glauben darf , so ist schwerlich ein Weib im ganzen Griechenlande , das ihr den Preis der Schönheit streitig machen kann . « Da mir die Landessitte bekannt ist , so konnt ' ich natürlicherweise nichts anders denken , als die Rede sey von einer Hetäre , mit deren Gesellschaft Eurybates seine Freunde diesen Abend zu bewirthen gedenke ; und , wiewohl ich bisher den Umgang mit Frauenzimmern aus dieser Classe immer zu vermeiden suchte , so kamen doch hier mehrere Umstände zusammen , die eine Ausnahme schicklich zu machen schienen . Kurz , ich sagte meinem Wirthe , es werde mir um so angenehmer seyn , ihm eine so interessante Bekanntschaft zu danken zu haben , da ich gestehen müßte , daß ich eine Art von Ideal in meinem Kopfe hätte , dem die schöne Lais den Vorzug abzugewinnen einige Mühe haben würde . Indessen kam der Abend heran , und wie ich eben mit Verwunderung zu bemerken anfing , daß sich nirgends eine Anstalt zu einem Gastmahl im Hause zeigte , kam Eurybates , mir zu sagen , es wäre nun Zeit ihm zu seiner schönen Nachbarin zu folgen . - Zu welcher Nachbarin ? - » Zu welcher andern als der schönen Lais , die vor einigen Tagen hierher gekommen ist , um von einem kleinen Gute Besitz zu nehmen , das ihr durch den Tod eines Freundes zugefallen ist , und das glücklicherweise unmittelbar an das meinige stößt . « - Die Rede ist also nicht von einer Hetäre ? sagte ich . - » Nun ja , Hetäre oder auch nicht Hetäre , wie du willst ; im Grunde läßt sie sich nicht wohl in eine andere Classe stellen , wenn sie ja classificiert seyn muß : aber dann ist sie eine Hetäre , wie es , zwei oder drei ausgenommen , noch keine gegeben hat . Sie kommt nicht zu uns , mein guter Aristipp ; man muß zu ihr kommen , und auch dieß ist eine Gunst , die nicht jedem zu Theil wird , der sie allenfalls bezahlen könnte . Die schöne Lais liebt ausgesuchte Gesellschaft , und dem müssen die Grazien sehr hold seyn , der ihr bis auf einen gewissen Grad gefallen zu können hoffen darf . Ohne diese Bedingung ist sie , wie man sagt , um keinen Preis zu haben . Ob es immer so seyn werde , läßt sich vielleicht , ohne sich an Amor und Aphrodite zu versündigen , bezweifeln ; daß es aber jetzt so sey , ist um so glaublicher , da sie kaum zwanzig Jahre zählt , und von ihrem ersten Liebhaber in einer sehr glücklichen Lage hinterlassen worden ist . « Dieser Vorbericht spannte meine Neugier und Erwartung so stark , daß mir der Weg , der uns nach dem Hause der schönen Korintherin führte , dreimal länger vorkam als er in der That war . Wir fanden sie in einem geräumigen , auf Ionischen Marmorsäulen ruhenden Gartensaale , von einem kleinen Kreise dem Ansehn nach feiner junger Männer umgeben , und , wie es schien , in einem lebhaften Gespräche begriffen . Schon von ferne , bevor es möglich war ihre Gesichtszüge genau zu unterscheiden , däuchte mir ihre Gestalt die edelste , die ich je gesehen hätte . Ihr Anzug war mehr einfach als gekünstelt und eher kostbar als schimmernd ; leicht genug , um einen Bildner , der keine schöne Form unangedeutet lassen will , zu befriedigen , aber zugleich so anständig daß selbst die Grazie der Scham nicht untadeliger bekleidet werden könnte . - Die hat einen feinen Tact für ihre Kunst , dachte ich . Aber stelle dir vor , mein Freund , wie gewaltig ich überrascht wurde , da ich ein paar Schritte näher die nämliche Dame in ihr zu erkennen glaubte , mit welcher ich vor drei Jahren zu Korinth auf eine so seltsame Art in Bekanntschaft gekommen war , ohne damals ihren Stand und Namen erfahren zu können . Ich mußte alle meine Gewalt über mich selbst zusammenraffen , um der edeln Unbefangenheit , womit sie mich empfing , keine größere Betroffenheit entgegenzusetzen , als sich allenfalls mit der Wirkung ihrer Schönheit auf jeden , der sie zum erstenmale sah , entschuldigen ließ . Daß ich es wollte , war ich mir deutlich genug bewußt ; doch zweifle ich sehr , ob es mir in der ersten Viertelstunde so gut gelang als ich wünschte ; denn gewöhnlich verräth einer durch die Bemühung , etwas unter seinem Mantel zu verbergen , daß er etwas verberge , und dieß ist genug , um die Aufmerksamkeit aller Umstehenden zu erregen . Das Wahre ist , daß die Furcht mich zu irren und das Verlangen mich nicht zu irren , den Blicken , womit ich sie durch und durch zu erspähen und nach allen Dimensionen auszumessen scheinen mußte , mir ( wie sie mir in der Folge selbst sagte ) etwas zu gleicher Zeit so schüchtern Unverschämtes , Gieriges und Erstauntes gab , daß sie selbst Mühe gehabt hätte sich in gehöriger Fassung zu erhalten , wenn sie nicht auf diese , bloß von meiner Seite unerwartete Zusammenkunft vorbereitet gewesen wäre . In der That hatte sie sich in den drei Jahren , die seit der ersten verflossen waren , dermaßen verschönert , daß , ungeachtet das Bild meiner Korinthischen Anadyomene noch wenig in meiner Erinnerung verloren hatte , oder vielmehr eben deßwegen , ein kleines Mißtrauen in meine Augen oder in mein Gedächtniß ganz natürlich war . Sie war indessen merklich größer geworden , und die Blüthe ihrer prächtigen Gestalt schien so eben den Augenblick der höchsten Vollkommenlieit erreicht zu haben ; den Augenblick , wo die Fülle der hundertblättrigen Rose sich nicht länger in der schwellenden Knospe verschließen läßt , sondern mit Gewalt aufbricht , um ihre glühenden Reize der Morgensonne zu entfalten . Dieß verbreitete einen so blendenden Glanz um sie her , daß ich , wiewohl die Aehnlichkeit mit sich selbst zu entschieden war