ein bißchen rühren konnte und diese Dinge nennen hörte , wir wissen die Zeit kaum anzugeben , sagte sie mit aller Unbefangenheit , aus dem kindlichsten und reinsten Herzen heraus , daß sie gar nicht absehen und glauben könne , wie die Menschen unsterblich sein sollten . Es kommt allerdings oft vor , daß rechtliche Leute aus allen Ständen dies ursprüngliche schlichte Vergänglichkeitsgefühl ohne weiteres aus der Natur schöpfen und , ohne skeptischer oder kritischer Art zu sein , dasselbe unbekümmert bewahren wie eine allereinfachste handgreifliche Wahrheit . Aber so lieblich und natürlich ist mir diese Erscheinung noch nie vorgekommen wie bei diesem Kinde , und ihre unschuldige gemütliche Überzeugung , die so ganz in sich selbst entstand , veranlaßte mich , der ich Gott und Unsterblichkeit hatte liegenlassen , wie sie lagen , meinen philosophischen Bildungsgang noch einmal vorzunehmen und zu revidieren , und als ich auf dem Wege des Denkens und der Bücher wieder da anlangte , wo das Kindsköpfchen von Hause aus gewesen , und Dortchen mir über die Schulter mit in die Bücher guckte , da war es erst merkwürdig , wie sich das bestärkte und bestätigte Gefühl in ihr gestaltete . Wer sagt , daß es keine Poesie gebe ohne den Glauben an die Unsterblichkeit , der hätte sie sehen müssen ; denn nicht nur das Leben und die Welt um sie herum , sondern sie selbst wurde durch und durch poetisch . Das Licht der Sonne schien ihr tausendmal schöner als anderen Menschen , was da lebt und webt , war und ist ihr teuer und lieb , das Leben wurde ihr heilig , und der Tod wurde ihr heilig , welchen sie sehr ernsthaft nimmt . Sie gewöhnte sich , zu jeder Stunde ohne Schrecken an den Tod zu denken , mitten in dem heitersten Sonnenschein des Glückes , und daß wir alle einst ohne Spaß und für immer davon scheiden müssen . Dieser wirkliche Tod lehrt sie das Leben werthalten und gut verwenden und dies wiederum den Tod nicht fürchten , während das ganze vorübergehende Dasein unserer Person , unser aufblitzendes und verschwindendes Tanzen im Weltlichte diesem ganzen Wesen einen leichten , zarten , halb fröhlichen , halb elegischen Anhauch gibt , das drückende , beengende Gewicht vom einzelnen nimmt und seinen schwerfälligen Ansprüchen , indes das Ganze doch besteht . Und welche Pietät und Mitleid hegt sie für die Sterbenden und Toten ! Ihnen , welche ihren Lohn dahin haben und abziehen mußten , wie sie sagt , schmückt sie die Gräber , und es vergeht kein Tag , an welchem sie nicht eine Stunde auf dem Kirchhofe zubringt . Dieser ist ihr Lustgarten , ihre Universität , ihr Schmollwinkel und ihr Putzzimmer , und bald kehrt sie fröhlich und übermütig , bald still und traurig wieder zurück . « » Glaubt sie denn auch nicht an Gott ? « fragte Heinrich . » Schulgerecht « , erwiderte sein Freund , » sind beide Fragen unzertrennlich , jedoch macht sie sich nichts aus der Schule und sagt nur : Ach Gott ! es ist ja recht wohl möglich , daß Gott ist , aber was kann ich ärmstes Ding davon wissen ? Wenn wir unsere Nase in alles stecken müßten , so wäre jedem von uns eine deutliche Anweisung gegeben . Ich gönne jedem Menschen seinen guten Glauben und mir mein gutes Gewissen ! « Obgleich Heinrich seinen lieben Gott , zwar etwas eingeschlummert , immer noch im Gemüte trug , so gefiel ihm doch dies alles , was er von Dorothea hörte , ausnehmend wohl , weil sie es war , von welcher man dergleichen sagte ; nur behauptete er für sich , daß er es ebenso liebenswürdig und angenehm an ihr finden würde , wenn sie eine eifrige Katholikin oder Jüdin wäre . Doch widerfuhr es ihm bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal , daß er ohne alle Bedenklichkeit und vielmehr mit ihm selbst wohltuender Gleichgültigkeit vom Sein oder Nichtsein dieser Dinge sprechen hörte , und er fühlte ohne Freude und ohne Schmerz , ohne Spott und ohne Schwere die anerzogenen Gedanken von Gott und Unsterblichkeit sich in ihm lösen und beweglich werden . Die Welt sah er schon durch Dortchens Augen an , und sie glänzte ihm in der Tat in stärkerm und tieferm Glanze , und ein süßes Weh durchschauerte ihn , wenn er sich nur die Möglichkeit dachte , für dies kurze Leben mit Dortchen in dieser schönen Welt zusammen zu sein . Doch kannegießerte er seit jenem Tage noch öfter mit dem Grafen über den lieben Gott . Der wahrhafte kluge Edelmann lehnte zwar durchaus ab , ihn belehren und überzeugen zu wollen , und wich seinen Anmutungen gelassen aus . Nur eines Tages wurde er etwas wärmer , als Heinrich anfing » Ich habe , seit ich in Ihrem Hause bin , wieder viel mit meiner Selbstsucht zu kämpfen , indem ich nach alter eingewurzelter Gewohnheit immer dem lieben Gott für das Gute danken möchte , das er mir erwiesen . Denn obschon ich mir schon seit längerer Zeit widerstand und meine kleinen persönlichen Erlebnisse nicht mehr einer unmittelbaren Lenkung Gottes zuschreiben mochte , so verlockt mich das , was mir hier geschah , dennoch immer wieder dazu , und ich muß manchmal lachen , wenn ich bedenke , welch ein lustiges und liebliches Schauspiel es für den guten weisen Gott sein muß , zu sehen , wie ein junger Mensch ihm gern für etwas Gutes danken möchte und sich ganz ehrlich dagegen sperrt aus lauterer Vernunftmäßigkeit ! Warum macht er sich aber auch so närrische Geschöpfe ! « Der Graf sagte » Ich muß Ihnen diesmal , ganz abgesehen vom lieben Gott , wirklich eine Zurechtweisung angedeihen lassen . Die Christen lehren von ihrem Standpunkt aus ganz praktisch und weise , daß man , so schlecht es einem auch erginge und so lange sich auch Gottes Hilfe zu entziehen scheine , nie an ihm verzweifeln müsse , da er dennoch immer da sei