noch jetzt schauderhaft ist . Endlich nach drei Jahren schien der Himmel , von welchem wir uns gänzlich vergessen glaubten , sich unser zu erbarmen . Obwohl in der Einsamkeit seiner Berge , hatte meines Vaters Geist doch Mittel gefunden , allerlei Bande zwischen sich und der Welt , die ihn ausgestoßen hatte , wieder anzuknüpfen . Er führte lange Zeit einen geheimen Briefwechsel mit einem Freunde , der in Syrien lebte . Eines Tages trat er mit einer Miene , die wir lange nicht so freundlich gesehen hatten , in unsre Hütte . Packt eure Sachen zusammen , rief er , morgen reisen wir aus diesem Orte des Elends ab . Wohin ? wie ? warum ? das waren Fragen , die , so sehr sie uns auch drängten , Keines sich zu wachen traute . Es wurde gepackt - die Armuth ist bald fertig - und den andern Tag machten wir uns , mein Vater und die Brüder abwechselnd auf dem einzigen Maulthier , das wir besaßen , meine Mutter und ich in einem schlechten Fuhrwerke auf den Weg . Die Beschwerlichkeiten der Reise , die Leiden meiner Mutter laß mich ebenfalls übergehen . Genug , wir langten in Apamäa1 an . Hier miethete mein Vater ein kleines , aber nicht unbequemes Haus , und aus Quellen , die mir damals unbekannt waren , die ich aber späterhin nicht ohne Grund der Thätigkeit seiner Freunde in Nikomedien , die die Ueberbleibsel seines Vermögens gerettet hatten , zuschrieb , floßen uns nach und nach immer mehr Bequemlichkeiten , und endlich einiger Wohlstand zu . Mein Vater führte einen fremden Namen , galt für einen Kaufmann aus Armenien , und Tracht und Sprache , die er sich während jener drei Jahre ganz eigen gemacht hatte , ließen keinen Verdacht entstehen . Er trieb Handelsgeschäfte , wie es schien ; denn wissen durften wir nichts von seinen Verhältnissen . Uebrigens wäre unsere häusliche Lage , besonders für mich , deren Wünsche nie groß waren , recht erträglich gewesen ; hätten nur mit der Erweiterung unsers Haushalts sich auch unsere Gemüther gegen einander aufgeschlossen , Liebe und Eintracht zugleich mit dem Wohlstand unter uns gewohnt . An dich hatte ich im ersten Jahre unserer Verbannung oft , sehr oft geschrieben , mit banger Ungeduld auf Antwort geharrt - und immer vergebens . Endlich hörte ich auf zu schreiben , und in der Tiefe meines Kummers blieb mir nur die leise Hoffnung übrig , daß Briefe aus einem so abgelegenen Winkel der Erde wohl leicht den Weg verfehlen , und den nicht erreichen konnten , für welchen sie bestimmt waren . Sobald wir in Apamäa angekommen waren , erneuerte ich meine Versuche , Nachricht von dir zu erhalten . Ich schrieb wieder , theils gerade an dich , theils unter verschiedenen Aufschriften an alle alten Bekannten in Nikomedien , auf deren Wohlwollen und Verschwiegenheit ich zählen konnte . Es war fruchtlos . Ein ganzes Jahr verging unter steter Abwechslung von Hoffnung und Niedergeschlagenheit . Ich bekam keine Antwort . Dein Tod oder eine gänzliche Vergessenheit , das waren die zwei einzigen Möglichkeiten , zwischen denen meinem bangen Geiste die Wahl blieb , und in beiden lag keine Aufmunterung für ein tiefgebeugtes Herz . Mit stiller Ergebung , deren ich schon gewohnt war , gab ich auch diese letzte Aussicht auf , und lebte , in mich gekehrt und geduldig , mein freudenloses Daseyn hin . Es kamen immer mehr Fremde in unser Haus , die theils meines Vaters Geschäfte , theils sein wieder erwachender Hang zum geselligen Leben an uns zog . Für mich waren die Meisten gar nichts - unbedeutende Gestalten , die höchstens durch Handelsverhältnisse irgend einen Werth bekamen . Nur zwei Männer unterschied ich allmählig unter der ziemlich großen Anzahl Bekannten . Der Eine war ein ehrwürdiger Greis , der Andere ein Mann von mittleren Jahren , aber in allem Feuer , aller Kraft der Jugend . Ein angenehmer Umgang , ein vielseitig gebildeter Verstand und Menschenkenntniß mußten sie Jedem , der mit ihnen umging , werth machen ; für mich hatten sie noch etwas Anziehenderes . Es lag eine sanfte Heiterkeit , eine schöne Gelassenheit m ihrem Wesen , die bei dem Greise Theophron die Bitterkeit des Alters milderte , und bei Apelles , dem jüngern , die feurig aufstrebende Kraft in strengen Schranken hielt . Beide waren mir unendlich schätzbar , und wenn Apelles Erzählungen von Allem , was er auf weiten Reisen gesehen und erlebt hatte , die Lebhaftigkeit seines Geistes mich belehrte und unterhielt , so flößte Theophrons ruhige Weisheit , sein himmelwärts gewendeter Sinn mir süße Ruhe und Trost ein . Bald hatte ich auch Gelegenheit zu bemerken , daß ihre Tugend nicht blos in schönen Gesinnungen bestand , sondern sich wirksam durch Menschenliebe , Wohlthätigkeit und rastlosen Eifer für die Unglücklichen , die bei ihnen Hülfe oder Trost suchten , zeigte . Ich war bemüht , mir den Umgang dieser beiden Männer so viel als möglich zu Nutze zu machen ; und nach vier freudenlosen Jahren , wo , ich kann es mit Wahrheit bezeugen , der Tag mir glücklich schien , an dem keine neue Ursache meine Thränen fließen gemacht hatte , empfand ich zum erstenmal die Regungen eines erheiternden Gefühls , und wagte es , den würdigen Greis zum Vertrauten , nicht meiner Schicksale , denn die mußten aus Familienabsichten verschwiegen bleiben , sondern meiner muthlosen gedrückten Seele zu machen . Agathokles ! O daß ich jedem leidenden Herzen die himmlische Wohlthat der Tröstungen verschaffen könnte , die von den Lippen dieses Mannes in meine wunde Brust strömten ! Solche Beruhigungen , solche Aussichten , solche Stärkungen kann nur der ertheilen , der in den erhabenen Geheimnissen unterrichtet ist , woraus Theophron die seinigen schöpfte . Er leitete meinen Geist vom Irdischen weg , und eröffnete mir eine Aussicht in die Zukunft jenseits des Grabes , von einer Art , wie man sie weder in den Begriffen der herrschenden Volksreligion , noch