bewegte sich nach der Thür , blieb aber in dieser stehen , kam wieder einige Schritte auf mich zu und sagte , mit der Miene eines Mannes , der sich von dem Grabe seiner Hoffnungen nicht trennen kann : » Denken Sie nicht geringer von mir , weil ich mich zu einem Vertrauensbruch habe verleiten lassen , der meinem Stande , meinen Jahren und , ich darf wohl sagen , meinem Charakter so schlecht entspricht ; aber ich habe Ihnen ja nur gesagt , was Sie eigentlich schon wissen , oder doch auf jeden Fall über kurz oder lang wissen werden , und , Georg « - hier seufzte der Justizrath und lächelte schmerzlich - » Georg , was Sie dem gewiegten Geschäftsmanne nicht verzeihen werden , das verzeihen Sie vielleicht dem Vater . Auch ich habe nur eine Tochter und bin , Gott sei Dank , ein reicher Mann . « Der reiche Mann , der nur eine Tochter hatte , ging zur Thür hinaus , in dem Augenblicke , als Wilhelm durch dieselbe mit einem Briefe hereintrat , den eben der Postbote gebracht hatte und dessen Siegel ich mit zitternden Händen brach . » Mein lieber Georg , mein Bruder ! So ist denn endlich erfüllt , was ich so lange gewünscht , gehofft ; und weil es doch wohl zu Deinem vollen Glücke gehören wird , daß ich unter den Kränzewinderinnen nicht fehle , so nimm auch meinen Strauß mit den anderen . Ich habe Alles hineingebunden , was nur Liebes und Gutes eine Menschenseele der anderen wünschen kann : alles Heil und allen Segen , wie es aus meinem tiefsten Herzen für Dich quillt , für Dich , meinen Freund , meinen Bruder , unseren Bruder , denn auch die Jungen kommen zu ihrem Aeltesten und neigen sich vor ihm , der nun gekrönt ist , wie er es verdient . Trage sie stolz Deine holdselige Krone ! und möge nie eine Hand daran rühren , die weniger rein ist , als die der Frau , die mir eben ihre Hand auf die Schulter legt und ihr Antlitz auf das Blatt neigt , das ihre Augen nicht mehr sehen , und zu mir leise spricht : er bleibt uns doch , was er uns gewesen ist . « Auch dieser Brief trägt Spuren von Thränen ; aber meine Augen waren es , die sie weinten , und Freudenthränen sind es gewesen , die aus meinen Augen warm und groß herabfielen auf das Blatt . Und als ich die dankbaren Blicke emporrichtete , da war die Wolke verschwunden , die einzige Wolke , die an meinem Himmel gestanden hatte , und er blickte freudig auf mich herab , wie der Frühlings-Aether , der sich in diesen Tagen so glorreich über Land und Meer breitete . Ja , in diesen glorreichen Tagen , die mir sind , als ob es damals keine Nacht gegeben habe und keine Dunkelheit , sondern immer nur Tag und Licht und wonniges Leben . Nicht allzu viele waren ihrer , diese Tage , und vielleicht war das gut . Wer von uns Erdgeborenen , und sei ihm das Maß seiner Kraft noch so voll gemessen , könnte lange ungestraft an der Tafel der Götter schwelgen ! Aber , viel oder wenig , heilig sollst du mir sein , Erinnerung dieser göttlichen Tage ! und heilig soll mir sein , was nur immer an diesen Tagen Theil hatte und ihre Kostbarkeit erhöhte : heilig , strahlende Sonne du , und ihr rauschenden Wälder , durch die ich an der Seite der Geliebten schweifte , und ihr dämmrigen Felder , über die ich mit ihr wandelte , so selig , als ob es schon die elyseischen wären ! und ihr , ihr lieben Lerchen , die ihr trillernd in das Aetherblau stiegt und stiegt , bis ihr unseren Blicken verloren waret und wir dann Auge in Auge einen anderen Himmel suchten ! und ihr , ihr süßen Nachtigallen , die ihr uns glauben machen wolltet , daß ihr seliger wäret , als wir ! Ja , heilig sollst du mir sein , Erinnerung jener holden Tage ! bist du doch das Einzige , was mir davon geblieben ist ! Dreiundzwanzigstes Capitel . Den seligen Tagen , von denen ich nicht mehr zu sagen wüßte , wie viel ihrer gewesen sind , folgten andere , die ebenso voller Unruhe und mancherlei Trübungen waren , wie jene voller Ruhe und Sonnenschein . Wir waren Alle in Berlin : der Commerzienrath , meine Braut , Fräulein Duff und ich ; der Commerzienrath mit den Damen in einem Hotel ; ich wieder in meiner alten Clause auf dem ruinenhaften Hof , wo meine Gegenwart jetzt nöthiger war , als je . Allerdings nicht in den Augen Herminens , die lachend behauptete , daß , hätte das Gerümpel nun schon so lange dagelegen , es auch noch einige Zeit länger liegen könnte . Ich war anderer Ansicht . In der That war keine Stunde zu verlieren . Ich hatte dem Commerzienrath nach langem Reden und Zureden die Genehmigung zur Ausführung meines Lieblingsprojectes glücklich abgelockt und abgetrotzt . Der Bauplan war längst fertig in meinem Kopfe und jetzt auch durch die Beihülfe eines tüchtigen Architecten fertig auf dem Papier . Es gab weniger und mehr zu thun , als ich gedacht ; aber wir hatten uns darüber verständigt , daß wir bis zum Herbst mit der Hauptsache zu Stande kommen würden , und während des Winters bereits in den neu errichteten Gebäuden arbeiten könnten , vorausgesetzt , daß uns die nöthigen Geldmittel nicht ausblieben . In Beziehung dieses letzteren kritischen Punktes war ich allerdings nur halb im Klaren ; freilich , ohne meine Schuld . Es hatte mir trotz aller meiner Mühe nicht gelingen wollen , den Commerzienrath zu einer offenen Darlegung seiner Verhältnisse zu vermögen . Noch jetzt gedenke ich nicht ohne ein Gefühl peinlicher Beschämung der endlosen Debatten , die ich mit ihm über unsere gemeinschaftlichen Angelegenheiten hatte ,