in dieser Classe , wo niemand etwas Eigenes haben darf , ist es auch nicht erlaubt ein eigenes Kind und einen eigenen Vater zu haben . Alle , die in dem Lauf einer Generation von fünfundzwanzig Jahren geboren werden , nennen sich Brüder und Schwestern , und erhalten , nachdem sie das gesetzmäßige Alter erreicht haben , auf obige Weise von den Archonten die Erlaubniß , für die Fortdauer der Republik zu arbeiten . Vor dieser Zeit aber ist z.B. einem Jüngling von sechs oder achtundzwanzig Jahren nicht erlaubt , ein Mädchen von siebzehn oder achtzehn zur Mutter zu machen , wie entschieden auch immer ihre beiderseitige Tüchtigkeit , und wie dringend ihr innerer Beruf dazu seyn möchte , da sie täglich auf der Palästra handgemein mit einander zu werden Gelegenheit haben ; und sollte gleichwohl ein solcher unglücklicher Fall sich ereignen , so muß die Frucht der gesetzwidrigen Verbindung abgetrieben , oder , wenn sie dennoch Mittel findet lebendig ans Tageslicht zu kommen , sogleich als der Ernährung unwürdig auf die Seite geschafft werden . Zwischen Eltern und Kindern , d.i. zwischen Männern und Frauen von der ersten Generation mit Frauen und Männern von der zweiten und dritten findet ( da jene zu diesen kraft des Gesetzes sich als Eltern und Großeltern verhalten ) keine gesetzmäßige Begattung statt ; und überhaupt ist es eine der heiligsten Pflichten der Regierer des Staats , den Zeugungstrieb bei ihren Bürgern so viel als möglich einzuschränken , und ja nicht mehr Kinder aufkommen zu lassen , als nach Beschaffenheit der Umstände nöthig sind , damit der Staat sich immer bei gleicher Stärke erhalte ; woraus klar ist , daß sie auch von Zeit zu Zeit für einen tüchtigen Krieg zu sorgen haben . Denn es brauchte nur einen hundertjährigen Frieden , um die Regierung in die gefährliche Nothwendigkeit zu setzen , das vorbesagte Loos so einzurichten , daß von hundert Paar Jünglingen und Mädchen wenigstens drei Viertel zu einer unfreiwilligen Unfruchtbarkeit verdammt werden müßten , wofern die Menge der Kinder , denen der Eintritt ins Leben an der Pforte versagt wird , nicht auf eine so ungeheure Zahl steigen sollte , daß dem Platonischen Sokrates selbst , wie kaltblütig er auch diese Dinge ansieht , bei ihrer Ueberrechnung die Haare um seinen Glatzkopf zu Berge stehen müßten . Alle diese und eine Menge anderer Ungereimtheiten und Abscheulichkeiten , die sich jedem Unbefangenen bei diesem Theil seiner Gesetzgebung aufdringen , verschwinden in Platons Augen vor dem großen Grundsatz : daß die höchste denkbare Vollkommenheit des Staats der einzige Zweck desselben , und der einzelne Bürger nur insofern für etwas zu rechnen sey , als er bloß für das Ganze lebt , und immer bereit ist , diesem seine natürlichsten Triebe und gerechtesten Ansprüche aufzuopfern . Ob der Staat solche Opfer zu fordern berechtigt sey , ist bei ihm keine Frage ; auch lehrte ihn die in Sparta so lange Zeit befolgte Gesetzgebung Lykurgs , daß es möglich sey , Menschen so zu erziehen und zu bilden , daß man ihnen alles , selbst das Unnatürlichste , zumuthen kann . Er trug also um so weniger Bedenken , die Hauptzüge des Spartanischen Instituts in seiner Republik noch weiter und bis zu einer Consequenz zu treiben , die , wie ein eiserner Streitwagen , alles was ihr entgegen steht zu Boden tritt , und über alle Bedenklichkeiten und Rücksichten , d.i. über die Köpfe und Eingeweide der Menschen weg , in gerader Linie auf das Ziel losrennt , das sie sich vorgesteckt hat . In wie fern ihn diese Betrachtungen rechtfertigen oder entschuldigen können , lass ' ich dahin gestellt seyn ; mir ist wenigstens gewiß , daß er in allem , was uns an seinem idealischen Sparta am anstößigsten ist , treulich und ohne Gefährde zu Werke ging , und z.B. auf unsre Bedenklichkeit , der abgezweckten höhern Vollkommenheit seiner Republik alle Jahre etliche hundert neugeborne Menschlein zum Opfer darzubringen , mit eben dem naserümpfenden Mitleiden herabsehen wird , womit sein Sokrates sich über » die lächerliche Weisheit « derjenigen aufhält , die das Ringen nackter Mädchen mit nackten Jünglingen auf der Palästra ungeziemend finden . Ich zweifle daher auch keinen Augenblick , daß er wenig verlegen seyn würde , für jeden andern Einwurf , der ihm gegen seine Erziehungs- und Begattungsgesetze gemacht werden könnte , auf der Stelle eine Antwort zu finden ; wiewohl er es nicht der Mühe werth gehalten zu haben scheint , die mancherlei Schwierigkeiten vorauszusehen , welche sich der Ausführung dieser - der Natur , dem sittlichen Gefühl und den Grazien zugleich Hohn sprechenden - Gesetze entgegen thürmen . Bei einem Philosophen , der seine Geistesaugen immer nur auf die ewigen und unveränderlichen Urbilder der Gattungen und Arten geheftet hält , kommen die einzelnen Dinge , als bloße vorübergleitende Schemen oder unwesentliche Wolken- und Wasserbilder , in keine Betrachtung ; und da er alle die Knoten , in welche die Meinungen , Neigungen , Bedürfnisse und Leidenschaften der Menschen im gesellschaftlichen Leben sich unaufhörlich verwickeln und durcheinanderschlingen , immer mit einem einzigen Grundsatz wie mit einem zweischneidigen Schwert zerhauen kann , warum sollte er sich die Mühe geben sie auflösen zu wollen ? Etwas , worüber er indessen nicht so leicht zu entschuldigen seyn dürfte , sind die kleinen Widersprüche mit sich selbst , die seinem redseligen Sokrates hier und da in dem Feuer , womit er seine Behauptungen vorträgt , zu entwischen scheinen . Hierher gehört ( um nur ein paar Beispiele anzuführen ) wenn er , um die gymnastische Nacktheit seiner künftigen Soldatenfrauen zu rechtfertigen , sich auf einmal in die Moral der Sophisten verirrt , und kein Bedenken trägt , den Satz » alles Nützliche ist auch ehrbar und anständig , und nur das Schädliche ist schändlich , « für eine ausgemachte Wahrheit zu geben . Unglücklicher Weise begegnet ihm diese Verirrung eine Weile hernach noch einmal , da von den Belohnungen die Rede ist , wodurch die Beschützer des Staats aufgemuntert werden sollen , im Kriege