Ich habe Sie rufen lassen , Doctor - , sagte sie mit leiser Stimme . Da sah sie mir genauer in ' s Gesicht . Ihr Mund verstummte ; sie starrte mich an mit Augen , die sich fast aus den Höhlen drängten - dann brach sie mit einem gellenden Schrei zusammen , noch ehe ich , oder die daneben stehende Kammerfrau sie in den Armen auffangen konnten . Wir trugen sie auf den Divan zurück . Sie war todtenbleich und kalt ; ich glaubte einen Augenblick , der jähe Schreck habe den dünnen Faden , an dem ihr Leben hing , zerrissen . Ich hätte den Tod als die Erlösung aus einer Hölle , als eine Gnade des Himmels begrüßt . Bald aber überzeugte ich mich , daß das Leben sie noch nicht aus seinen Banden lassen würde . Ich verstand genug von der Medicin , um zu wissen , was ich in diesem Falle zu thun hatte . Während ich um die Ohnmächtige beschäftigt war , fragte ich die Kammerfrau , ob Eleonore dergleichen Zufälle öfter habe ? wie es überhaupt mit ihrer Gesundheit stehe ? Das Weib glaubte einem Arzte gegenüber die ehrbare Maske fallen lassen zu müssen . Sie sei erst seit einem halben Jahre bei Mademoiselle in Dienst ; seitdem sei es mit Mademoiselle reißend bergab gegangen . Aber Mademoiselle lebe auch gar zu wild . Alle Nächte bis drei , vier Uhr Morgens getanzt oder beim Champagner hingebracht - das könne ja Niemand aushalten , zumal ein von Natur so zartes Geschöpf . Sie flehe Mademoiselle täglich an , dies Leben aufzugeben ; aber sie erhalte jedesmal zur Antwort : je schneller es vorbei ist , desto besser . Und vorbei wird es denn wohl auch bald sein , heulte das Weib , und ich werde meine arme junge Gebieterin verlieren , die ich , obgleich sie nicht lebt , wie sie sollte , lieb habe , wie mein eigenes Kind . Da begann die Ohnmächtige sich zu regen . Ich schickte die Kammerfrau , mit dem Auftrage , mir Riechsalz aus der Apotheke zu verschaffen , fort , weil ich , wenn Eleonore vollends erwachte , ohne Zeugen mit ihr sein wollte . Die alte Heuchlerin hatte sich kaum entfernt , als Eleonore die Augen wieder aufschlug und mich mit wirren ungläubigen Blicken ansah . Ich bemerkte , daß in dem Maße , als ihr das Bewußtsein zurückkam , das Entsetzen über meinen Anblick von neuem zunahm und eine zweite Ohnmacht hereindrohte . Dies bleiche Zurückschrecken vor Einem , dem sie sonst mit offenen Armen entgegenflog , war mir schmerzlicher als Alles und rührte mich bis zu Thränen . Ich empfand in meinem Herzen keine Spur von Haß , Zorn , nicht einmal von Verachtung - nein , nur Mitleid , grenzenloses unsägliches Mitleid . Ich weiß nicht , was ich sprach - aber es mußten wohl gute , wilde Worte der Liebe und Vergebung sein ; denn die starren Züge fingen allmälig an , milder zu werden ; die schreckensgroßen Augen wurden feucht , und zuletzt brach sie in leidenschaftliches Weinen aus , ihren Kopf an meiner Brust , der ich noch immer an ihrer Seite kniete , verbergend . Es war ein entsetzliches Weinen ; es war , als ob alle Thränen dieser letzten Jahre , die sie unter Lachen und Scherzen verborgen , aus ihren tiefsten Quellen hervorbrächen und sich nimmer erschöpfen würden - dazwischen ein Schluchzen , als ob ihr das Herz brechen wollte , ein Schreien , als ob ihr Inneres von zweischneidigen Schwertern durchwühlt würde . - Ich habe nie , weder vorher noch nachher etwas Aehnliches , einen solchen fühlbaren Ausbruch der Reue einer mit Sünden befleckten , aber von Natur nicht unedlen Seele gesehen . Unsere Rollen schienen auf eine seltsame Weise ausgetauscht . Es war , als ob sie die Beleidigte , ich der Beleidiger wäre ; ich erschöpfte mich in Bitten , in flehenden Worten , um linderndes Oel in einen Schmerz zu gießen , der mit so stürmischer Heftigkeit wüthete . Nach und nach gelang es mir , sie einigermaßen zu beruhigen . Sie weinte , den Kopf in die eine Hand gestützt , nur noch still vor sich hin , während ich , ihre andere Hand - wie weiß und schlank und durchsichtig ihre Finger geworden waren ! - in meinen Händen haltend , zu ihr sprach , wie ein Bruder in einem solchen Falle zu seiner Schwester sprechen würde . Ich bat sie , in mir ihren Bruder zu sehen , mir zu vertrauen als ihrem besten , vielleicht ihrem einzigen Freunde . Ich beschwor sie bei Allem , was ihr heilig sei , bei der Erinnerung an ihre Jugendzeit , bei dem Andenken an ihre Eltern , die nun beide in der kühlen Erde ruhten - sich aus diesem Strudel , der sie über kurz oder lang verschlingen müßte , zu reißen , mir zu folgen , gleichviel , wohin ; wenn sie wollte , in eine menschenleere Wüste , an das Ende der Welt , nur fort , fort von hier , aus diesem glänzenden Elend . Es ist zu spät ! zu spät ! murmelte Eleonore ; Du bist gut , ich weiß es , unsäglich gut ; aber es ist zu spät , zu spät . Ich weiß nicht , wie lange dieser Kampf gedauert hätte , wenn nicht ein eigenthümlicher Zwischenfall eingetreten wäre , der ihn wider all mein Erwarten schnell zu meinen Gunsten entschied . Während ich noch an Eleonorens Seite kniete , hörte ich plötzlich ein : superbe ! hinter mir . Ich sprang erschrocken empor . Vor mir stand ein elegant gekleideter junger Mann , der , das Glas im Auge , mich von oben bis unten und von unten bis oben betrachtete : superbe , wiederholte er . Mademoiselle , ich wünsche Ihnen Glück zu dieser neuen Eroberung . Der junge Mann war derjenige von Eleonorens Liebhabern , welcher sich durch