europäischen Lazarethe nachzuahmen und über den Kranken schwarze Tafeln anzubringen , welche das Stadium der Krankheit und die angewendeten Heilmittel notificiren sollten - es war jedoch bei dem Versuch geblieben ; denn die täglich wachsende Anzahl der Kranken und die Fahrlässigkeit und Ignoranz der türkischen Aerzte hatte der Anordnung gespottet . Auf diesem Stroh in langer Reihe neben einander lagen in diesem Augenblick dicht zusammengedrängt an vier- bis fünfhundert Menschen in jedem Stadium der körperlichen Auflösung . Das Lazareth lieferte durchschnittlich 40 bis 50 Todte . Der Schmerz in jedem Ton - vom leisen Wimmern bis zum gellenden Aufschrei des Unerträglichen ; - das Leiden von der Apathie bis zur gotteslästerlichen Verzweiflung ; - das Sterben von dem stillen Hinschwinden aller Kräfte bis zum wüthenden Kampf der Muskeln und Nerven gegen den Allesverschlinger , - Alles war vereint in dieser feuchten , pestschwangern Athmosphäre . Größtentheils in ihren Kleidern - Lumpen , die vom Leibe faulten , von Ungeziefer wimmelten , - lagen die Kranken ; glücklich , wer eine Decke gewann , in die er sich hüllen konnte gegen den Frost . Vom Leibe des Sterbenden riß sie die Hand des Nebenmannes , - dem tapfern Kameraden , der vielleicht noch vor wenigen Tagen in der blutigen Schlacht den toddrohenden Hieb aufgefangen , gönnte der Gerettete jetzt nicht die - letzte Bequemlichkeit des Sterbens ! ! Da lagen sie mit den hohlen Gesichtern , den dunklen Ringen um die starrenden Augen , und die gräuliche Krankheit färbte alle Nüancen der Völkerfarben - Braun und Gelb , Weiß und Schwarz - mit dem furchtbaren Aschgrau . Wo die Flügel des Gebäudes , die beiden langen Gänge voll Leiden und Verwesung zusammenstießen , standen nach jeder Seite hin fünfzig eiserne Feldbettstellen mit Matratze und Decke . Die türkische Verwaltung mußte doch Etwas thun , und diese hundert Lagerstätten waren für das Lazareth einer Armee von 40,000 Mann bestimmt , einer Armee , die täglich 500 Kranke hatte außer den Verwundeten . Was nutzten aber den Günstlingen der Aerzte , den On-Baschi ' s und Mulassim ' s , die darauf Anspruch hatten , diese Lagerstätten bei dem Schmuz und der Unreinlichkeit des türkischen Wesens ? Zwischen die Leinentücher , auf die feuchte , modernde Matratze , auf der eben der Eine in ekler Krankheit gestorben war , mußte eilig der Zweite gelegt werden , - der Tod hatte keine Zeit für Wäsche und Reinigung . Der Typhus ist eine schreckliche , die Säfte des Lebens zersetzende Krankheit , aber auf die Seele wirkt er gleich dem Traum der Fata Morgana und das Delirium führt die Phantasie in die unermessenen Räume . Visionen , Wahrsagungen , erotische Bilder , somnambüle Kräfte und Erscheinungen wechseln bunt in der Gluth des Fiebers oder der Abspannung der Nerven . Ueber alle diese schrecklichen Erscheinungen siegte jene furchtbare Resignation des Leidens und des Todes , die der ächte Moslem besitzt , denn seine Religion ist von Jugend auf : » Es war mein Kismet ! « und ruhig - wenn die Fiebergluth gewichen und die unfreiwillige Exaltation erschöpft hat - streckt er sich zum Sterben . Selbst in dieser Exaltation , in diesen rasenden Phantasieen schwebt ihm dieser Glaube vor . Welcher furchtbare Unterschied in diesem apathischen Hingeben mit dem verzweifelnden Ringen des Renegaten an seiner Seite , - des Kranken , der Glaube und Vaterland verlassen , der keinen Trost mehr hat , als die schreckliche Hoffnung auf das ewige Nichts . - - Was sollten unter diesen fünfhundert Kranken höchstens zwei wirklich wissenschaftlich gebildete Aerzte , von denen noch dazu der eine als Oberarzt die Station der Verwundeten zu beaufsichtigen hatte ? Die Anstrengungen , die Doctor Welland gemacht hatte , um einige Ordnung in dies Chaos von Leiden und Schmuz zu bringen , waren riesenhaft , aber sie erlahmten an der gänzlichen Unfähigkeit seiner europäischen Gehilfen und der Gleichgültigkeit und dem Egoismus der türkischen . Wir haben bereits erwähnt , daß die Unterärzte und Apotheker im glücklichsten Fall aus verlaufenen Barbiergesellen bestanden , daß das aber eben nur Ausnahmen waren und größtentheils Leute aus den verschiedensten Ständen , ohne alle und jede Kenntniß zu Aerzten und Wundärzten geworden waren , bloß weil sie die Eigenschaft eines Franken besaßen und der Türke glaubt , jeder Franke sei ein Hekim-Baschi . Dennoch richtete selbst ihre Unwissenheit - und sie starben hin wie die Fliegen in diesem traurigen Beruf - weniger Unheil an , als die Nichtswürdigkeit und die Betrügerei der türkischen Lieferanten - zum großen Theil Griechen . Die Feldapotheken waren auf das Jämmerlichste versorgt . Bis auf einige Brechmittel , Chinin und Calomel war fast Nichts darin zu haben . Zum Glück war Chinin und Calomel grade die Arznei , die am besten gegen den Typhus , selbst in der unkundigen Hand , wirkt ; aber das Chinin war pulverisirte Eichenrinde und das Calomel mit Kreide und Kalk vermischt . Ueber die Lieferung der Lebensmittel haben wir bereits gesprochen . Man muß es dem Muschir zum Ruhme nachsagen , daß er in der Organisation der Armee , ihrer Bewaffnung und Einübung , Riesenhaftes leistete , aber an der Verpflegung und namentlich an dem Medizinalwesen , von dem er gar Nichts verstand und das überhaupt in der türkischen Armee wenig beachtet wird , - was kümmert sich ein türkischer Heerführer um einige tausend Menschenleben ! - scheiterte selbst seine Energie . Von Zeit zu Zeit griff er zwar mit energischer Hand ein , einige Lieferanten wurden erschossen , andere erhielten fünfzig oder hundert Stockprügel , aber das Alles änderte Nichts in dem durch und durch corrumpirten System . Weil die Executionen vor der Front der Truppen vollzogen wurden , glaubte der Soldat an eine rächende Hand über seinen Peinigern , und stellte in wahrhaft heroischer Geduld in Ertragung der Leiden das Weitere dem Kismet und dem Muschir anheim . Wäre nicht der Scherz hier ein zu schneidender Hohn , man möchte sich an die Antwort des berliner Gassenjungen mit den erfrorenen Händen erinnern : »