- zum letzten Male . Ja , der Herr Graf hat sich seitdem nicht wieder auf der Insel sehen lassen . Umsonst waren alle Nachforschungen . Vergebens arbeiteten Advokaten und Pfaffen und stille Verehrer skandalöser Geschichten jahrelang daran , das Dunkel des gräflichen Verschwindens aufzuhellen . Keine Spur hat sich entdecken lassen wollen - Sollte der Herr Graf vielleicht einige Ähnlichkeit mit unserm Ritter Schnapphahnski gehabt haben ? Doch nein , es ist nicht möglich ! Auf Helgoland sah man aber in jenen Jahren oft beim Sinken der Sonne eine hohe schwarzgekleidete Dame das Ufer entlangwandeln . Sie führte ein reizendes Mädchen an ihrer Hand , und wenn der Abendwind den dunkeln Schleier der seltsamen Frau emporhob , da sah man in ein schönes , totenbleiches Angesicht . XII Die Herzogin Wie ein begossener Pudel , bleich , zitternd , kaduk , verließ unser Ritter Berlin . Es war ihm zumute wie weiland in den Pyrenäen , als er , ein flüchtiger Landsknecht , bespritzt von altspanischem Landstraßendrecke , das Weite suchte und aus Verzweiflung Autor wurde , ja , Schriftsteller - das Schlimmste , was einem Menschen im Leben passieren kann . Es fröstelte unsern Helden . Die Zukunft dehnte sich vor seinen Blicken wie ein langer trüber Regentag . Gläsernen Auges stierte er hinaus in die Leere seines Daseins , einem zerlumpten Auswanderer gleich , der müßig über das wüste , einförmige Wogen des Meeres schaut und mit sich zu Rate geht , ob er die Reise in eine neue Welt wagen oder ob er sich lieber hintereinander ersäufen soll . Die ekelhafteste , hündischste Phase des Unglücks ist die , in der man gleichgültig und dumm wird . Ein Unglücklicher , der weint und wimmert wie ein verliebter arkadischer Schäfer , er kann schön sein , man wird ihn lieben können , und blonde Poeten werden ihn besingen und Stanzen und Sonette auf ihn dichten , und blauäugige Mädchen werden an ihn denken noch manchen stillen Sonntagnachmittag . Ein Mensch , der sich , wie ein Laokoon , schmerzgefoltert durch die Schlangen des Mißgeschickes windet : er wird unsere Herzen mit sich fortreißen , und ein großer Meister wird ihn in Marmor hauen , und ein zweiter Lessing wird vielleicht eine unsterbliche Kritik darüber schreiben , und kunstsinnige Könige und klassische Schulmeister werden sich daran erbauen bis an den Jüngsten Tag . Und ein Mann endlich , der , jenem Römer gleich , mit kalt-heroischer Trauer auf den Trümmern einer Welt sitzt : er wird uns fesseln durch die Ruhe seines Adlerauges , durch die Allgewalt seines Schicksals . - Herr von Schnapphahnski schnitt aber leider weder ein Gesicht wie ein arkadischer Schäfer noch wie der große Laokoon , noch wie ein alter Römer ; er glich einem Unglücklichen , den man zehn Jahre lang in einem Zellengefängnisse marterte , der sich allmählich für den einzigen Menschen auf der Welt hielt , weil er niemand anders als sich sah ; ja , der sich endlich einbildete , daß er längst gestorben wäre und daß der Tod nur in dem Leben eines Zellengefängnisses bestehe , und der sich immer mehr mit seinem Schicksale aussöhnte , bis er zuletzt vor freudigem Wahnsinne stupide lachte , ja , bis seine Seele so gespenstisch durch die eingefallenen Augen schaute wie eine verwelkte Rose durch das zerbrochene Fenster eines Hauses , das morsch und menschenverlassen ist und über Nacht zusammenstürzen wird in Staub und Asche . Genug , unser Ritter war ein verlorener Mann , eine leichtsinnige Fliege , die ins Licht flog und sich Kopf , Beine und Flügel verbrannte . Ja , noch mehr . Unser Held hatte sich blamiert ; er hatte sich lächerlich gemacht ; er war » unmöglich « geworden , in jeder Beziehung ( ridicule et impossible ) . Wir wollen es nicht versuchen , die Monologe unseres Helden wiederzugeben - die Monologe , die er zwischen Berlin und der Wasserpolackei hielt , wenn er bald die Götter bat , ihn in das räudigste Schaf zu verwandeln , das hypotheziert auf seinen Triften ging , und bald wieder wünschte , seinen Kopf in beide Hände nehmen zu können , um ihn gleich einer Bombe in den Olymp zu schleudern , daß der alte Olympos platze mit all seinen Göttern . Schuldbeladen saß unser Held auf seinen verschuldeten Gütern . Seine Häuser , seine Felder , seine Schafe hatte er den Juden und den Christen verpfändet . Ihn selbst hypothezierte das Schicksal . Schnapphahnski war nicht mehr der alte Schnapphahnski . Man sagt , er habe in jenen Tagen manchmal in der Bibel gelesen - - erst nach geraumer Zeit sollte aus der melancholischen Puppe wieder der lustige Schmetterling springen . Diese Wendung in dem Trauerweidenleben unseres Ritters trat dadurch ein , daß ihm einst ein guter Freund aus alten Tagen ermunternd auf die Schulter klopfte und ihn darauf aufmerksam machte , daß er durch die Liebe unglücklich geworden sei und daß er folglich auch suchen müsse , durch die Liebe wieder auf den Strumpf zu kommen . Ein tiefer Sinn lag in diesen Worten , und als der wohlmeinende Freund unseres Ritters noch hinzusetzte , daß sich ganz in der Nähe eine gewisse steinreiche Herzogin aufhalte , die zwar ein höchst dornenvolles , jedenfalls aber ein ungemein ergiebiges Feld der Eroberung darbiete , da erwachte unser Held plötzlich aus seiner Lethargie und faßte den Entschluß , seinen letzten großen Coup zu wagen - - Ich komme jetzt im Laufe meiner Erzählung zum ersten Male an eine Stelle , wo ich unwillkürlich stutze und zurückschrecke . Die Feder versagt mir fast den Dienst ; ich möchte sie gern wegwerfen ; ich bin unschlüssig , ob ich überhaupt noch fortfahren soll : ich bin in der peinlichsten Verlegenheit . Meine freundlichen Leserinnen werden meine Not begreifen , wenn ich ihnen rundheraus sage , daß ich dazu gezwungen bin , mich über eine Dame auszulassen , deren Schicksale so wenig an das Leben einer Heiligen erinnern , daß ich