenvolle Labyrinth der Deklinationen und Konjugationen , in welchem der Kollaborator Klopffleisch als erbarmungsloser Minotaur auf seine Opfer wartete . Aber Moses Freudenstein fand sich schnell wieder auf den Füßen , während Hans Unwirrsch noch längere Zeit kläglich auf seinem Hinterteil sitzen blieb und verloren , verraten und verkauft um sich starrte . Die schnelle Fassungsgabe , das treffliche Gedächtnis des jüdischen Knaben hoben ihn schnell über die ersten Schwierigkeiten der gelehrten Laufbahn weg , und nur mühsam und keuchend konnte Hans ihm folgen . Doch Wille ist Werk , sagt das Sprichwort , und Hans Unwirrsch hatte den besten Willen , seinen Freund nicht aus den Augen zu verlieren : alle Kraft setzte er daran , und der Kollaborator Klopffleisch respektierte bald den Willen seines Schülers . Glückliche Jahre ! Ach , wenn sie nur nicht so schnell vorüberrauschten , o Posthumus , liebster Posthumus ! Eben schien noch die heiße Julisonne durch die Fenster der Quinta auf unsere Köpfe , und wir schwitzten zu allem andern Schweiß dicke Angsttropfen über der zerlesenen Grammatik , während die Vögel draußen in den Bäumen uns auslachten und die Fliege , die frei über das blaue Heft spazierte , die frech um die Nase des Magisters summte , uns ein beneidenswertes Tier dünkte ! Nun ist es schon Winter , Schnee liegt auf dem Boden und den Dächern und wird vom freien , lustigen Wind gegen die Fenster der Quarta gewirbelt . Der Wind und die tanzenden Flocken höhnen uns nicht weniger als die Sommervögel und die Fliegen ; es gewährt uns nur eine sehr mangelhafte Genugtuung , daß wir uns nach Herzenslust über den Cornelius Nepos aufhalten dürfen , weil er seine Vorrede mit einem grammatikalischen Fehler anfängt und non dubito nicht mit quin konstruiert . Eine ganz andere Befriedigung würde es uns geben , wenn wir dem edlen Römer draußen auf dem Marktplatz die Qualen und den Jammer , welche er über so manche Generation von Schulbuben gebracht hat , durch einen tüchtigen Hagel von Schneebällen heimzahlen könnten . O Posthumus , wie schnell rauschen die Jahre ! Eben saßen wir noch als Tertianer wie junge Affen flegelhaft , zähnefletschend und schnatternd im Baum der Wissenschaften und fanden wenig Geschmack an den vielgepriesenen Früchten besagten Baumes : nun ist das auf einmal ganz anders geworden . Wir werden in der Sekunda mit » Sie « angeredet ; weit in nebelgrauer Ferne liegt jene Zeit , wo wir selbst des Nachts in unsern Träumen nicht vor dem Rohrstock des Kollaborators Klopffleisch sicher waren - wir haben unter den Folgen der ersten Zigarre schauerlich , aber heldenhaft gelitten ; einige von uns erweitern ihre Ansicht von ihrer gesellschaftlichen Stellung und Würde dadurch , daß sie Brillen von Fensterglas aufsetzen : wir fangen an , vor den Fenstern der ersten Klasse der Mädchenschule Parade zu machen , und einen Hauptgegenstand unserer Unterhaltungen bilden die Vorfälle der Tanzstunde . Grinsend stoßen wir einander unter den Tischen die Fäuste in die Seite , wenn der Konrektor Gnurrmann über einzelne Stellen und Szenen klassischer Dichtung schnell hinweggleitet oder sie ganz überschlägt ; wir haben diese Stellen natürlich längst und gründlich studiert und halten sie für die besten im Buche , und es ist ein Wunder , wenn unser Exemplar der » Odyssee « nicht stets da auseinanderfällt , wo Demodokos den Phäaken zur klingenden Harfe den schönen Gesang » über des Ares Lieb und der reizenden Aphrodite « singt . Es ist ein Glück , daß wir das andere Geschlecht in dieser blöden , bärenhaften Epoche unseres Daseins so sehr fürchten , daß das , was uns zum erstenmal so geheimnisvoll , so unverständlich wunderlich anzieht , uns zu gleicher Zeit in so respektvolle Entfernung zurückstößt . O selige Zeit , wo wir , ein Zwitterding vom Knaben und Jüngling , im Grunde genommen mit unserem Dasein nicht das mindeste anzufangen wissen und zwischen Verständigkeit und Unsinn angenehm für uns , sehr unangenehm aber für unsere lieben erwachsenen Angehörigen in der Schwebe hängen . Ganz anders sieht sich Welt und Leben von den Bänken der Prima an . Selbstgefühl entfaltete sich schon im vorigen Stadium im reichlichsten Maße in unserer Brust ; jetzt steht es in voller Blüte , wir werden sehr kitzlig im Punkt der Ehre . Der » erworbene « Charakter entwickelt sich nun immer schneller , bei manchem steht er bereits vollkommen fest . So recht zufrieden sind wir freilich nicht mehr mit unserm Zustand ; das Studententum lockt in zu großer Nähe , und fester noch als unser Charakter steht in unserer Seele die Form des Bartes , den wir in Jena oder Göttingen tragen werden . Unsere Stimme schnappt nicht mehr über , wohl aber öfter unsere Ansicht von der Achtung , welche uns die Herren Lehrer schuldig sind ; es kann vorkommen , daß unsere Anschauung in diesem Punkte allzusehr von der des Professors Fackler abweicht und daß wir schnöderweise deshalb vom Maturitätsexamen zurückgesetzt werden . O Posthumus , Posthumus , was würden wir darum gehen , wenn wir die Jahre zwischen dem zehnten und dem zwanzigsten noch nicht hinter uns hätten ! Sie hatten ihre Leiden und Ängste ; aber wir sprechen doch am liebsten von ihnen , wenn wir grauköpfig , kahlköpfig abends im Goldenen Löwen oder Silbernen Lamm , im Kasino oder in der Harmonie unsere Stühle zusammenrücken und den Staub des Berufs abschütteln oder hinunterspülen ! Wir vergessen darüber die Stunde , in welcher die Frau uns daheim erwartet , wir vergessen darüber die Aktenstöße , die sich um unsern Schreibtisch türmen , die Nase , welche wir heute von einem hohen Vorgesetzten erhielten ; wir vergessen darüber unsern Rheumatismus , unsere heiratsfähigen Töchter und unsern Hausherrn , der uns wieder um ein Drittel des Mietzinses gesteigert hat . Nur mit Mühe können wir bei der Nachhausekunft unserm ältesten Schlingel Eduard ,