tragen zu dürfen . « » O ja , « erwiederte Faustine gelassen , » das glaub ' ich recht gern ! ich habe nur nicht die heilige Zuversicht , daß wir nicht Beide der Sache überdrüssig werden könnten . Ich würde fürchten , er ließe mich fallen oder ich spränge herunter . « » Aber bei mir hast Du es nie gefürchtet ? « » Nie ! « sagte sie sorglos . Ein solches » nie « - ist die größte Ehre , welche eine Frau einem Manne erzeigen kann . Andlau hatte so oft schon Aehnliches von ihr gehört und gesehen , daß er nicht überrascht davon sein konnte ; allein hingerissen und bezaubert war er immer von Neuem durch die anmuthige Nachlässigkeit , die gedankenlose Grazie , mit der sie stets das zu treffen wußte , was sie instinktmäßig als das Schönste erkannte . » So lange ich noch bei Dir bin , will ich mein schönes Vorrecht nicht blos figürlich gebrauchen « - sagte er , hob Faustine empor , und hielt sie in beiden Armen an seine Brust gedrückt ; - » Sonnenstrahl , Rosenduft , meine Ini , bist Du für mich Weib geworden ? wirst Du mir nicht verschweben in den beweglichen , unfaßbaren Elementen , woraus Du durch ein Wunder geschaffen bist , wie die Venus aus dem Schaum des Meeres ? oder hast du selbst das Wunder gethan , und wie eine Fee Dich sichtbar in der Welt gemacht ? « Faustine lag graziös auf seinen Armen , ihr Haar hing aufgelöst herab , ihre Augen waren halb geschlossen , nach ihrer Art. Wenn es nichts zu sehen gab , sparte sie sich gern die Mühe sie zu öffnen , und blickte nach innen . Sie sprach : » Rede nur weiter , es klingt gar lieblich ! ich freue mich , wenn Du einmal mit meinen Worten sprichst und aus Deiner kühlen Weise heraustrittst . « » Aber ich verweichliche Dich zu sehr ! « sagte er , wie sich besinnend , und stellte sie auf den Fußboden zurück und küßte ihr lockiges Haar , als sei es der Schleier einer Heiligen . Er trieb Abgötterei mit seinem lieblichen Idol . Seiner Absicht treu , um ihr die Langweiligkeit der einsamen , herbstlich trüben Fahrt zu sparen , brachte er sie nach Dresden , und Faustine , die , wenn sie glücklich war , wol in die Ewigkeit hinüber sah , jedoch nicht über das irdische Heute hinweg - dachte nicht daran , daß am erreichten Ziel der Abschied ihr bevorstehe , und war während der Reise so liebenswürdig , daß Andlau selbst zu glauben anfing : er bringe den Wünschen seiner Brüder ein unermeßliches Opfer . Manche Menschen werden immer liebenswürdiger , je mehr Augen sich auf sie richten ; nicht aus Eitelkeit , sondern weil ihnen der allgemeine Beifall Zuversicht giebt und sie anregt . Andere sind am liebenswürdigsten einer einzigen Person gegenüber , wenn diese ihrer Eigenthümlichkeit zusagt ; viel Augen , viel Fragen , viel Einwürfe stören sie . Es kommt dabei sehr auf die jedesmaligen Gaben an , sogar auf physische . Wer witzig ist , wer schlagende Antworten giebt , wer eine elegante Form des Ausdrucks , ja , gar ein wohltönendes Organ besitzt , fühlt sich behaglich in dem größeren Zirkel . Wo Ernst und Sinnigkeit vorherrschen , wo die Rede nicht schimmert , wo der Ton der Stimme leise ist , da sind weniger Zuhörer willkommen . Faustine , wie fast alle einsam , d.h. ohne großen Familienkreis , lebenden Personen , hatte eine leise Stimme . Wo eine bedeutende Schaar von Geschwistern ist , mit denen man doch auf gleichem Fuß stehen - oder von Kindern , denen man befehlen muß - da wird die Stimme von selbst laut und tönend ; sie soll gehört werden und bisweilen dominiren ; aus dem Hause bringt man diese Gewohnheit in die Gesellschaft hinüber . Wer allein lebt , ohne Kinder , ohne Hauswesen , nur mit einem oder zwei Menschen in vertrautem Umgang , der ist nicht im Stande , in einem übervollen Salon zu sprechen , es müßte denn sein , daß Alles schwiege , wenn er redete . Faustine hatte eine leise Stimme , die immer leiser wurde , je inniger und eindringlicher sie sprach . Es ward zuletzt wie ein Klingen der Seele , aber ganz verständlich , so wie man die Aeolsharfe und das Murmeln des Baches ganz genau versteht . Daher sprach sie in der Gesellschaft nur mit ihren Nachbarn rechts und links , sie machte kein allgemeines Aufsehen , aber der jeweilige Nachbar war captivirt , wenn sie sprach , - was auch nicht immer geschah . Den Wecker an der Uhr stellt man auf eine bestimmte Stunde : dann schnurrt er sein Stückchen ab ; der Mensch ist keine Sprechmaschine , die ihr gegebenes Thema abhaspelt . Von innen muß er angeregt werden , nicht von außen , wenn er etwas Gescheutes hervorbringen soll . In Faustinen war Alles vereinigt , um sie Andlau gegenüber am liebenswürdigsten zu machen ; ein Hauptgrund aber war der , daß er sie liebte . Es ist die schwierigste Aufgabe für eine Frau , auf die Dauer und durch lange Jahre hindurch , liebenswürdig wie keine Andre für den Mann zu bleiben , mit dem sie verbunden ist . Die entnervende Gewohnheit weht über ihn hin , wie feuchte Luft über eine Harfe , und die Saiten erschlaffen . Ihre Liebe reicht nicht aus . Aber die Sache wird ihr sehr leicht gemacht , sobald er sie liebt ; und dies seltene Glück hatte Faustine . Vierundzwanzig Stunden nach ihrer Ankunft in Dresden fuhr Andlau seiner Heimath zu . Beim Abschied sprach er zu Faustinen , nachdem er alle Ausdrücke der Liebe und Zärtlichkeit erschöpft hatte : » Nun zum Schluß das Wichtigste : Ini , vergiß mich nicht . « » Das ist ein abgebrauchter Scherz , Anastas !