die wir an ihr zu bewundern schon mehrmals Gelegenheit gehabt haben . Er trat ihr nahe und sagte lächelnd : » Nun , liebes Kind , muß der Ritter von der traurigen Gestalt dennoch vorrücken ? « - Er wollte ihre Hand ergreifen . Clelia zog sie zurück und entfernte sich von ihm . Seine früheren Beziehungen zu ihr hatten ihm das Recht vertraulicher Anreden gegeben , und wie oft war von ihm dieses Recht geübt worden ! Aber heute wollte Clelia nicht sein liebes Kind sein , heute verlangte sie die volle Courtoisie und Titulatur von ihm . Er folgte ihr nach . - » Clelchen « , sagte er noch schmunzelnder , » es ist mir lieb , daß Sie einsehen , für dergleichen nicht zu passen . Nun , schämen Sie sich nur nicht ; Don Quixote tritt vor den Riß . « - Abermals trachtete er nach ihrer Hand , die er zärtlich küssen wollte , denn Geschäftsmänner sind nie galanter , als wenn sie den Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit in Verlegenheit sehen . Clelia riß jedoch beinahe ihre Hand zurück und rief mit scharfem Akzent : » Herr Oberamtmann , ich weiß durchaus nicht , was Sie bei mir und von mir wollen ! « Der Oberamtmann machte ein Gesicht , ähnlich dem , was er zu machen pflegte , wenn einer seiner Inkulpaten , von dem er behaglich das unumwundenste Geständnis erwartete , plötzlich sich auf ein entschiedenes Leugnen verlegte . - Er sah Clelia starr an , dann ging er im Zimmer auf und nieder . Hierauf nahm er den Stramin in die Hand , als ob dieser ihm einen Faden in dem Labyrinthe darleihen könne , dann öffnete er das Schreibzeug und blickte tiefsinnig das farbige Postpapier an , endlich stellte er seine Uhr , obgleich sie richtig ging . Nach diesen vorbereitenden Handlungen trat er vor Clelia und sagte mit dem tiefsten Ernste : » Gnädige Frau , ich bin kein Narr . « Clelia versetzte nicht minder ernsthaft : » Und ich bin nicht Ihr liebes Kind und nicht Ihr Clelchen , Herr Oberamtmann . « Die Feierlichkeit dieser gegenseitigen Äußerungen war so groß , daß Fancy ein Lachen verbeißen mußte . Es trat wieder ein langes Schweigen ein . Endlich unterbrach es der Oberamtmann und sagte : » Ich muß Sie ersuchen , bis morgen abend die Einwilligung der sogenannten Braut , welche wie ich höre , heute abend zurückkommen wird , herbeizuschaffen . Wofern Umstände dies verhindern sollten , so werden Sie entschuldigen , wenn ich das Versprechen Ihrer Mühwaltung in der Sache als von Ihnen widerrufen betrachte und mich derselben unterziehe . « - Nach diesen Worten , die er gemessen und kalt vorgebracht hatte , empfahl er sich mit einer steifen Verbeugung . Clelia kam an diesem Abende nicht zu Tische . Fancy suchte sie durch eine Vorlesung zu zerstreuen . Sie las ihr nämlich ein vierzehn Tage altes rheinisches Zeitungsblatt vor , welches auf dem Zimmer lag . Sie las es von Anfang bis zu Ende , erst las sie von den Verwickelungen im Orient , dann von den Kreuz- und Querzügen der Christinos und Karlisten , dann , wie liebenswürdig sich der und der da und da benommen , dann von der soundsovielsten großen ministeriellen Krisis in Frankreich , endlich von einigen deutschen Händeln . Hierauf ging sie zu den Anzeigen über , an deren Spitze die Verkündigung von Assisen in Elberfeld stand . Es folgten zu vermietende Wohnungen , brave Mädchen sagten , daß sie gut nähen und bügeln könnten und ein Anstreicher suchte einen gesitteten Jüngling für sein Geschäft . Später sehnte sich jemand nach einem entflogenen Kanarienvogel , einem anderen war dagegen ein brauner Dachshund zugelaufen . Dazwischen fuhren die Dampfschiffe regelmäßig alle Morgen , auch waren reingehaltene Bleicharte zu haben , wobei aber ein zweifelsüchtiger Leser ein großes Fragezeichen mit Rotstift gesetzt hatte . Zuletzt wurde Harmoniemusik an verschiedenen Orten gemacht , und dazu der Saison angemessene Speise dargeboten . Clelia widmete dieser ganzen Vorlesung wenig Aufmerksamkeit . Nur als sie von den Assisen hörte , mochten ihre Gedanken , welche sich noch immer ärgerlich bei dem Oberamtmann aufhielten , angeregt werden , weil sie ihn so oft sehnsüchtig davon hatte reden hören . Sie rief : » Nun dahin könnte man ihn ja gleich schicken , wenn er sich hier lästig machen will ! « Spät hörte man einen Wagen vorfahren . Lisbeth kehrte zurück . Clelia befahl ihrer Jungfer , das Mädchen gegen die Mittagsstunde des folgendes Tages zu ihr zu rufen , » denn « , sagte sie , » wenn man jemand wider seinen Willen zu etwas bestimmen will , so darf man ihn nicht im Negligé empfangen . « Sie ging mit vieler Würde zu Bett und dachte in dieser Nacht , wenn sie erwachte , nicht einmal an ihren pflichtvergessenen Gemahl , sondern nur an die Aufgabe des folgenden Tages . Siebentes Kapitel Was Lisbeth auf die Ermahnungen zu einer uneigennützigen und entsagenden Liebe antwortete Fancy nahm im ersten Morgenstrahl von dem Blumenbrette vor ihrem Fenster , wo der Diakonus einige seiner schönsten Exemplare aufbewahrte , ein prächtiges Myrtenbäumchen herein , musterte die längsten und frischesten Zweige , an denen sich zugleich Knöspchen und runde frische Blüten befanden , wehte mit einem leichten bunten Federwedel etwas Staub , der sich auf die Blätter gesetzt hatte , ab , summte dazu , aber so leise , daß ihre Gebieterin nebenan es nicht hören konnte , die alte » veilchenblaue Seide « aus dem » Freischützen « , lächelte , seufzte dann , legte die Hand auf die Brust und ließ das Myrtenbäumchen im Zimmer stehen , um es gleich zu haben , wie sie für sich sagte . Hierauf ging sie zu Lisbeth , und richtete ihre Bestellung aus . Lisbeth war ernst und wehmütig , denn sie hatte bei dem alten Pfleger eine trübe Probe zu bestehen gehabt . Fancy wollte ihr etwas sagen ,