hergestellt ist . Sorgfältig muß ihm darum Alles verborgen werden , was ihn auf solche Gedanken bringen könnte . Ich will darum meinen Zorn verrauchen lassen und dann auch gleich sehen , wie er sich befindet . Die Frauen erzählten nun dem Arzte , daß der junge Mann einige Stunden in ihrer Gesellschaft zugebracht habe , und Emilie bemerkte mit Theilnahme , daß er noch sehr schwach sei und noch ein sehr krankes Ansehen habe . Wenn er sich nur nicht durch zu langes Aufsitzen geschadet hat , rief der Arzt , die Jugend kennt kein Maß , und wenn nur die Stunden angenehm hingebracht werden , so kümmert sich so ein Kranker wenig darum , wie viele Sorgen er seinem Arzte verursacht . Nun , ich werde gleich sehen , welche Folgen sein Besuch gehabt hat . Er wollte sich nach dieser Erklärung entfernen , kehrte aber schnell in der Thüre wieder um und wendete sich hastig an den Grafen , der indessen nachdenkend auf und ab gegangen war . Beinah , rief er , hätte ich einen Auftrag vergessen ; der Herr Pfarrer hat mir dieß Briefchen für Sie gegeben , und ich Dummkopf hätte es beinah aus Zerstreuung bei mir behalten , statt es Ihnen einzuhändigen . Er reichte mit diesen Worten dem Grafen ein kleines Billet auf ziemlich grobem Papier , nach des Pfarrers gewöhnlicher Weise in höchster Kürze , ohne alle Zierlichkeit abgefaßt , ja selbst ohne Beachtung der Formen , die Höflichkeit und Sitte sonst gewöhnlich dem Menschen vorschreiben . Der wörtliche Inhalt desselben war dieser : Statt des Titels : P. P. Morgen um halb neun Uhr werde ich mit dem alten Lorenz bei Ihnen sein . Er wird die Urkunde wiederschaffen . Ich bitte also , den Schlüssel zum Archive und die versprochenen hundert Dukaten bereit zu halten . Seefeld , Prediger zu - - . Der Graf war freudig überrascht durch den glücklichen und schnellen Ausgang einer Sache , die ihm so viele Sorgen verursacht hatte , zugleich aber ein wenig beleidigt durch die unhöfliche Form , in welcher ihm dieser glückliche Ausgang gemeldet wurde , und indem er anerkannte , welchen wichtigen Dienst ihm der Pfarrer geleistet habe , beschloß er doch zugleich , die nächste Gelegenheit wahrzunehmen , wenn er etwas Bedeutendes für den Geistlichen thun könne , um sich von der Last der Dankbarkeit zu befreien , die ihm nach des Pfarrers Gemüthsart drückend zu werden drohte . Der Arzt verfügte sich nun zu seinem Kranken , er fand dessen Puls fieberhaft , seine Wunden gereizt , kurz seinen Zustand auf alle Weise verschlimmert , und schrieb dieß Unglück dem zu langen Aufsitzen und einer zu lebhaften Unterhaltung zu . Es ist ganz so , wie ich es mir gedacht habe , rief er mehrere Male hintereinander und befahl dem alten Haushofmeister künftig darüber zu wachen , daß Herr St. Julien nicht lange in Gesellschaft bleibe und in den nächsten zwei , drei Tagen das Zimmer gar nicht verließe . St. Julien schwieg . Er ließ sich mit dem Arzte in keinen Streit über die Ursache seines verschlimmerten Zustandes ein , er ließ sich alle seine Verordnungen gefallen und gab sehr gern das Versprechen , sein Zimmer in den nächsten Tagen nicht zu verlassen . Wenn Sie wollen , sagte er mit einiger Bitterkeit , so will Ihnen versprechen , Monate lang mich hier einzuschließen , bis zum Frieden , wenn Sie es verlangen . Gott behüte , sagte der Arzt , nur so lange , bis Ihr Puls wieder ruhig geht , bis Sie ohne Gefahr Sich dem Vergnügen der Gesellschaft überlassen können ; dann , im Gegentheil , werde ich Ihnen Zerstreung sehr anempfehlen , denn Sie werden schwermüthig und das darf nicht sein , das hindert die Genesung . Da St. Julien den Wunsch zu schlafen äußerte , so zog sich der Arzt zurück , indem er bemerkte , der Schlaf sei Balsam , den die Natur in alle Wunden träufle , und der am Besten die gereizten Nerven beruhige . Er ging ; aber St. Julien war weit davon entfernt , die Wohlthat des Schlafes zu genießen ; alle Bilder , die der heutige Tag ihm gezeigt hatte , gingen noch einmal vor seiner Seele vorüber , und er wiederholte sich innerlich alle Worte , die zu ihm waren gesprochen worden . Von Neuem setzte ihn der seltsame Empfang der Gräfin in Erstaunen , und von Neuem fühlte er sich von der edeln Gestalt angezogen und gerührt von der Güte , die sie ihm gezeigt hatte . Von Neuem entzückten ihn die süßen Töne , die Emiliens Lippen entschwebten , und lebendig stand sie vor dem Auge seiner Seele ; er fühlte den Blick der blauen Augen im Herzen , er sah die schlanke Gestalt in allem Reiz der anmuthigsten Jugend , aber er fühlte auch schmerzlich die Härte , die Kälte , mit welcher der Graf ihn zum ersten Male verwundet hatte . So bin ich denn hier nichts , klagte er innerlich , als ein gefangener Feind , der so lange mit Schonung behandelt wurde , als er ein Gegenstand des Mitleids war , und der , kaum dem Grabe entrissen , Mißtrauen und Zweifel erregt ; so schnell ist die Theilnahme verschwunden , daß mich der Graf im ersten Augenblicke , in dem er mich außerhalb des Bettes erblickt , mit Härte an meine Gefangenschaft erinnert . Hätten sie mich an dem unglücklichen Tage im Walde sterben lassen , so wäre ich nun frei . Er tadelte sich selbst über diese Gedanken und beschuldigte sich der Undankbarkeit ; indem er sich die Güte des Grafen vergegenwärtigte , blieb ihm der Gedanke höchst quälend , daß er eigentlich nackt in dessen Hause aufgenommen worden war , und er Alles , von den dringendsten Bedürfnissen des Lebens an , bis zu den überflüßigen Dingen , die ein in Wohlhabenheit erzogener Mensch so schwer entbehrt , der Güte des Grafen verdankte , und daß