Wesen wieder . So träumte sie bewußtlos fort , bis ihr Auge und Wangen unerträglich brannten . Sie hielt die Hand schützend vor der Flamme , und lüftete mit der andern das sittig anschließende Busentuch , als zu ihrem Schrecken der vergessene , blutgefleckte Schleier in ihren Schoos niederfiel . Mein Gott ! rief sie , dies Blut ! - sein Blut - so nahe trug ich ' s auf dem Herzen ! - sie schauerte zusammen , barg das Gesicht in beide Hände , und stammelte leise : O Gott ! O Gott ! es ist mein eigenes Herzensblut geworden ! Jetzt fühlte sie , wie alles war , sie wußte es , sie sagte es sich ganz bestimmt . - Der also , dachte sie , der ward mir so unleugbar auf diesen Wege zugeführt ! Darum mußten wir hierher und grade hierher - wie leicht konnte es anders sein ! Mein armer Freund ! und Dein Blut mußte fließen ! sie sah mit tiefer , wehmüthiger Zärtlichkeit zu ihm hin . Er war erwacht , und schien etwas betroffen ihrem Blicke zu begegnen . Es war gewiß , man konnte nichts Schöneres , nichts Ergreifenderes sehen , als sie in diesem Augenblick . Der strenge Ernst ihrer Mienen war erweicht , ihre Wangen glüheten wie zwei Purpurrosen , das Haar war fest geordnet , die Stirn frei und der königliche Blick von sanfter Trauer über des verhängnißvolle , schöne , schmerzliche , Leben gemildert . Die länglich feinen Hände waren herabgesunken , Hals und Kopf weniger gehoben als sonst , es war , als sei ihr Stolz , ihr Muth , ihr Herz , gebrochen ! Doch jetzt war auch Marie erwacht . Sie rieb mit beiden Händchen die Augen klar , dann faltete sie sie wieder , und betete leise , ohne aufzusehen . Ihre Lippen bewegten sich anmuthig wie zwei Rosenknospen , die im säuselnden Morgenhauch einander leicht berühren , Adalbert glaubte , das linde Wehen zu fühlen , als sie hell aufsah , wie die Freude lächelte , ihn schweigend grüßte , und nur mit Zeichen fragte , ob seine Wunden noch schmerzten ? aus Furcht , den Schlaf der Andern zu stören . Ihre Bewegungen hatten dabei so viel Liebliches , und wenn sie die Hand mit der allerschuldlosesten Unbefangenheit bald hier bald dort auf die Brust legte , um die Stelle seiner Wunden anzudeuten , so hatte es fast das Ansehn , als betheure sie irgend eine liebevolle Zusicherung , so daß Adalbert , auf das Anmuthigste gerührt , lebhaft wünschte , es möchte so sein , und , einen Augenblick dem süßen Wahne nachgebend , so viel Zärtlichkeit und Ergebung in seine Geberden- und Zeichensprache legte , daß Antonie , davon erschreckt , unwillkührlich in die Höhe fuhr , und durch das etwas heftige Fortschieben ihres Stuhles die Andern erweckte . Jetzt ward alles laut und lebendig . Man hatte sich begrüßt , befragt , Mittel und Wege zur weitern Reise bestimmt , Alles war bereit . Adalbert sollte Antoniens Platz in der Baronin Wagen einnehmen . Antonie hatte sich einmal zu den Männern gesellt , sie mußte jetzt schon den unbequemern Sitz , und das luftigere Fuhrwerk , welches beide , wenn sie nicht ritten , vorzugsweise gewählt hatten , dem kranken Vetter zu Liebe , ertragen . Der Herzog wollte nun einmal keine von den andern Frauen neben sich haben , er fürchtete ihr verzärteltes Wesen , er kannte Antonien nur gesund , fest , und in jedem Augenblick Muthvoll . So blieb es dann dabei , daß Adalbert Marien gegenüber , im fest verschlossenen Reisewagen saß , und sie ihn für mehrern Stunden aus den Augen verlor . Zwar hatte er sich nur mühsam in die Anordnung gefügt , und der gütigen Freundin so verbindlich und rührend für das große Opfer gedankt , welches sie so willig bringe , daß sie gern tausendmal für ihn gestorben wäre , aber er reiste mit Marien , und ihr Herz litt von doppelten Qualen . - In ähnlicher Stimmung verlebte sie alle folgende Reisetage . Es half ihr wenig , daß sie sich rasch fortbewegte , und die Gegenstände um sie her wechselten , denn , obgleich die fortrollenden Räder zu irgend einem Ziele führten , so war dieses doch ungekannt , ja ungewiß , da es stets von Umständen abhing , ob sie da oder dort verweilen würden . Zudem war jedes weitere Vordringen ein neues Abreißen , ein neuer Kampf , denn hatten die früh einbrechenden Abende alle an irgend einem Orte versammelt , wo sie übernachteten , machten sie dort nur eine Familie aus , drängte die Unbekanntschaft mit auswärtigen Umgebungen , die Fremdlinge auf einander zurück , so riß sie der folgende Morgen wieder auseinander , ja warf sie oftmals auf andere Wege , wo sie sich nicht begegneten , denn der Herzog liebte , mit dem beweglichern , leicht gebaueten Wagen , Seitenpfade einzuschlagen , wohin die andern nicht folgen konnten . Seiner Ungeduld , seinem Hinstürmen auf ein Ziel , mußte sich alles fügen . Der Marquis war froh , an Ort und Stelle zu kommen , und ließ ihn gewähren . Antonie schwieg ; aber von da hatte sie nur ein Augenmerk , ein Einziges , was sie beschäftigte , und zwar , wie weit jener Wagen zurückbleibe , und ob er sie beim Wechseln der Pferde , beim nothwendigen Aufenthalt einer halben oder ganzen Stunde , ihrerseits , nicht einholen könne ? und ließ dies Zusammentreffen auch nichts als einen flüchtigen Gruß , eine Erkundigung , den gemeinschaftlichen Genuß irgend einer Erfrischung zu , man trat doch in eine Art von Verhältniß zu einander , denn es entging ihr nicht , wie die vielen kleinen Zufälligkeiten , die gemeinsamen Begegnisse , die Vertraulichkeit jener mehrten , wie das äußere Berühren auch ein inneres ward , wie die Gemüther mit den Verhältnissen zusammenfielen ; deshalb wünschte sie , bald die Zeit beflügeln , bald