mir dann ! Abermals fasse ich sie in meine Arme , hebe sie hoch gen Himmel , falle vor ihr nieder , verstumme , versinke mit namenloser Wonne in ihrem Anblick . Aber plötzlich , dünkt mich , ich höre ein Geräusch . » Den Schleyer ! « - ruf ich mit gepreßter Stimme . Reiße die Vorhänge zusammen , stürze durch drey , vier Thüren , schließe sie alle hinter mir zu , komme endlich hinaus - Niemand ist da , und ich erwache zu neuen Zweifeln und zu neuen Quaalen . - Zwanzigster Brief Olivier an Reinhold Er fängt an sich zu bessern , und der Arzt giebt Hoffnung . Was habe ich bey seinen Phantasien gelitten ! - Er glaubte mit ihr vereinigt zu seyn , und schilderte seine Liebe unter glühenden Bildern . Aber dann war es , als ob er mich plötzlich erkannte , und eine gräßliche Vorstellung jagte die andre . Gestern lag er wieder in einem halbwachen Traume , erkannte mich ; aber nicht wie vormals , mit Schrecken . Er hielt meine Hand , nannte mich wieder seinen Vater , erzählte mir von seiner unglücklichen Liebe , beschwor mich , Mitleiden mit ihm zu haben , ihm ihren Anblick nur ein einziges Mal zu vergönnen . Er wolle dann alles , alles thun , was ich von ihm verlange . Und ich ? - O frag mich nicht ? ich bin ein unglücklicher Mann . Ein und zwanzigster Brief Olivier an Reinhold Was ? bin ich ein Weib geworden ? Soll dieser Knabe mich beherrschen ? Er darf sie nicht sehen , er muß fort . Zwey können sie nicht besitzen . Meine Rechte sind die ältern , und ich habe mehr Nachsicht gehabt , als ich sollte . Was irre ich herum bey Nacht und bey Tage ? Was zweifle ich ? was frage ich ? Nur Eins thut hier Noth , und dieß Eine muß geschehen . Will ich Verzicht thun ? Will ich es ? - Rasender Gedanke ! Will ich leben , ohne zu athmen ? - und , liebt er sie wie ich ? Wie viel Weiber kennt er , um die Einzige zu würdigen . Aber sie ? - Wenn sie ihn erkannt hätte , wenn sie sich hingerissen fühlte von Jugend , von Schönheit , überwunden von diesem gänzlichen Dahingeben ? - O ! fort ! fort ! Zum Wahnsinn ist es noch Zeit genug . Zwey und zwanzigster Brief Olivier an Reinhold Jetzt wollte ich Du wärest hier , Du könntest mir rathen . Begreife meine Angst ! ihr ist nicht wohl . Ich habe mir den Fall niemals gedacht . Ihre blühende Gesundheit machte mich sicher . Sie klagt nicht , läugnet wenn ich frage ; aber der Augenschein straft sie Lügen . Ach ist es ein Wunder ! Seit vier Wochen hat sie keinen Athemzug frische Luft geschöpft . O , ich Grausamer ! Wie war es möglich ! - Wenn es zu spät wäre , wenn sie krank würde . - Nein ! nein ! dahin kommt es nicht . Aber schnell muß man helfen . Helfen ? - Wie , o mein Gott ! - Soll ich sie ihm in die Arme führen ? - Nichts ! nichts ! Keine weibische Schwäche ! Er muß fort . Jetzt gleich , jetzt augenblicklich soll Anstalt gemacht werden . Drey und zwanzigster Brief Julie an Wilhelmine Wie lange habe ich Dir nicht geschrieben . Vergieb mir beste Wilhelmine ! Ich war es meinem theuern Manne schuldig . Ach Du hast keinen Begrif wie er mich liebt , und wie viel er leidet durch diese Liebe . Wie sehr wäre ich ihrer unwürdig , suchte ich nicht alles zu vermeiden was irgend seiner Ruhe nachtheilig werden könnte . Um jeden Zweifel zu entfernen bin ich sogar eine geraume Zeit nicht aus meinem Zimmer gekommen , und wäre bald krank darüber geworden . Da hättest Du ihn sehen sollen ! - O gewiß ! ich muß um vieles besser werden , diese Liebe ganz zu verdienen . Solltest Du glauben , ich würde noch von der gemeinsten Eitelkeit beherrscht ? - Vor einigen Wochen öffne ich des Morgens die Thür unsers Schlafzimmers , und sehe einen Mann ausgestreckt auf der Erde liegen . Er hatte das Gesicht unter dem Arme verborgen ; aber seine Gestalt blieb mir unvergeßlich . Was ist das nun anders als Eitelkeit ! - kann es nicht ein wahnsinniger Mensch gewesen seyn ? können ihn nicht tausend mir unbekannte Ursachen , zu dem sonderbaren Entschlusse gebracht haben , sein Nachtlager vor unsrer Thür zu wählen ? Aber nein ! die Eitelkeit - oder sollte es wirklich mein Herz seyn ? - besteht darauf , um meinetwillen war er da , um meinetwillen ist er wohl oft schon da gewesen . Sonderbar genug verwechsle ich ihn immer , durch eine gewisse Ähnlichkeit getäuscht , mit Antonelli . Mit Antonelli , der mich lange vergessen hat . Ach wie sehr täuscht sich ein junger Mann in diesem Alter . Antonelli glaubte eine unüberwindliche Leidenschaft für mich zu fühlen , und nach einigen Wochen bin ich rein aus seinem Gedächtniß verschwunden . Wenn ich nun meinem thörichten Herzen gefolgt , und jetzt allen Quaalen der Selbstverachtung Preis gegeben wäre ! - Aber Gott sey gelobet ! ich bin gerettet . Seit ich die milde herrliche Luft unter den Blüthenbäumen wieder athme , ist himmlischer Friede in mein Herz zurück gekehrt und alle meine Gefühle sind wieder dem Manne geweiht , der mich so einzig , der mich mehr liebt , als ich bis jetzt noch verdiene . Wie sein herrlicher , großer Charakter sich mir alle Tage mehr entwickelt ! So wie ein Mensch leidet , hört er auf sein Feind zu seyn und wäre er es auch Jahre lang gewesen . Wer hätte dieses tiefe Erbarmen unter dieser rauhen Hülle gesucht ! - Wahrscheinlich hat ihn sein Stand gezwungen , so viel