wohl merke , obgleich man sagt , du seiest etwas stolz und unfreundlich ! Dies letztere ist nun freilich auch nicht wahr ! « » Und du bist also meinetwegen aus Amerika aufgebrochen , obgleich du mich für schlecht gehalten hast ? « » Wer sagt das ? Ich habe dich trotzdem nicht für schlecht , nur für unglücklich gehalten ! « » Das Schlimmste an dem Unglück ist aber dennoch wahr , meine Verschuldung ! Ich habe wirklich meine Mutter in Kummer und Sorgen gebracht und bin eben recht gekommen , der daran Sterbenden die Augen zuzudrücken ! « » Wie ist das denn zugegangen ? Erzähle mir alles , denke aber nicht , daß ich mich von dir werde abwendig machen lassen ! « » Dann hat dein Urteil keinen Wert , wenn es nur durch deine gütige Zuneigung bedingt wird ! « » Eben diese Neigung ist Urteils genug , und du mußt es anerkennen ! Doch erzähle nur ! « Ich tat es in ausführlicher Weise , so ausführlich , daß ich gegen das Ende hin die Aufmerksamkeit auf meine Rede verlor und zerstreut wurde ; denn ich spürte inzwischen den alten Druck von der Seele weichen und wußte , daß ich frei und gesund war . Plötzlich unterbrach ich mich und sagte : » Es nützt nichts , länger zu schwatzen ! Du hast mich erlöst , Judith , und dir danke ich ' s , wenn ich wieder munter bin ; dafür bin ich dein , solang ich lebe ! « » Das läßt sich hören ! « erwiderte sie mit glänzenden Augen und mit einem Ausdrucke von Zufriedenheit in ihren schönen Gesichtszügen , daß der Anblick mich in der Erinnerung immer wieder irremachte , wenn ich im Laufe der Jahre zu erwägen hatte , wie mit der Schönheit der Dinge doch nicht alles getan und der einseitige Dienst derselben eine Heuchelei sei wie jede andere . Ja , neben der Erinnerung an Dortchens Angesicht am Tische des Kaplans leuchtet mir Judiths Anblick fort wie ein Doppelstern . Beide Sterne sind gleich schön und doch nicht beide gleich in ihrem wahren Wesen . » Nun habe ich Hunger und möchte essen , wenn du was hast ! « sagte Judith ; » aber richte dich ein , den übrigen Tag mit mir im Freien zuzubringen ; unter Gottes freiem Himmel wollen wir unsere Sachen zu Ende führen ! « Wir stellten fest , daß ich nach Tisch mit ihr heimwärts fahre , daß wir aber am Eingange des Tales , wo wir uns zuerst getroffen , den Wagen weiterschicken und den Berg mit der Nagelfluhe besteigen wollten . Fröhlich und zufrieden aßen wir zusammen im Herrenstübchen des Gasthauses zum goldnen Stern . In einem der Fenster leuchtete eine zweihundertjährige gemalte Scheibe mit den Wappen eines Ehepaares , das nun schon lange zu Staub geworden . Über den beiden Wappen stand die Inschrift : » Andreas Mayer , Vogt und Wirt zum gülden Stern , und Emerentia Juditha Hollenbergerin sind ehlich verbunden am 1. Mai 1650 . « Der Hintergrund , auf welchem die zwei Wappen standen , zeigte ein Gartenland mit einer Gesellschaft zechender Engelsfigürchen zwischen Rosenbüschen . Ein geschmücktes Paar , die Handschuhe in den Händen , sah den kleinen Trinkgesellen wohlgefällig zu . Zuunterst aber quer über die Scheibe stand auf einem breiten Bande der Spruch : Hoffnung hintergehet zwar , Aber nur , was wankelmütig ; Hoffnung zeigt sich immerdar Treugesinnten Herzen gütig ! Hoffnung senket ihren Grund In das Herz , nicht in den Mund ! Die gemeinsame Quelle , aus welcher beide Schreiber , die so weit auseinander lebten , der alte Glasmaler und das Fräulein im Grafenschloß , geschöpft hatten , mußte somit ein sehr altes Buch sein . Mich aber berührte diese Aufdringlichkeit des Zufalls , die aus der ganzen Schilderei leuchtete , eher ängstlich und beklemmend als freudig ; denn dieser Machthaber schien sich förmlich zu meinem Führer aufwerfen zu wollen , und der Spruch konnte eine neue Täuschung verkünden . Judith las denselben , ohne auf das Bildwerk zu achten , und sagte lächelnd : » Welch ein schöner Vers und gewißlich wahr ; man muß ihn nur richtig verstehen ! « Wir begaben uns also auf den Weg , schickten den Wagen am Fuße jenes mäßigen Berges weg und wanderten gemächlich hinauf , und zwar auf die Scheitelhöhe . Dort standen , weit in das Land ragend , zwei mächtige uralte Eichbäume , unter welchen eine Bank und ein steinerner , ganz bemooster Tisch sich befanden . Vor der christlichen Zeit sollte hier eine Kultusstätte , später eine Dingstätte gewesen sein und von letzterer Bestimmung der Tisch herrühren . Auf der Bank im Schatten der mächtig ausgreifenden Aste sitzend , schauten wir Hand in Hand in die bläuliche Ferne der Rundsicht . Judith hatte ihren Hut und Sonnenschirm auf den Tisch gelegt . Nach einer Weile , als sie auch den Tisch betrachtet und sich die Bedeutung desselben hatte erklären lassen , sagte sie mit bedächtlichen und bewegten Worten : » Wie nennt man ' s denn in den Ländern , wo es Könige gibt , wenn diese gekrönt werden und an den Altären stehen ? « Ich wußte nicht gleich , was sie meinte , und sann nach . Da ich sie aber unverwandt auf den alten Steintisch schauen sah und sie sogar Hut und Schirm wegnahm , wie um die Sache deutlicher zu machen , fiel es mir ein , und ich sagte : » Es heißt , sie nehmen die Krone von Gottes Tisch ! « Da sah sie mich zärtlich an und flüsterte : » Ja , so heißt es ! Sieh , und nun könnten wir hier auch das Glück von Gottes Tisch nehmen , was die Welt das Glück nennt , und uns zu Mann und Frau machen ! Aber wir wollen uns nicht krönen ! Wir wollen jener Krone entsagen und dafür des Glückes um so sicherer