dem klar gewordenen Winterhimmel empor . Der Morgen , rauh und kalt wie er war , erfrischte Paul und gab ihn sich selber wieder . Er wußte , was ihm das Herz so weich gemacht hatte , aber er scheuchte den Gedanken wie einen entnervenden Traum weit von sich fort , denn Ungeduld und Unzufriedenheit mit dem selbstgeschaffenen Loose erschienen ihm als eine Unmännlichkeit und Schwäche . Erst das Vaterland und dann das Haus , erst die Freiheit und dann das Glück ! rief er laut sich selber zu , und ohne zu wissen , worauf dieser Wahlspruch sich bezog , stimmte Herr von Werben von Herzen in denselben ein . Dem Juden , der inzwischen nicht aufgehört hatte , seine Passagiere heimlich zu beobachten , entging weder die sichtliche Zufriedenheit , mit welcher sie den Tag begrüßten , noch ihr wachsendes Verlangen , an die Grenze zu kommen , und er gab die Hoffnung noch nicht auf , von ihrer guten Stimmung zu erlangen , was ihre Verschlossenheit ihm abgeschlagen hatte . Daß seine Passagiere keine gewöhnliche Leute seien und daß er unter ihrem Schutze , wenn sie nur wollten , mit seinen Waaren die Grenze gut passiren könne , das hatte sich in den Stunden einsamen Sinnens für ihn als letzte Ueberzeugung festgestellt . Es kam daher für ihn , wie er meinte , nur Alles darauf an , ihr Zutrauen und ihren guten Willen für sich zu gewinnen , und er ließ es an den Zeichen einer sorglosen Heiterkeit nicht fehlen . Er rückte seine Spitzmütze vergnüglich weit aus der Stirn zurück , er schnalzte mit der Zunge , knallte mit der Peitsche , schlug , sich zu erwärmen , mit den Beinen gegen seinen elenden Sitz , daß die Stiefel gegen das Holz klapperten . Aber was er auch that , die Aufmerksamkeit der Reisenden auf sich zu ziehen , es schlug alles fehl , denn Paul war Kaufmann genug , um den Begehrenden an sich herankommen zu lassen . Endlich , als über der weiten Fläche die Thürme der Hafenstadt sich schon erhoben , hielt der Jude seine Pferde mitten in ihrem Laufe an und sagte , sich mit dem pfiffigen und zugleich ängstlichen Blicke seines Volkes zu den Reisenden wendend , während er mit dem Stiele seiner zerbrochenen Peitsche vorwärts zeigte : Der gnädige Herr sehen , ich habe gehalten mein Wort und meine Zeit ! Was soll ich haben , wenn ich die Herren gerades Weges nach der Grenze fahre ? Das wird sich an der Grenze finden , gab ihm Paul zur Antwort , dessen sich , nun er sich dem Ziele so nahe wußte , das Verlangen , es zu erreichen , mit einer wahren Leidenschaft bemächtigte , und noch ehe der Jude sich besinnen konnte , hatte Paul , um seiner Sache sicher zu sein , sich an seine Seite gesetzt und ihm mit dem Befehle , ihm die nächste Straße nach der Grenze anzugeben , Zügel und Peitsche aus der Hand genommen . Der Jude , sobald er merkte , daß es Ernst und daß kein Auflehnen gegen den fremden Willen möglich sei , ließ zwar Alles geschehen , denn auch er war schneller Berechnung fähig und hoffte seinen Vortheil von seiner Nachgiebigkeit zu ziehen . Aber er schrie und klagte über die Gewaltthat , die Paul an ihm beging . Er jammerte über sein Mißgeschick , er nahm Gott zum Zeugen , daß er ein rechtlicher Mann sei , und klagte Gott an , daß er ihm diese Passagiere zugesendet . Er verwünschte sich und sie und seine Noth und seine Armuth , bis er endlich den kutschirenden Paul , der in seiner wachsenden Spannung des Juden gar nicht achtete , beschwor , wenigstens den Pferden in dem einsamen Kruge , aus dessen Schornstein man den weißgrauen Rauch aufsteigen sah , eine kleine Rast zu gönnen . Wenn sie nicht bekommen einen Bissen Brod und Branntwein , werden ' s die armen Thiere nicht halten aus , und die gnädigen Herren werden liegen bleiben , wenn sie nicht hier anhalten bei dem Abraham , der ein ehrlicher Mann ist und mein Tochtermann ! Es ist noch eine geschlagene Stunde bis zur Grenze , und ohne Fütterung können die Pferdchen nicht weiter fort ! Paul konnte es sich nicht verhehlen , daß der Jude hierin die Wahrheit redete . Die abgetriebenen Pferde stolperten vor Mattigkeit , und die Peitsche und sein Zuruf machten keinen Eindruck mehr auf sie . Als sie vor dem einsamen , an der Straße liegenden Gehöfte des Wirthshauses vorfuhren , trat der Krüger , ebenfalls ein polnischer Jude , vor die Thüre hinaus und erkannte und begrüßte seinen Schwiegervater , der ihm in einer den Reisenden unverständlichen Sprache gleich einige Worte entgegenrief . Wie weit ist ' s von hier zur Grenze ? fragte Paul den Krüger . Eine halbe Stunde , gnädige Herren ! antwortete ihm dieser , weil er dadurch Zeit für die Rast zu gewinnen meinte . Aber sein Schwiegervater fiel ihm in die Rede . Eine halbe Stunde , sagst Du ! Wie kannst Du sagen eine halbe Stunde ? Eine Stunde ist ' s , und eine gute Stunde , und die Pferde .... Genug ! versetzte Paul , der am Ende dem Juden in seinem Erwerbe , wie dieser auch geartet war , kein unnöthiges Hinderniß und keine Gefahr bereiten wollte ; denn er hatte sie gut bedient , und Paul und sein Gefährte hatten ihm eine Belohnung zugedacht . Genug ! wiederholte er , zog die Uhr aus der Tasche und hielt sie dem Juden vor das Gesicht . Du sollst zwölf Minuten Zeit haben , Deine Pferde zu erfrischen , wenn Du uns danach in einer halben Stunde über die Grenze bringst ! Der Jude versprach es und die Reisenden stiegen einen Augenblick vom Schlitten ab . Eine tragbare Krippe ward rasch herbeigeholt und vor die triefenden Pferde hingestellt , denen ihr Besitzer ein paar alte Decken