eilen könne , aber er müsse auf die Parade . Ich beruhigte ihn , und verpfändete mein Ehrenwort , daß die Sache nichts weiter sei , als ein kleiner Schnupfen . Gegen Abend fand ich mich wieder bei der verstellten Kranken ein , denn ich war neugierig , wohin diese Komödie führen werde . » Treuer , sorgsamer Freund ! « sagte die Mutter , welche von meinem Eifer gerührt war . In bescheidner Entfernung vom Krankenbette saß der Lieutenant , wie es schien , zerstreut und verlegen . » Es ist doch ein großes Glück um einen gleichmütigen Sinn « , stichelte die Mutter . » Man versäumt dann nichts Notwendiges , und macht die Geschäfte erst ab , bevor man dem Herzen folgt . « » Er will es nicht glauben , daß ich so krank bin , Doktor « , seufzte Fräulein Ida , deren hochrotes Antlitz von großer Bewegung zeugte . Die alte Jungfer saß im Fenster und strickte für die Armen . Diesmal erriet meine Diagnose die Krankheit . Mich gelüstete nach der Krisis , und da ich als junger Arzt , traurig für mich , überflüssige Zeit hatte , setzte ich mich zu den gesunden Damen , und knüpfte mit ihnen eins der Gespräche an , aus welchem man noch immer mit Geistesfreiheit nach etwas andrem hinzuhören vermag . » Wenn ich sterbe , Fabian ... « lispelte das Fräulein . » Teure Ida , an einem Schnupfen stirbt man ja nicht « , versetzte freundlich aber gefaßt der Lieutenant . Sie begann immer heftiger und weinerlicher zu reden , kam in den Ton der Jean Paulischen Liane , sagte , im Traume sei ihr ihre selige Caroline erschienen , und sprach viel von Ahnung und Vorgefühl . Ich saß so , daß ich im Spiegel die Szene beobachten konnte . Je pathetischer das Fräulein wurde , desto mehr nahm das Gesicht des Bräutigams den Ausdruck der Abwesenheit an , er half sich fast nur noch mit Interjektionen , als : » Hm ! So ! Ei bewahre ! « Nachmals hat er mir gestanden , daß er an dem Tage einen Verdruß mit seinem Obersten gehabt habe , und daß seine Gedanken freilich mehr bei dem ungerechten Vorgesetzten , als bei dem Schnupfen des Fräuleins gewesen seien . In einem solchen Zustande laufen einem gewisse Redensarten , die man häufig im Munde führt , ohne Sinn und Verstand über die Lippen . Daher geschah es , daß , als das Fräulein , welche über die Fassung ihres Geliebten immer mehr aus der Fassung geriet , mit unterdrücktem Weinen sagte : » Ja , ich empfinde ein gewisses Etwas in mir , ein Weben der Auflösung , die schwarzen Männer werden mich gewiß wegtragen « - der Lieutenant , der schon lange nicht mehr wußte , wovon die Rede war , zerstreut und feierlich ausrief : » Wie Gott will ! Der Wille des Herrn geschehe ! « Schrecklich war die Wirkung dieser Worte . Das Fräulein , entrüstet über eine solche Ergebung in die Fügungen des Himmels , die doch gar zu weit ging , warf meine unschuldige Medizinflasche zu Boden , daß die Scherben umherflogen , und rief : » Aus meinen Augen ! Ich habe dich durchschaut ! Fort ! Wir sind für immer geschieden ! « - » Wenn meine Tochter stirbt , sind Sie ihr Mörder « , wehklagte die Mutter . Die alte Jungfer hatte ihr Strickzeug in den Schoß sinken lassen , und äußerte so mit Salbung : daß derjenige zu beneiden sei , der so früh , wie Ida , die Einsicht in die Nichtigkeit aller Erdenlust gewinne . » Erlauben Sie mir nur einige Worte zu meiner Verteidigung ... « stammelte der arme Fabian . » Es ist jetzt nicht Zeit dazu , machen Sie , daß Sie fortkommen « , raunte ich ihm zu . Ich war mit den Damen allein . » Ida ! meine Ida ! « seufzte die Mutter . » Diese Gemütserschütterung in deinen Leiden ! Erhole dich , mein Kind , denke nicht mehr an den Abscheulichen . « - Ich beschloß , die kleine Heuchlerin zu strafen , und die alte Jungfer dazu . Und so ist es gekommen . Ich erklärte den Zustand des Fräuleins für verschlimmert , ich ernannte die bejahrte Freundin zur nächtlichen Wächterin , da die Mutter eine solche Anstrengung nicht aushalten könne . Drei Tage mußte die gesunde Kranke im Bett zubringen , drei Nächte hatte die Friedensstörerin auf dem Wächterstuhl zu versitzen . Endlich erklärte jene sich mit Gewalt für hergestellt , zuletzt lief diese aus dem Hause und verschwor , es wieder zu betreten , wenn ich dort aufgenommen bleibe . Darüber bekam sie mit der Mutter Streit und Feindschaft , die mich einen seltnen Menschen nannte . Kurz , der böse Feind hatte sich diesmal die Grube selbst gegraben . Mehrere Wochen vergingen , in denen ich nichts von meinen Liebesleuten hörte . Einige wirkliche und zwar sehr ernste Krankheiten hatten meine ganze Zeit in Anspruch genommen . An einem schönen Märztage wanderte ich über den neuen Kirchhof , wo alle Sträucher in dem ungewöhnlich frühwarmen Wetter schon die Knospenaugen aufschlugen . Ich wollte die neuen Einrichtungen im Leichenhause besichtigen , welche zur Rettung der Scheintoten angebracht worden waren . Soeben mit dem Meisterdiplom versehen , hatte ich , die Obsorge über jene Anstalten zu führen , von der Stadt den Auftrag bekommen . Als ich durch die gewundenen , mit Kies reinlich gefesteten Wege des parkartigen Gottesackers ging , und das im gefälligen Stil erbaute Leichenhaus hinter einem Rasenplatze liegen sah , sagte ich : » Es ist kein Wunder , daß die Menschen jetzt mit dem Leben unzufrieden sind , man macht die Sterbehäuser und Grabstätten zu anlockend . « Auf einem freien Platze fand ich unvermutet meinen Phlegmatikus . Er stand bei einem Sträußermädchen , die ihren Korb voll Frühlingsblumen ihm vorhielt . Er wählte und suchte