noch ein paar Pavillons , von denen sie den einen ganz allein beziehen könne und zwar so lange , bis das Arrangement mit den Tüngels getroffen wäre und sie sich dann in aller Stille eines Tages entfernen oder sonstwo auf seinen Gütern etabliren könne . Für ihre Existenz » so oder so « solle schon gesorgt werden ; denn die Undankbarkeit wäre einer der letzten von den alten Fehlern der Wittekinds ... Und nun schloß er , auch von der Bündigkeit seiner eigenen Darstellung geschmeichelt , mit einem Gelächter , daß die ganze Stube schütterte . Er zog dabei Lucinden an sich , um sie zu küssen , was auch erfolgt wäre , wenn ihn in seinem gewaltigen , selbstzufriedenen Lachen und dem Versuch , seinen rauhen Backenbart an der Sammtwange des Mädchens zu reiben , nicht ein Husten überkommen wäre , den er auf die verdammte Witterung , das heurige zu späte Eintreffen des Frühlings und » allerlei sonstigen niederträchtigen Aerger « schob ... Lucinde hatte keine Veranlassung , diesen Anordnungen Widerstand zu leisten . Sie selbst sehnte sich aus einem Hause hinweg , in dem sie die frühere Werthschätzung vermißte . Die Schraube mit dem Kammerherrn und der Möglichkeit , sich in eine glänzende Lebensstellung zu versetzen , ging ja noch fort . Vorläufig standen die neuen Verhältnisse , die der Kronsyndikus in Aussicht stellte , schon so lebhaft vor ihrer Phantasie , daß sie den Gedanken , in einem großen schönen Park einen eigens für sie eingerichteten Pavillon zu bewohnen , sich schon ganz mit allen möglichen Farben , ausmalte . Ihre ängstliche Schüchternheit aber legte sie nicht ab . Diese war auch vielleicht nicht ganz gemacht . Noch hatte überhaupt das Leben die wirren Stoffe , die in ihrem Innern lagen , nicht verarbeitet bis zur klaren Unterscheidung von Gut und Böse . Ihr Instinct sagte ihr jetzt , daß sie sehr anspruchslos und ungefährlich erscheinen müsse , wenn sie die gute Meinung , die der Kronsyndikus von ihr gefaßt zu haben schien , behaupten wollte . Daß sie sich mit dem , was er in Aussicht stellte , nicht ganz zufrieden geben würde , wußte sie schon . Damit sie aber dahin gelangte , mehr zu gewinnen , war es nothwendig , alles mit sich geschehen zu lassen , was der Kronsyndikus vorschlug . Sie erkannte gleich seine Art , als sie ihm wegen dieser weisen Anordnung ganz besonders innig gedankt und ihn damit noch wohlwollender gestimmt hatte . Sein ganzes Leben war , nach der gewöhnlichen Vorstellung solcher Charaktere , eine einzige große Erfahrung von Undank . Lucinde gefiel ihm immer mehr , und er sagte auch unten , daß in ihren schwarzen Augen etwas läge , was ihn , so alt er wäre , selbst noch thöricht machen könnte . Der unruhige und stürmische Geist des Mannes verlangte die allgemeine Abreise schon vor Ende des Tages . Der Kammerherr ließ alles geschehen , was man anordnete , blieb ihm doch sein Liebstes auf Erden , das Ideal seiner Träume , die ewig gleiche Belebung seiner Bilder , seine Schülerin , seine Heilige . Wie ein Kind nahm er Abschied von dem Hause des Pfarrers und den nächsten Umgebungen . Noch an den Riedbruch in dem Walde war er , bis an die Knöchel versinkend , gegangen und hatte an derselben Stelle , wo er einst Lucinden gefunden , einige schon sprossende Gräser und Schneeglöckchen gepflückt . Schon lange verkündete hier ein Würfel aus Sandstein mit einigen Emblemen des Philosophen jener kleinen Stadt , dessen System er an der Drechselbank und auch aus einigen bei demselben persönlich nachgeschriebenen Heften so bewunderte , und auf diesem Würfel das eingegrabene griechische Wort : » Heureka ! « ( Ich habe gefunden ! ) allen Blumen und Vögeln und Schmetterlingen und Käfern sein Glück - diesen wol allein , denn Menschen verirrten sich des sumpfigen Weges nicht . Der Pfarrer selbst , dem eine bedeutende Einnahmequelle versiegte , sah den oft so unholden Gast mit Rührung scheiden . Die Pfarrerin meinte : Man gewöhnt sich so bald an das , was tägliche Pflicht geworden , selbst wenn Plage und Qual damit verbunden ist . Den Verlust der Einnahme mußte man zu verschmerzen suchen , mischte sich doch auch das angenehme Gefühl in den Scheideaugenblick , erlöst zu sein von einem Alp wie Lucinde . Einen Misbrauch ihrer Schönheit , ein übles Beispiel , das sie den Kindern im Genuß ihrer Triumphe gegeben , konnte man ihr nicht nachsagen . Da sie aber die gewohnten und allgemeinen Wege in keinem Dinge gehen mochte und an kleinen Verwirrungen , die sie schon genug in den nächsten Beziehungen des Hauses angerichtet hatte , förmlich Freude zu empfinden schien , so sah man sie mit erleichtertem Herzen ziehen . Lucinde wußte das und machte von ihrem Gehen keine Umstände . Nur den Kindern im Hause und manchem Fleißigern in der Schule ließ sie zurück von ihrem Ueberfluß an Kleinigkeiten und hunderterlei Bagatellen , die ihr der Kammerherr verehrt hatte . Die Reise ging über das Eggegebirge der westfälischen Abdachung zu . Obgleich der Kronsyndikus mit der Mehrzahl seiner Güter der großen norddeutschen Monarchie angehörte , schien sein Herz doch mehr an Hannover , an Braunschweig , an Lippe , Bückeburg , Detmold zu hängen , in deren Gebieten er gleichfalls angesessen war . Ja , bis in den höhern Norden hinauf , bis Hamburg , bis Kiel hin besaß er einzelne , durch Verschwägerungen und alte Familienbeziehungen ihm zugefallene Güter . Der Kammerherr schien dabei trotz alledem sein Lieblingssohn . Des ältern , des Regierungsraths , wurde nur mit Gereiztheit gedacht , ja , in den Spott , in den er zuweilen über die Welt , in welcher jener lebte , ausbrach , stimmte der Kammerherr mit ein , sodaß man beide dann in ein mit ganz gleicher Tonart gesetztes Lachen sich ausschütten hören konnte . Die freie , ungebundene , ja zügellose Art des Vaters fiel Lucinden bald genug auf