Der Doctor lächelte über das ganze breite Gesicht , denn er hatte eine Frage zu beantworten und begann mit pathetischem Tone und in seiner gewöhnlichen abgebrochenen Weise zu erzählen , wie der Baron gestern Nachmittag trotz seines ausdrücklichen Verbots auf die Berge gestiegen und bis tief in die Nacht in den Wäldern umhergeirrt . Dadurch sei die nur leicht verharrschte Wunde so entzündet worden , daß die ganze Mühe , die er sich mit ihm gegeben , umsonst sei . Nun müsse er wieder die Stube hüten , was ihn in die unangenehmste Laune von der Welt gesetzt habe . » Fataler Zufall ! « - schloß er seine Erzählung . » Das thut mir leid « - bemerkte die Forsträthin - » um so mehr , als wir nun wohl das Vergnügen entbehren werden , ihn noch einmal zu sehen . « - Lydia befand sich seit mehreren Tagen schon in einer Stimmung , die ihr selbst unheimlich und drückend war , da sie mit ihrer klaren und tiefen Natur in vollem Widerspruch stand . Sie war sich selbst ein Räthsel . Dies machte sie unruhig , und , was ihrem sonstigen Wesen ganz fremd war , launisch . Sie fühlte über Bergers Handlungsweise jetzt keinen Schmerz mehr , nur wenn sie in einsamen Stunden der vergangenen Zeit dachte , an ihre Heimath , an die süße Gewohnheit eines vertraulichen unbefangenen Umgangs mit dem jungen Mann , als sie mit ihrer Mutter nach Berlin übersiedelt war , an seine Lieder , die er für sie componirt - dann überfiel sie wohl ein Gefühl der Wehmuth , und ihre Thränen strömten die innere Trauer ihrer Seele aus . Doch bald überkam sie in solchen Augenblicken eine andere , bittere Empfindung ; wie ein frostiger Hauch durchschauerte ihr Herz der Gedanke an die Zerrissenheit und Unwürdigkeit des früher Geliebten , und eine trostlose Kälte , eine Leere an Empfindung verdrängte die Wehmuth aus ihrer Brust . Daß sie ihn nicht mehr liebte , ja daß sie ihn vielleicht nie geliebt hatte , wurde ihr immer klarer , aber sie hatte noch nicht das Bewußtsein , das nur die Erfahrung giebt , was der Grund dieser Gereiztheit sei , nämlich , daß sie im Begriff sei , einer andern Liebe Raum in ihrem Busen zu geben . Vielleicht ahnte sie diese Veränderung in sich , wenigstens wehrte sie sich instinktmäßig dagegen , aber wenn ihr Jemand den Namen Landsfeld genannt hätte , so würde sie wahrscheinlich mit Entrüstung eine solche Vermuthung von sich abgewiesen haben . - Was war nun aber die Quelle dieser erwachenden Leidenschaft ? Der Baron hatte eigentlich noch kein Wort mit ihr gesprochen , sie kaum beachtet , gewiß aber in keiner Weise sich ihr genähert . Welcher geheimnißvolle Einfluß konnte also seinerseits von ihm ausgeübt sein ? War es die männliche , energische Kraft seines Geistes , die sich in seiner Handlungsweise gegen Berger ausgesprochen hatte ? Dies hatte ihm wohl Lydiens Achtung erworben , aber wie wäre ihre Leidenschaft dadurch rege geworden . Oder war es die ritterliche Schönheit seiner Gestalt , die einen Eindruck auf ihre Sinne gemacht hätte ? Dazu war Lydia noch zu unbefangen und harmlos . Ihre Sinnlichkeit war eine völlig geschlossene Knospe , der sich noch kein belebender Sonnenstrahl genaht . Was also war dieser räthselhafte Grund ? Ein einziger Blick war es , der sie in ihrem mädchenhaften Far niente gestört , jener Blick , den Landsfeld auf sie geworfen , als er an dem ersten Tage nach der Scene in dem Rondel ihr begegnet hatte , und den sie nie wieder vergessen . Eine dämonische Gewalt mußte in diesem Blick gelegen haben , denn sie fühlte , wie er alles Blut ihr nach dem Herzen jagte , und es im nächsten Augenblicke mit reißender Schnelligkeit durch alle Adern trieb . Dieser eine Blick ruhte seitdem , ohne daß sie es ahnte , im tiefsten Winkel ihres Herzens , und tauchte nur dann auf , wenn irgend ein großes Ereigniß ihre Kraft in Anspruch nahm . Er hatte ihr den Muth zu jenem Gespräch mit Berger gegeben , er hatte sie in dem Kampfe der Trennung aufrecht erhalten , aus ihm schöpfte sie jetzt ihr ganzes inneres Leben , dessen Veränderung sie wohl fühlte , ohne über ihre geheimnißvolle Quelle im Klaren zu sein . - Jetzt , wo die durch die Stürme der vorigen Woche in Bewegung gesetzten Wellen sich allmählich geebnet hatten , fühlte sie eine unendliche Leere in ihrer innern Welt . Kalt und theilnahmlos , aber von steter Unruhe , deren Ursache sie vergeblich nachsann , hin und her getrieben , suchte sie sich durch mancherlei Beschäftigungen zu zerstreuen . Aber weder ihr Vogel , noch ihre Blumen , über die sie sich früher wie ein Kind hatte freuen können , waren im Stande , ihr ein Lächeln abzugewinnen . Mit Besorgniß blickte zuweilen die Mutter , der diese gänzliche Veränderung in ihrem Wesen nicht entging , auf ihre bleichen Wangen und getrübten Augen . Da sie dieselbe jedoch auf den Eindruck schob , den die peinliche und verletzende Art , in der sie sich von ihrem Jugendfreunde und Verlobten getrennt hatte , auf sie hervorgebracht , so vermied sie es , darüber zu sprechen , in der Hoffnung , daß die Zeit , wie überall , auch hier als der beste Arzt sich geltend machen würde . Eines Tages , es war der zweite vor ihrer Abreise , als sie eben von ihrer Morgenpromenade zurückgekehrt waren , klopfte es an der Thüre und Landsfeld trat herein . Sein Arm ruhte noch immer in der Binde und sein Gesicht war noch bleicher als gewöhnlich . Auch Lydia erbleichte , und hatte kaum die Kraft , sich vom Stuhle zu erheben . Die Forsträthin lud ihn mit großer Herzlichkeit zum Sitzen ein . » So sind Sie also noch nicht fort ? « - sagte er hastig , indem er tief Athem schöpfte . » Der Doctor