. Was dem einen recht , ist dem andern billig ! Warum , wenn wir in neunundneunzig Fällen , wo es uns schlimm ergeht , wo kein glücklicher Stern , d.h. kein guter Zufall uns begünstigt , uns mit der Vernunft und Notwendigkeit trösten und unsere tüchtige feste Haltung rühmen , warum denn im hundertsten Falle , wo einmal ein schönes und glückhaftes Ungefähr uns lacht , alsdann stracks an der Vernunft zu verzweifeln , an der natürlichen Schickung der Dinge , an unserer eigenen gesetzmäßigen Anziehungskraft für das uns Angenehme und Nützliche ? Ist die Vernunft , welche uns über neunundneunzig unangenehme Dinge hinweggeholfen hat , nicht mehr da , wenn das hundertste Ding ein angenehmes ist ? Diese Art zu denken und zu danken ist eigentlich eher eine Blasphemie ; denn indem wir für das eine glückliche Ereignis danken , schieben wir dem Schöpfer ja alle die schlimmen und schlechten Erfahrungen mit in die Schuhe . Daher sind nur die asketischen Christen im Rechte , welche dem Gotte auch für das Übel inbrünstig danken . Dieses tun unsere aufgeklärten Herren Deisten aber doch nicht , sie verdanken ihrem Gotte das Unglück nicht im mindesten , und er ist nur ihr Sonntags- und Freudengott . Was nun Ihren lieben Gott betrifft , lieber Heinrich , so ist es mir ganz gleichgültig , ob Sie an denselben glauben oder nicht ! Denn ich halte Sie für einen so wohlbestellten Kauz , daß es nicht darauf ankommt , ob Sie das Grundvermögen Ihres Bewußtseins und Daseins außer sich oder in sich verlegen , und wenn dem nicht so wäre , wenn ich denken müßte , Sie wären ein anderer mit Gott und ein anderer ohne Gott , so würden Sie mir nicht so lieb sein , so würde ich nicht das Vertrauen zu Ihnen haben , das ich wirklich empfinde . Dies ist es auch , was diese Zeiten zu vollbringen und herbeizuführen haben nämlich vollkommene Sicherheit des menschlichen Rechtes und der menschlichen Ehre bei jedem Glauben und jeder Anschauung , und zwar nicht nur im Staatsgesetz , sondern auch im persönlichen vertraulichen Verhalten der Menschen zueinander . Es handelt sich heutzutage nicht mehr um Atheismus und Freigeisterei , um Frivolität , Zweifelsucht und Weltschmerz , und welche Spitznamen man alles erfunden hat für schwächliche und kränkliche Dinge ! Es handelt sich um das Recht , ruhig zu bleiben im Gemüt , was auch die Ergebnisse des Nachdenkens und des Forschens sein mögen , und unangetastet und ungekränkt zu bleiben , was man auch mit wahrem und ehrlichem Sinne glauben mag . Übrigens geht der Mensch in die Schule alle Tage , und keiner vermag mit Sicherheit vorauszusagen , was er am Abend seines Lebens glauben werde ! Dafür haben wir die unbedingte Freiheit des Gewissens nach allen Seiten ! Aber dahin muß die Welt gelangen , daß sie mit eben der schuldlosen guten Ruhe , mit welcher sie ein neues Naturgesetz , einen neuen Stern am Himmel entdeckt , auch die Vorgänge und Ergebnisse in der geistigen Welt hinnimmt und betrachtet , auf alles gefaßt und stets sich gleich als eine Menschheit , die da in der Sonne steht und sagt Hier stehe ich ! « Auf fast ganz weibliche Weise schlüpfte Heinrich in die Grundsätze derer hinein , die er liebte und die ihm wohlwollten , und dies war wohl weniger unmännliche Schwäche als der allgemeine Hergang in diesen Dingen , wo die besten Überzeugungen durch den Einfluß honetter und klarer Persönlichkeit vermittelt werden . War doch der Graf selbst , der gewiß ein Mann war , durch das Wesen eines kleinen unwissenden Mädchens zu seiner Abrechnung veranlaßt worden . Doch wollte Heinrich nicht hinter ihm zurückbleiben und studierte , wohl aufgelegt und von einer anhaltenden neigungsvollen Wärme durchdrungen , die Geschichte des theologischen und philosophischen Gedankenganges der neueren Zeit , wobei ihm jede Erscheinung , jedes Für und Wider , insofern sie nur ganzer und wesentlicher Natur waren , gleich lieb und wichtig wurden , und nur das Naseweise , Inquisitorische und Fanatische in jeder Richtung widerte ihn an . Die Kultur der Religionen vermag die Völker nur aus dem Gröbsten zu hobeln und zu verändern . Auf einer gewissen Stufe angekommen , hat jeder Mensch seinen bestimmten Wert , welcher nicht um ein Quentchen verliert oder gewinnt , ob er diesen Wert in oder außer sich sucht . Dies empfand Heinrich , wie der Graf ihm gesagt , mit leichtem Herzen und großem Behagen , und die sich so oft gestellte Frage , ob er an sich gut sei , glaubte er sich nun freundlich beantworten zu dürfen , da er nicht die mindeste Veränderung und Bewegung an sich empfand und sich von Grund aus weder um ein Haar besser noch schlimmer vorkam , seit er das halbe Wesen und das peinliche Polemisieren mit dem Gott in seiner Brust aufgegeben . So verging der Winter in mannigfacher , aber ruhiger Bewegung . Der Pfarrer , welcher mit humoristischem Zorne den grünen Fremdling seine Fahne verlassen sah , fand sich noch öfter im Herrenhause ein und suchte durch einen Sprühregen von Angriffen und Witzkompositionen den Flüchtling zu bedrängen und einzufangen . Vorzüglich ging er darauf aus , die Welt unter dem Gesichtspunkte seiner Zuhörer als heillos nüchtern , trivial und poesielos darzustellen , und um zu zeigen , wie ganz anders sie sich ausnehme im Lichte eines innigen Gottesglaubens , nahm er energische phantasievolle Mystiker zu Hilfe , in welchen er weniger als Christ denn als geistreicher Liebhaber sehr belesen war . Er brachte wiederholt dergleichen her und war sehr willkommen damit , da , wenn man sich einmal über solche Gegenstände unterhält , alles , was aus ganzem Holze geschnitten ist , gleich wichtig erscheint , belehrt und erbaut . So werden auch stets ein recht herzlicher glühender Mystiker und ein rabiater Atheist besser miteinander auskommen und größeres Interesse aneinander haben als etwa ein dürrer orthodoxer Protestant und ein flacher Rationalist , weil jene beiden gegenseitig wohl