fahlen , daß ein höherer spezifischer Wert in ihnen treibt und durchscheint . So hatte er des Angelus Silesius Cherubinischen Wandersmann in das Haus gebracht , und die kleine Gesellschaft empfand die größte Freude über den vehementen Gottesschauer , seine lebendige Sprache und poetische Glut . Diese unbefangene Freude ärgerte aber gerade den guten Pfarrer und wollte ihm gar nicht passen , und er ergriff eines Abends das Büchlein und begann um so eindringlicher und nachdrücklicher daraus vorzulesen , als ob die Leutchen bis jetzt gar nicht gemerkt , was sie eigentlich läsen . Als er sich etwas müde geeifert , nahm Heinrich das Buch auch in die Hand , blätterte darin und sagte dann » Es ist ein recht wesentliches und maßgebendes Büchlein ! Wie richtig und trefflich fängt es sogleich an mit dem Distichon : Was fein ist , das besteht ! Rein wie das feinste Gold , steif wie ein Felsenstein , Ganz lauter wie Kristall soll dein Gemüte sein . Kann man treffender die Grundlage aller dergleichen Übungen und Denkarten , seien sie bejahend oder verneinend , und den Wert , das Muttergut bezeichnen , das man von vornherein hinzubringen muß , wenn die ganze Sache erheblich sein soll ? Wenn wir uns aber weiter umsehen , so finden wir mit Vergnügen , wie die Extreme sich berühren und im Umwenden eines ins andere umschlagen kann . Da ist Ludwig Feuerbach , der bestrickende Vogel , der auf einem grünen Aste in der Wildnis sitzt und mit seinem monotonen , tiefen und klassischen Gesang den Gott aus der Menschenbrust wegsingt ! Glaubt man nicht , ihn zu hören , wenn wir die Verse lesen : Ich bin so groß als Gott , Er ist als ich so klein : Er kann nicht über mich , ich unter Ihm nicht sein . Ferner : Ich weiß , daß ohne mich Gott nicht ein Nun kann leben , Werd ich zunicht , er muß vor Not den Geist aufgeben . Auch dies : Daß Gott so selig ist und lebet ohn Verlangen , Hat Er sowohl von mir als ich von Ihm empfangen . Und wie einfach wahr findet man das Wesen der Zeit besungen , wenn man das Sinngedichtchen liest : Man muß sich überschwenken Mensch ! wo du deinen Geist schwingst über Ort und Zeit , So kannst du jeden Blick sein in der Ewigkeit . Besonders aber dies : Der Mensch ist Ewigkeit Ich selbst bin Ewigkeit , wenn ich die Zeit verlasse Und mich in Gott und Gott in mich zusammenfasse . Alles dies macht beinahe vollständig den Eindruck , als ob der gute Angelus nur heute zu leben brauchte und er nur einiger veränderter äußerer Schicksale bedürfte , und der kräftige Gottesschauer wäre ein ebenso kräftiger und schwungvoller Nichtschauer und Feuerbachianer ! « » Das wird mir denn doch zu bunt « , schrie der Pfarrer , » aber Sie vergessen nur , daß es zu Schefflers Zeiten denn doch auch schon Denker , Philosophen und besonders auch Reformatoren gegeben hat und daß , wenn eine kleinste Ader von Verneinung oder liberaler Humanität in ihm gewesen wäre , er schon vollkommen Gelegenheit gehabt hätte , sie auszubilden ! « » Sie haben recht ! « erwiderte Heinrich , » aber nicht ganz in Ihrem Sinne . Was ihn abgehalten hätte und wahrscheinlich noch heute abhalten würde , ist der Gran von Frivolität und Geistreichigkeit , mit welcher sein glühender Mystizismus versetzt ist ; diese kleinen Elementchen würden ihn bei aller Energie des Gedankens auch jetzt noch im mystischen Lager festhalten ! « » Frivolität ! « rief der Pfarrer , » immer besser ! Was wollen Sie damit sagen ? « » Auf dem Titel « , versetzte Heinrich , » benennt der fromme Dichter sein Buch mit dem Zusatz Geistreiche Sinn- und Schlußreime . Allerdings bedeutet das Wort geistreich im damaligen Sprachgebrauch etwas anderes als heutzutage ; wenn wir aber das Büchlein aufmerksam durchgehen , so finden wir , daß es in der Tat auch im heutigen Sinne etwas allzu geistreich und zuwenig einfach ist , so daß jene Bezeichnung jetzt wie eine ironische , aber richtige Vorbedeutung erscheint . Dann sehen Sie aber die Widmung an , die Dedikation an den lieben Gott , worin der Mann seine hübschen Verse Gott dediziert , indem er ganz die Form nachahmt , selbst im Drucke , in welcher man dazumal großen Herren ein Buch zu widmen pflegte , selbst mit der Unterschrift Sein allezeit sterbender Johannes Angelus . Betrachten Sie den bitterlich ernsten Gottesmann , den heiligen Augustinus , und gestehen Sie aufrichtig trauen Sie ihm zu , daß er ein Buch , worin er das Herzblut seines religiösen Gefühles ergossen , mit solch einer witzelnden , affektierten Dedikation versehen hätte ? Glauben Sie überhaupt , daß es demselben möglich gewesen wäre , ein so kokettes Büchlein zu schreiben , wie dies eines ist ? Er hatte Geist so gut als einer , aber wie streng hält er ihn in der Zucht , wo er es mit Gott zu tun hat ! Lesen Sie seine Bekenntnisse , wie rührend und erbauend ist es , wenn man sieht , wie ängstlich er alle sinnliche und geistreiche Bilderpracht , alles Kokettieren , alle Selbsttäuschung oder Täuschung Gottes durch das sinnliche Wort flieht und meidet . Wie er vielmehr jedes seiner strikten und schlichten Worte unmittelbar an Gott selbst richtet und unter dessen Augen schreibt , damit ja kein ungehöriger Schmuck , keine Illusion , keine Art von Schöntun mit Unreinem hineinkomme in seine Geständnisse ! Ohne mich zu solchen Propheten zählen zu wollen , fühle ich dennoch diesen ganzen und ernstgemeinten Gott , und erst jetzt , wo ich keinen mehr habe , bereue ich mit ziemlicher Scham die willkürliche und humoristische Manier meiner Jugend , in welcher ich in meiner vermeintlichen Religiosität die göttlichen Dinge zu behandeln pflegte , und ich könnte mich darüber nicht trösten und müßte mich selbst der Frivolität zeihen ,