? Die Großmutter sah in das wehmüthig werdende Gesicht des Kindes und wollte sie eben davon ablenken , als Lucie heftig ausrief , indem große Thränen über ihre Wangen rollten : Und Gaston wird nie sterben vor Hunger ! Nein , sagte die alte Lady , freundlich beschwichtigend , wir wollen ihn immer füttern . Doch Lucie war noch nicht mit ihren Combinationen zu Ende , denn sie sagte bittend , als hinge Alles von den Zusicherungen der Großmutter ab : Aber Menschen , liebe Großmama , die sterben nie aus Hunger ? Alle fühlten sich ergriffen von dieser ängstlichen , rührenden Frage des holden Kindes , und erst nach einer Pause sagte die Großmutter , indem sie die Stirn des Lieblings küßte : Ohne Gottes Willen fällt kein Haar von unserm Haupte ; er ist nahe Allen , die ihm vertrauen . Sanft wandte sie sich weg , um dem lieben Kinde nicht länger Rede zu stehen , als ihr Blick auf ihrer Schwiegertochter ruhen blieb , die sich mit einer Art Schauder von dem leise eingetretenen Stanloff , der sich eben den Damen nähern wollte , wegwandte , indem sie mit einem Tone , in dem eine angstvolle Befürchtung ausgedrückt lag , ihm zurief : O , was bringt Ihr , Stanloff ? Die Gewißheit Ihres Todes ! und ist dies arme , hülflose Weib wirklich den Hungertod gestorben ? Stanloff wollte eben beruhigend erwiedern , als Lucie mit einem heftigen Ausbruche des Weinens sich in die Arme der Mutter warf , angstvoll dazwischen rufend : O Mutter , Mutter , stirbt doch ein Mensch aus Hunger ? Alle waren bewegt . Stanloff wiederholte einige Mal , daß sie lebe , nicht aus Hunger sterben werde , aber Luciens Phantasie war in Schrecken aufgegangen , und die Herzogin fühlte mit gemischten Empfindungen , daß ihre eigene gereizte Stimmung das liebe Wesen so hingerissen habe . Erst dem ehrenwerthen Master Copley gelang es , mit seinen verständigen Worten sich Eingang zu verschaffen . Lucie hob das Köpfchen von dem Busen der Mutter , gab Copley ihr Händchen und schaute gläubig mit den großen , in Thränen schwimmenden Augen zu ihm auf ; dann stieg sie von dem Schooße herunter und ging mit ihrem geliebten alten Lehrer auf den Altan , um nachzusehen , ob die Vögelchen schon die Krümchen abgeholt hätten . Auch ließ sie sich willig finden , vom Weinen ermüdet , mit Miß Debington , ihrer Gouvernante , nach ihrem Zimmer zu gehen , und nahm höflich mit kleinen holden Verbeugungen von Allen Abschied . Als sie aber an Lovelace vorüber ging , bettelte sie ihm vertraulich ein Weizenbrödchen ab , um Gaston noch damit zu füttern , bei dem sie selbst nachsehen wollte , ob er satt sei , Nach ihrem Verschwinden kehrte man zu dem Gegenstande zurück , über den man Stanloffs Mittheilungen erwartete . Sie lag seit gestern schon mehr in dem Zustande einer Schlummernden , hob er an ; ich versuchte ihr stärkende Brühe und Tropfen einzuflößen , und überzeugte mich , daß sie heute erwachen müßte , da ihr Schlaf immer leichter und das Athmen freier ward . Diesen Moment durfte ich nicht versäumen , er entzog mich der Ehre , hier zu sein , und vor einer Stunde schlug sie die Augen auf . - Ein Ausruf des Antheils unterbrach hier die Erzählung . Stanloff fuhr fort : Ihre Blicke hafteten an ihren Bettbehängen , dann an dem Theile des Zimmers , der zu übersehen war ; sie bewegte die Lippen , aber Schwäche schien sie zu hindern . Ich erwartete , daß sie Durst empfinden würde , und hatte zu dem Ende ein angenehm stärkendes Getränk bereitet . Alice trat an die Vorhänge mit dem Becher in der Hand , sie blickte sie lange ohne Ausdruck an . Nachdem Alice nun einige Male gefragt , ob sie zu trinken begehre , und nachdem jene das Gesagte verstanden , erhob sie die Hand nach dem Becher . Leider sah ich an der Heftigkeit , mit der sie trank , eine neue Bestätigung meiner ersten Vermuthung . - Daß sie durch Hunger so weit kam ? rief die Herzogin . Ja , sagte Stanloff , ich muß es wiederholen . Als sie getrunken hatte , sagte sie zuerst : Bin ich denn krank ? Warum liege ich zu Bette ? Und warum nicht in meinem Zimmer ? Ich kenne Dich nicht , gute Frau ! Wo ist Hanna ? - Ihr waret krank ; seid nur recht ruhig , sagte Alice , legt Euch nieder . Ich bin sehr müde , erwiederte jene , kaum vernehmbar , und schlief sogleich wieder ein . - Und seid ihr nun beruhigt ? fragte die alte Lady , hofft Ihr jetzt ihre Genesung ? - Ich hoffe sie jetzt , denn sie ist jung , ihr Zustand hat ihren Körper noch nicht verzehrt ; es scheint vielmehr , daß Seelenleiden den Muth des Herzens gebrochen , wie dies bei jungen Personen häufig die physischen Kräfte bis zur Ohnmacht zu unterdrücken vermag . Man blieb noch eine Zeitlang beisammen und begab sich dann durch die angrenzenden Gemächer nach der Kapelle , in der sich die Dienstleute schon versammelt hatten , um ein höchst erbauliches Abendgebet des Master Copley anzuhören . Die alte Lady zog es vor , von dort aus nach ihren Zimmern sich zu begeben , und die kleine Gesellschaft des Schlosses trennte sich , den Rest des Abends für sich zu verleben . Wir finden nach einigen Tagen die Damen in den Zimmern der jüngern Herzogin beschäftigt mit der Auswahl von farbiger Seide zu dem noch unvollendeten Teppiche , an dem die Gräfin Arabella mit den andern Damen arbeitete , indessen Lucie die Nadeln für alle fädelte und vorgab , sehr viel zu thun zu haben , Die Herzogin mußte auch gearbeitet haben , doch ruhte das Blumenstück , an dem sie gestickt , wie es schien , vergessen in ihrem Schooße , und