? fragte Paul . Der Herr haben also einen Paß ? forschte der Jude ungläubig . Wie anders ? entgegnete Paul und wickelte sich fester in seinen Pelz ein . Der Jude war aber so leicht nicht abzuweisen . Ich bin drüben gleich hinter unserer Grenze zu Hause , fuhr er fort , und habe meine Tochter diesseits verheirathet im letzten Kruge . Ich kenne Weg und Steg und kenne den Herrn Leutnant von der Wache und den Herrn Inspector von dem Zoll , und sie kennen mich auch . Wenn vielleicht .... Er hielt überlegend inne , ob er so weit gehen sollte , und wagte es endlich dennoch , seine pfiffige Vermuthung auszusprechen - wenn vielleicht der Herr Bedienter nicht sind versehen mit einem Paß - die Pässe werden streng visirt und die Zolluntersuchung ist noch strenger ! Schlimm für Dich , der Du heimlich über die Grenze gehen willst , falls wir Dich verhindern , Deine Contrebande in der Stadt oder draußen bei Deinem Tochtermanne abzulegen , bis Du sie Dir gelegentlich herüberholen kannst ! Und nun fahr zu ! rief Paul befehlend , allen Vermuthungen , Vorschlägen und Planen des Juden damit ein Ende machend , wie sehr dieser sich auch hoch und theuer verschwor , daß er gar keine Waare bei sich habe , daß er ein ehrlicher Mann und ganz ausschließlich nur auf der gnädigen Herren Vortheil bedacht gewesen sei . Aber die Besorgniß , daß es doch vielleicht französische , mit heimlicher Beaufsichtigung der Grenze betraute Beamte sein könnten , die er fahre , lähmte endlich des Juden Zunge , und , Jeder in seine Gedanken versenkt , sahen die beiden Reisenden schweigend in die Nacht hinaus , während die Sekunden kamen und entschwanden , während Woge um Woge gleichmäßig auf das Eis des Ufers rollte , während der Sturm die Wolken , die er zusammengefegt hatte , in wildem Laufe vor sich her trieb , bis hier ein Stern durchblitzte und dort ein zweiter , und bis endlich hoch am Horizonte der Nordstern wieder hell strahlend aus dem Siebengestirn herniedersah . Paul begrüßte ihn wie einen alten Freund . Seine frühesten Erinnerungen knüpften sich an dieses Gestirn . In dem kleinen Hause seiner Mutter hatte er auf seines Vaters Knie gesessen , als dieser ihm das Gestirn gezeigt ; aus dem Fenster der Kriegsräthin , aus Seba ' s Stube hatte er es gesehen . Es hatte ihm geleuchtet in der Schmerzensnacht , die ihn aus der Heimath fortgetrieben , es hatte ihn nicht verlassen , als er , ein flüchtig gewordener Knabe , über das weite Weltmeer gefahren war , und es war bei ihm gewesen wie der einzige Gefährte aus der Heimath , als er in dem fremden Welttheile nichts sein eigen genannt hatte , als sein nacktes Leben . Eine Rührung , die ihm fremd war , bemächtigte sich seiner . Hingenommen von seiner rastlosen Thätigkeit , war ihm durch alle die Jahre wenig Zeit zum Nachsinnen geblieben . Wie man im raschen Fluge des Caroussels mit scharfem Blicke und sicherer Hand den Ring absticht , hatte er im eiligen Wechsel der Ereignisse den Augenblick erhaschen und sich aus seinen Erfahrungen die Ueberzeugungen und Grundsätze bilden müssen , nach denen er sein Leben regelte . Von der flüchtigen Minute hatte er Belehrung fordern , in die freie Minute sein Empfinden zusammenpressen müssen , und des glücklich Erreichten hatte er sich kaum erfreuen dürfen , weil immer ein neues , nothwendig noch zu Erreichendes schon wieder nahe vor ihm gestanden hatte . Nun freilich hatte er , was er zuerst erstrebt . Er hatte einen eigenen und einen guten Namen , den ihm nicht sein stolzer Vater vererbt und nicht seine arme Mutter hinterlassen hatte , sondern einen Namen , den er sich selbst geschaffen , wie seinen ganzen , nicht unbedeutenden Besitz . Aber wozu das alles ? fragte er sich auch in dieser Stunde . Wer bedarf des Besitzes , den Du Dir erworben hast ? Wen freut es , wenn Dein Fleiß ihn wachsen macht ? Wer sorgt sich darum , wenn er Dir verloren geht ? Für wen bist Du eine Nothwendigkeit in dieser weiten Welt ? Und während diese Gedanken in ihm aufstiegen , nannte er selbst sie ein Unrecht gegen die Frau , welche die Beschützerin seiner Kindheit und das Ideal seiner Jugend gewesen war . Er liebte Seba auch heute noch , wärmer , zärtlicher , begeisterter , als der Sohn die Mutter liebt ; denn seine Liebe war freier , als die Kindesliebe , war nicht naturbestimmt , sondern Erkenntniß und frei Wahl , und überall steht das Freigewählte hoch über allem Angeborenen . Aber Seba war nicht jung wie er , sie bedurfte seiner nicht , sie war nicht ausschließlich sein eigen . Es änderte sich in ihrem Loose , in ihrem Leben nichts , was auch aus ihm werden mochte , und doch dünkte es ihn , als gleiche er immer nur dem Blatte , das der Wind umhertreibt , als fasse er nicht feste Wurzel in dem Leben , so lange er sich nicht nothwendig , nicht unentbehrlich für ein anderes Menschenwesen wisse , so lange er , der keine Heimath und keine Familie für sich vorgefunden hatte , sich nicht seine Heimath selbst geschaffen habe in der Familie , die er selbst begründet , so lange er sich in seinen Kindern nicht eine Fortdauer über seinen Tod gesichert habe . Ein scharfer Luftstrom streifte über Paul ' s Stirn und entriß ihn seinem weichen Sinnen . Die Nacht war im Entschwinden . Wie am ersten Schöpfungstage begannen Luft und Wasser sich vor seinem Auge zu scheiden , der Blick wurde wieder Herr der Welt , und langsam durchdringend und sich Bahn machend durch das schwebende und wallende Gewölk , das sie mit ihrem Purpur färbte , stieg endlich in flammender Herrlichkeit die Sonne , mächtig in ihrer Leben bringenden Kraft , aus den dunkeln , kalten Wogen an