am Wagen . Ein anderer Diener hat die Gräfin von Salem-Camphausen , die Mutter des Grafen Hugo , in einem Miethwagen begleitet , in welchem sie noch einige Abschiedsbesuche macht ... In dem einen der oben von ihr seit zwei Monaten bewohnten Zimmer brennt etwas düster eine große Astrallampe auf einem runden , mit einem Teppich bedeckten Tische . Eine andere , hellere , wenn auch kleinere Lampe bescheint ein kleines Schreibbureau , an welchem eine Dame sitzt und mit Emsigkeit die Feder führt ... Alles still um sie her ... Beträte auch ein Fuß das geräumige Zimmer , dem man die einer Abreise vorangehende Unordnung nicht ansieht , der Schritt würde durch einen Teppich gemildert werden ... Eine kleine wiener Reiseuhr steht neben der Schreibenden , die zuweilen wie mechanisch auf sie hinblickt und sich flüchtig über den schnellen Lauf der Zeit zu wundern scheint , obgleich sie darum im Schreiben immer noch fortfährt ... Die Dame ist nicht , wie seit dem 20. November alles , was in dieser Stadt der gemeinsamen Stimmung Rechnung trägt , schwarz gekleidet , nur dunkelfarbig ... weit ausgebreitet bauscht sich um sie her ein einfacher seidener Stoff ... ein Spitzentuch , das den Nacken bedeckt , ist herniedergeglitten ... ja an dem zurückgehenden Ausschnitt des Kleides kann man entnehmen , daß die emsige Schreiberin , um die Brust zu schonen , sich ' s unbewußt bequem gemacht hat ... Man sieht die Fülle der Anmuth und der Jugend . Sie blickt auf und athmet wie erschöpft ... Die saubern Octavblättchen , die sie vollgeschrieben , zählt sie und lächelt , da es deren so viele sind ... Dies Lächeln sollte uns nicht fremd sein ... Es hat Aehnlichkeit mit jener Duldermiene , die das Lächeln Armgart ' s dem Blick der Madonnen Murillo ' s so ähnlich macht ... An dem seltsamen Glanz der langen Locken , die auf den weißen , durch Zufall entblößten Hals der jetzt Lesenden niedergleiten , erkennen wir Armgart ' s Mutter , die Oberstin von Hülleshoven , Monika von Ubbelohde . In der That hat der Winter nie so nahe beim Frühling gewohnt . Nie ist der letzte Schnee in anmuthigerm Neckspiel auf die ersten Blüten eines Gartens gefallen . Nie hat der Sonnenstrahl zur Osterzeit so schnell die letzten Flocken der noch eisigen Lüfte hinweggeküßt . Oder müssen wir von einem Hagelwetter sprechen , das grausam seine Eiskörner zurückgelassen unter Rosen und Lilien ? Monika ' s Locken sind grau . Monika ist eine Frau mittler Größe , nicht von übervollen , aber runden Formen . Ist ihr Antlitz jetzt nur vom Ueberbeugen so geröthet oder trägt es dies frische Incarnat für immer ? Fast möchte man letzteres glauben , wenn man die schwellende Röthe der Lippen vergleicht , die ein wenig sich öffnen , weil sie leise vor sich hin das liest , was sie geschrieben ... Ihr Blick ist ernst . Die Hand , weiß und klein , hält die Blätter etwas zu nahe dem Auge . Wer weiß , ob nicht auch diese schönen braunen Augen gelitten haben von viel Thränen , die sie vergossen haben mochte ? Bei alledem liegt auf der Stirn ein seltener Friede . Oder ist es nur eine große Klarheit , die ihre Vorstellungen zu einem Lichte hindurchgerungen hat , das nun auch diese Stirn so edel erhellt ? Eine Stirn , die unharmonisch ist , entstellt ein ganzes noch so zierliches Antlitz . Die Stirn dieser jungen Frau stieg sanft aus den eingesenkten Schläfen und erhob sich nur oben , dicht an den gescheitelt niedergleitenden grauschimmernden Locken , deren an jeder Seite drei bis auf die in dem Lehnsessel sich aufstemmenden Oberarme fielen , zu einem leisen Hervortreten zweier Flächentheile , die in der Mitte durch eine einzige sanfte Linie getheilt waren . Die Rundung des Kopfes , dessen Hintertheil ein unterm Kinn zusammengebundenes Flortuch von schwarzer Seide bedeckte , war der Ausdruck eines Wesens , das die Harmonie und mit ihr die Gerechtigkeit liebte . Die Augenbrauen waren dunkel , nicht von dem Loose des Haares betroffen . Zitterten die Blättchen in der Hand der Lesenden , so war nur die Haltung der Arme , die sich auf die Lehnen des Sessels stemmten , schuld daran , nicht die bangende innere Aufregung , denn mit Ruhe , Fassung , mit dem Ernst eines Denkers überliest die junge Frau , was sie geschrieben . Die Blätter lauteten : » Seit vier Monaten , meine theure Freundin , haben Sie nichts von mir vernommen und vielleicht zu buchstäblich hab ' ich mein Wort gehalten , Sie zu verschonen mit den Aufwallungen über halbe und unentschiedene Zustände . Ich habe nicht in Anschlag gebracht , daß schon seit der Rückkehr des Obersten die Vorbereitungen getroffen sein mußten , Armgart so bald als möglich wieder nach Westerhof zurückzurufen . Unmittelbar nach meinem Briefe suchte ich einzutreffen . Kaum hatt ' ich von den Zimmern , die Herr von Terschka für mich bestellte , Besitz genommen , als ich mich in einen Nachen setzte und zur Insel Lindenwerth hinüberfuhr . Ich wiederholte eine der Scenen , deren vor Jahren so viele stattgefunden . Damals , in der seligsten Gewißheit , am Ziele zu sein und mein Kind zu besitzen , es zu überraschen im Schlummer , es entdeckt zu haben in einer Köhlerhütte , bei einem Förster im Walde , hatten mein Schwager und meine ihm verbundene Schwester den Raub , den sie an zwei Aeltern begingen , schon wieder an einen andern Ort geborgen , nur daß ich diesmal nicht die mir tödlichen Worte in einem zurückgelassenen , immer gleichlautenden Briefe fand : Dein Platz ist - in der Kaserne beim Olivaer Thor in Danzig ; dort wirst du dein Kind finden ! Aber ebenso stand ich wieder wie sonst . Muttergefühl und Stolz im Kampf . Nach halbstündigem Warten auf Armgart merkt ' ich , daß sie nicht mehr auf der Insel war . Die Englischen Fräulein schienen