diesem Streit ihr ganzes Leben hinfließen wird . Sie haben eine ordentliche Freude , sagte Stein , an solcher innren Verwirrung . Nein , entgegnete Werner ; allein ich muß so lange forschen und beobachten , bis ich einen jeden auf den Platz gestellt habe , wo er eigentlich stehen muß , sonst bin ich in mir selbst unsicher . Beide gingen hierauf weiter . Luise saß lange Zeit in dumpfer Betäubung da . Endlich raffte sie sich auf , und eilte , ohne den Saal zu betreten , durch einen Umweg dem Schlosse zu . Sie mußte , um zu ihren Zimmern zu gelangen , durch einen langen , schmalen Gang , an dessen Wänden mehrere Familiengemälde hingen . Der Mond schien hell durch die hohen Fenster und beleuchtete vorzüglich das Bild einer Dame , die als Leiche gemalt war , und aus einem reichen Schmuck dunkler , mit Perlen durchflochtener Haare , bleich und etwas verzerrt hervorsah . Man glaubte allgemein im Schlosse , es sei das Bild der Ahnfrau , was auch eine Vergleichung der Züge mit dem im Kloster wahrscheinlich machte . Eine Bewegung der Bäume vor den Fenstern bewegte auch itzt den Schein auf dem Bilde so , als rege sich das Gesicht und öffne den ohnehin verzognen Mund . Luise verhüllte die Augen und stürzte laut schreiend in ihr Cabinet . Hier lag sie , heftig weinend , ohne klares Bewußtsein , mit einem tiefen , schneidenden Schmerz im Innern , lange Zeit auf ihren Knieen , als eine warme Hand leise die ihrige berührte . Jesus ! rief sie , aufspringend . Fernando stand vor ihr . Luise , sagte er mit einem wehmüthigen Ton , verdiene ich denn wirklich nur Ihren Abscheu ? - Ich weiß es nicht , stammelte sie , Gott allein weiß es ; allein jetzt bitte ich Sie , verlassen Sie mich . O bei allem was Ihnen heilig ist , verlassen Sie mich ! Sie stoßen mich also ganz und auf immer von sich ? fragte er , ihre Hand an sein Herz drückend . Auf ein Vorurtheil hin verdammen Sie mich , zwingen Sie sich selbst , mich zu hassen ! Luise versuchte , sich zu entfernen . Nein , nein ! rief er , ich lasse Sie nicht , jetzt nicht , ich will einmal in meinem Leben wenigstens zu Ihnen reden ; rechnen Sie es dem glühenden , heftigen Jüngling nicht zu gering an , daß er die ganze Zeit über schwieg , daß er ein Feuer in sich zurückdrängte , was Sie erschrecken würde , wenn es einmal ungehindert aufflammte . Beide schwiegen einen Augenblick . Was that ich Ihnen , sagte er darauf , um dies abstoßende , geringschätzige Betragen zu verdienen ? Mußten Sie mich niedertreten , um sich zu heben ? Fand Ihr Stolz Nahrung in den lauten Aeußerungen eines ungerechten Hasses ? Jener Brief - O Gott ! o Gott ! rief Luise ganz erschöpft ; ihr Kopf senkte sich und heiße Thränen flossen auf die schönen Hände , die sich kreuzend auf der Brust falteten . Wer hat Sie , rief Fernando , so in sich selbst aufgeschreckt , daß Sie aufhörten , der einfachen Richtung Ihres Gefühls nachzugehn ? Warum strafen Sie mich , so oft eine mildere Regung aus Ihren Augen spricht ; warum reizen Sie sich zu einem unnatürlichen Kampf , der Sie und mich zerstört ? Luise , ich habe seit dem Tode jener Frau , die meine Jugend bildete , niemand auf Erden , der mit einem reinen heiligen Gefühl an mir hinge ; ich habe auch niemand gefunden , dem ich mein ganzes Dasein so ungetheilt hingegeben hätte . In Ihre Hände allein lege ich es , wenn Sie meine Freundin , meine Schutzheilige sein wollen ! Ich bin nicht schlecht ! bei dem ewigen Gott , ich bin nicht schlecht ! Wollen Sie ? fragte er weich und schmeichelnd . Auf Luisens Augen schwebte ein zitterndes Ja . Ihre Augen schlossen sich an seine Brust , indem er sie leise auf die Stirn küßte . Wie die ewige Versöhnung tönte das Wort Freundin in ihre Seele . Der schwere Kampf schien geschlichtet , Gott und Menschen versöhnt . Ist es denn wahr , sagte sie aufblickend , ich soll das nicht scheuen und verdammen , was ich mit unsäglicher Angst - Meine Luise , unterbrach sie Fernando , wie glücklich konnten wir lange sein , wenn Sie sich früher selbst verstanden ! Ein Geräusch im Nebenzimmer machte ihn aufmerksam . Er führte Luisen zu einem Stuhl und stand ihr gegenüber , am Clavier gelehnt , als die Thür aufging , und Georg , mit zwei Lichten in der Hand , hereintrat . Immer aufmerksam auf alles , was seinem Dienst anging , hatte er sich erinnert , daß diese Zimmer noch nicht erleuchtet waren und daß sich die Gräfin , da er sie nicht in der Gesellschaft fand , wohl hieher könne begeben haben . Auf Fernandos Stirn lag der tiefste Unmuth über die unwillkommne Störung ; er ging heftig auf und nieder , während der alte Diener alles gehörig ordnete , die Fensterladen schloß , und sich bei manchem kleinen Geschäft verweilte . Luise schien von allem nichts zu bemerken ; in der seligsten innern Stille ließ sie ihre Thränen ungehindert fließen . Georg betrachtete Beide kopfschüttelnd , und ging in der Ueberzeugung hinaus , daß der wüste Fremde seiner jungen Herrschaft recht zur Qual und Aergerniß hier sei . Bei dem Oeffnen der Thür schallte die Musik hell aus den Nebenzimmern herüber . Luise ward durch die Töne aufgeschreckt . Gehn Sie , lieber Fernando ! rief sie eilig , gehn Sie zur Gesellschaft , ich folge Ihnen sogleich ! Ist das die erste Bitte , Luise , fragte er verletzt , die Sie dem neuen Freunde zu thun hatten ? Werde ich nie andre Worte aus Ihrem Munde hören ? Gilt es denn immer nur , mich zu