aufs äußerste bestürzt ; eine der Lehrerinnen war im Geheimniß . Als alles geweckt wurde und ich sehr gern den Nonnen eingestand , daß ich sie für unbetheiligt hielt am Verstecken meines Kindes , als die Lehrerin ringsum wirkliche Angst über einen möglichen Unglücksfall bemerkte und gestanden hatte , daß Armgart entflohen war , da hinderte ich selbst , daß man die Schiffer antrieb ihr nachzueilen . Wie sonst aus den Köhler- und Waldhütten ging ich , ich will nicht mehr sagen , mit dem Trotz meiner Jugend , aber doch so vernichtet und auf die erste Hoffnung tief erkältet , daß ich , wie schon oft im Leben , den Eindruck einer Frau ohne Herz zurückgelassen haben mag , als ich schweigend auf meinem Boot zum Ufer fuhr . Am folgenden Morgen besuchte mich die Lehrerin . Der Armen hatte man , als verdächtig , eine Flucht aus dem Pensionat unterstützt zu haben , sofort gekündigt . Das schon ältliche Mädchen dauerte mich . Sie sprach ihr Leiden nicht aus , das das gewöhnliche verblühender Jugend und des unterrichtgebenden Tagelöhnerns schien , aber ich sah es ihr an und vertraute ihrer Erzählung . Das Mädchen schien mich nicht für würdig zu halten , ganz in ihr Inneres zu sehen . Ich war ihr die Mutter , die ihr Kind aufgeben konnte . Erst als sie wiederholt auf mein graues Haar und den Ursprung desselben , den sie etwas ungläubig aus dem Kummer herleitete , zurückkam und ich jetzt , lächelnd sogar bei allem Leid , ihr sagen mußte : Liebe , Sie stellen mich viel zu hoch ! Dies Erblinden meiner Haare stammt aus einer Lebensgefahr , in die ich mich einst begeben hatte , als ich mich vierzehn Tage lang versteckte , versehen nur mit einem Körbchen Proviant , ohne Wasser und auf den Augenblick harrend , wo ich die Wahnsinnigen , mit denen ich im Kampfe lebte , überraschen wollte - man fand mich endlich fieberkrank und der Typhus raubt oder bleicht uns das Haar - ! - da wurde sie mittheilsamer und erzählte mir , was in Armgart ' s Seele so vorgegangen , als wäre ganz der Geist ihrer Tante Benigna über sie gekommen , dieser Velledennatur , die der Meg-Merilis Walter Scott ' s nicht unähnlich ist , ohne daß meine Schwester je den Hochlandsdichter gelesen haben mag . Ebenso will das Kind richten über mich und den Vater und setzt sich als Preis für unsere Aussöhnung ! Die Lehrerin erbot sich zur Vermittelung mit dem Obersten , der so nahe wohnte und in dessen ganzer Art es liegt , daß er nicht einmal den Versuch machte , sich umzusehen , wo er seinem einzigen Kinde begegnen könnte , geschweige es an sein Herz zu reißen . Ich lehnte die dargebotene Hülfe ab und verwies auf das , was vom Obersten mich immer getrennt hat und was uns ewig trennen wird . Von Herrn von Terschka erfuhr ich dann alle nähern Umstände dieser Flucht . Sie kennen seine unermüdete Gefälligkeit . Ich erfuhr die kleinsten Details . Begleitet von zwei ihr bekannten jungen Männern war das wahnbethörte Mädchen nach einer nächtlichen Fahrt auf die Station einer großen Postroute gebracht worden , wo sie die Diligence bestieg und nach Witoborn fuhr . Ich konnte ihr nicht folgen . Die Nähe so vieler Feindseligkeit beängstigte mich auch bei Lindenwerth . Ich schrieb einige Worte an den Dechanten und begab mich nach Belgien und Ostende , wo ich die Gräfin erwarten wollte , um sie , wie früher gehofft , mit Armgart , nun vielleicht allein nach England zu begleiten . Die Ankunft derselben verzögerte sich . Ich wartete wochenlang und sah das Meer in allen seinen wechselnden Launen , in seiner Größe und Gefahr , unheimlich und selbst im Sonnenschein und bei Windstille dem Menschen nicht wohlwollend . Die Jahreszeit wurde rauher , die Stürme tobten , die See ging hohl - eine Welle , die schon von weither rollt und über dem gefurchten Spiegel sichtbar wird wie eine glattgeschliffene riesige Sichel , immer näher kommt , immer mächtiger in ihrem weißen Gischt anwächst und dann sich auf den Strand wirft , hat etwas so unbarmherzig Unerbittliches , daß ich selbst vom schützenden Leuchtthurm aus nicht mehr diesem Spiele zusehen mochte . Ich reiste der Gräfin entgegen , die endlich in Frankfurt angekommen war . Aber schon in der Residenz des Kirchenfürsten begegneten wir uns und haben wir hier die stürmischen Tage der Gefangennahme desselben erlebt . Die Gemüther waren und sind noch in einer Aufregung , die den Verkehr mit ihnen peinlich macht , zumal wenn man mit einer Protestantin auftritt , die so entschieden wie die Gräfin an ihrem Bekenntnisse festhält und hier überall mehr Mistrauen und Feindschaft , als Entgegenkommen findet . Die Rechte ihres Sohns auf die Dorste ' schen Besitzungen sind unantastbar ; die Processe , die man dagegen aufbrachte , sind in drei Instanzen zu Gunsten des Grafen Hugo entschieden worden . Terschka ist schon nach Westerhof , um die Uebernahme der Güter und die Verständigung über Paula ' s Zukunft zu beschleunigen . Sie kennen meine Verehrung vor der hoheitsvollen Gesinnung dieser ehrwürdigen strengen Matrone . Schon mit ihrem Erscheinen entwaffnet Gräfin Erdmuthe jede Feindseligkeit ; selbst der gefährlichste ihrer Gegner , der Procurator Nück , windet sich vor ihr , als wenn schon ihr Blick etwas Zähmendes und Bändigendes hätte ; gerade ihm gegenüber thut die sittliche Macht des festen Willens und der reinen Ueberzeugung auch noth , da er noch bis zur Stunde , obschon alles für seine Clienten , die Geistlichen , die Klöster , die Stifte , die Landschaft , verloren ist , sich dem Unvermeidlichen nicht fügen will , zumal seit dem 10. December , wo von Rom aus hier alles wie mit unsichtbaren Schwertern bewaffnet ist . Eine freundliche Erscheinung waren mir die beiden jungen Männer , die an jenem für mich so schmerzlichen Sonntage Armgart auf ihrer Flucht begleitet hatten . Benno