, leicht voraussehen , daß sein Grundsatz , » das Verfahren bei Paarung der Pferde und Hunde , wenn man eine gute Zucht erhalten will , müsse , ohne alle Einschränkung und in der größten Strenge , auch auf die Menschen angewandt werden ; « und die männliche gymnastische Erziehung , die er ( diesem Grundsatz zufolge ) den menschlichen Stuten und Fähen , die zur Paarung mit den menschlichen Hengsten und Rüden seiner kriegerischen Bürgerclasse bestimmt sind , mit allen den unsittlichen und zum Theil unmenschlichen , der Natur Trotz bietenden Gesetzen , wodurch er die Gemeinschaft der Weiber und Kinder in seiner Republik unschädlich und zweckmäßig zu machen vermeint - er konnte , sage ich , leicht genug voraussehen , daß dieses , gegen das allgemeine Gefühl so hart anrennende Paradoxon , in einem so zuversichtlichen Ton und so kaltblütig vorgebracht , alle seine Leser empören , und das Gute , so er etwa durch die vortrefflichen Partien dieses wichtigsten aller seiner Werke hätte stiften können , bei vielen , wo nicht bei den meisten , unkräftig machen und vernichten werde . Aber gerade der Umstand , daß er stockblind hätte seyn müssen , um dieß nicht vorauszusehen , und daß er sich dennoch nicht dadurch abschrecken ließ , muß uns billigerweise auf einen Punkt aufmerksam machen , der , wenn wir gerecht gegen ihn seyn wollen , nicht übersehen werden darf ; nämlich auf den Gesichtspunkt , aus welchem er selbst die Sache angesehen hat . Denn ich müßte mich sehr irren , oder dieß würde uns begreiflich machen , wie es zugegangen , daß ein Mann wie er sein eigenes Gefühl so seltsam übertäuben konnte , um baren Unsinn für Aussprüche der höchsten Vernunft zu halten ? - Plato scheint mir von den Geometern und Rechnern angenommen zu haben , daß er immer gewisse Begriffe und Sätze , als an sich selbst klar , ohne Beweis ( wenigstens ohne strengen Beweis ) voraussetzt , aus diesen aber sodann mit der genauesten Folgerichtigkeit alles ableitet , was sowohl aus ihnen selbst , als aus ihrer Verbindung mit andern Begriffen und Sätzen gleicher Art , durch Schlüsse herausgebracht werden kann . Wo von Zahlen , Linien und Winkeln die Rede ist , kann diese Art zu räsonniren nicht leicht irre führen ; oder , wofern dieß auch begegnen sollte , so ist der Irrthum wenigstens leicht und sicher zu entdecken : aber wo es um Auflösung solcher Aufgaben zu thun ist , die den Menschen und dessen Thun und Lassen , Wohl- oder Uebelbefinden , vornehmlich seine ursprüngliche Natur , seine innere Organisirung , seine Verhältnisse zu den übrigen Dingen , seine Anlagen , seinen Zweck , seine Erziehung und Bildung für das gesellschaftliche , bürgerliche und kosmopolitische Leben , und andere hierher gehörige Gegenstände betreffen , kurz , bei Gegenständen , an welche man weder Meßschnur noch Winkelmaß anlegen kann , findet jene Methode keine sichere Anwendung . Der Mensch läßt sich nicht , wie eine regelmäßige geometrische Figur , in etliche scharf gezogene gerade Linien einschließen ; und es sind vielleicht noch Jahrtausende einer anhaltenden , eben so unbefangenen als scharfsichtigen Beobachtung unsrer Natur vonnöthen , bevor es möglich seyn wird , nur die Grundlinien zu einem ächten Modell der besten gesellschaftlichen Verfassung für die wirklichen Menschen zu zeichnen ; und selbst dieses Modell würde für jedes besondere Volk , durch dessen eigene Lage und die Verschiedenheit der Zeit- und Ortsumstände , auch verschiedentlich bestimmt und abgeändert werden müssen . Aber auf alles dieß nimmt ein Plato keine Rücksicht ; und da seine Nephelokokkygia nicht auf der Erde , sondern in den Wolken , d.i. so viel als nirgendswo existirt , und nicht mit physischen Menschen , wie die Natur sie in die Welt setzt , sondern mit menschenähnlichen Phantomen von seiner eigenen Schöpfung besetzt ist , so ist er freilich Herr und Meister , sowohl den Elementen seines Staats als dem Ganzen die Gesetze vorzuschreiben , deren Beobachtung am geradesten und gewissesten zu seinem Endzweck führt . Anfangs ist es , in seiner Voraussetzung , bloß das Gefühl körperlicher Bedürfnisse , was eine Handvoll Hirten , Ackerleute und Handwerker bewegt , den ersten Grund zu seiner Republik zu legen . Der kleine Staat erweitert sich unvermerkt ; die Anzahl der Bürger nimmt zu ; ihre Bedürfnisse deßgleichen . Nicht lange , so fühlt man , daß ohne innere und äußere Sicherheit der Zweck der neuen Gesellschaft nicht erhalten werden könnte ; daß zu Erzielung der innern Sicherheit gute Zucht und Ordnung , zu Handhabung der Ordnung Gesetze , zu Vollziehung der Gesetze eine Regierung , und zum Schutz der Regierung und des Staats überhaupt eine bewaffnete Macht vonnöthen ist . Um nun dieß alles seinem Ideal gemäß so zweckmäßig als möglich einzurichten , baut unser philosophischer Lykurg seine ganze Gesetzgebung auf zwei Grundgesetze . Das erste ist : die höchste Wohlfahrt des Ganzen soll der einzige Zweck des bürgerlichen Vereins oder des Staats seyn , also auf das Wohl eines jeden einzelnen Gliedes nur insofern , als es ein Bestandtheil des Ganzen und eine Bedingung des allgemeinen Wohlstandes ist , Rücksicht genommen werden ; folglich jedermann verbunden seyn , für den Staat zu arbeiten , zu leben und zu sterben , und nur , insofern er diese Bedingung erfüllt , soll er seinen verhältnißmäßigen Antheil an dem Wohlstand desselben nehmen dürfen . Das zweite : zu Verhütung aller schädlichen Folgen , welche in andern Republiken daraus entstehen , wenn jedermann sich nach Willkür beschäftigen und also auch mit Sachen , die er nicht versteht und für die er kein Talent hat , sich bemengen darf , soll jeder Bürger nur Eine Art von Hanthierung oder Geschäfte treiben und darin die möglichste Vollkommenheit zu erreichen suchen . Beide Grundgesetze scheinen auf den ersten Anblick ihre Richtigkeit zu haben : allein so scharf und ohne alle Einschränkung , wie Plato sie annimmt , sind sie nicht was sie scheinen , und könnten auf keinen wirklichen Staat ohne