sieht , daß der Abschied - einem Anderen schwer wird . Ihr Ton war immer leiser geworden , sie nahm sich zusammen , um ihre Bewegung und die Thränen zu bemeistern , die sich ihr in die Augen drängen wollten . Seba fühlte sich ergriffen von ihres Pflegekindes Schönheit und freimüthiger Selbstüberwindung , und wie ein warmer , Frühling verkündender Sonnenschein zog eine neue , selbstlose Hoffnung in ihre Brust ; aber sie sowohl als ihr Vater hüteten sich , es auszusprechen , wie hoch sie Davide in dieser Sunde hielten und wie sie beide ihre Wünsche und Hoffnungen theilten . Man nahm ihr Bekenntniß wie eine sich von selbst verstehende Sache hin , und als Seba die Absicht äußerte , den Portier zu befragen oder den Gärtner kommen zu lassen , ob und wann und auf welchem Wege Paul das Haus verlassen habe , gab ihr Vater das nicht zu . Er sagte , da Paul einmal verdächtigt worden sei , habe er , wie immer , richtig gehandelt , indem er Berlin so bald als möglich und heimlich verlassen habe . Es entziehe dieses Letztere sie Alle für den schlimmsten Fall jeder Verantwortlichkeit , und wolle die französische Regierung seiner habhaft werden , lasse man ihn selbst verfolgen , so sei mit jeder Stunde Vorsprung ein Wesentliches gewonnen . Da die Leute im Hause ihn noch in der Nacht arbeitend glaubten und Herr von Castigni dies gehört habe , werde man es nicht auffallend finden , wenn Paul nicht um die gewohnte Morgenstunde im Hause und im Comptoir erscheine , und es sei wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden , daß Herr von Castigni früher als am Vormittage von der Abreise Paul ' s benachrichtigt werde . Er traue es dem Letzteren zu , daß er seine Maßregeln zweckmäßig und umsichtig getroffen haben werde , und wenn es ihm nur gelungen sei , unbehindert aus der Stadt zu kommen , so hoffe er das Beste . Das Land ist freilich überschwemmt von Truppen , aber gerade das erleichtert es ihm vielleicht , unbeachtet zu bleiben ; denn man hat überall mit sich vollauf zu thun , und seine Papiere wird er in Ordnung haben , tröstete Herr Flies , um die Seinigen zu beruhigen . Kann Paul jenseit der Oder oder Weichsel , wie ich vermuthe , noch mit Schlitten reisen , so ist er geborgen und wir hören bald von ihm . Aber bis dahin ? fragten ängstlich Seba und Davide wie aus Einem Munde . Bis dahin müssen wir uns gedulden , meine lieben Kinder , und uns vorbehalten , daß man nicht zu beklagen ist , so lange man für die Seinigen noch fürchten und hoffen kann . Welch ein Unglück ! rief Seba , niedergeworfen von der Sorge um den so lange Entbehrten und endlich Wiedergefundenen , aus . Ja , sagte Herr Flies , es sind böse , böse Zeiten ; aber unglücklich ist man erst , wenn man nicht mehr hoffen kann ! Behaltet guten Muth , zeigt morgen ein heiteres Gesicht , denn wir sind Gefangene in unseren eigenen Häusern und Sklaven der Fremden in unserem Vaterlande , und obschon wir nicht Verbannte sind , könnten wir singen , wie es in den Psalmen heißt : » Wir saßen an den Wassern und weineten ! « Er seufzte , küßte die Tochter und Nichte auf die Stirn , hieß sie , sich zur Ruhe begeben , und bald war es still und dunkel in dem ganzen Hause ; nur in Paul ' s einsamem Zimmer brannten die Kerzen fort , bis sie am Morgen in sich selbst erloschen . Siebzehntes Capitel Drei Tage und fast drei Nächte waren seitdem vergangen . Ein feiner , trockener Schnee fiel dicht und leuchtend hernieder . Von durchsichtigem Gewölke leicht verhüllt , stand der Mond am Himmel , als ein offener Schlitten , von zwei kleinen , raschen Pferden pfeilschnell fortgezogen , über die Nehrung , über jene Landenge fuhr , die sich zwischen der Ostsee und dem kurischen Haff hinzieht . Zwei Männer , in Pelze eingewickelt , saßen in dem Schlitten . Ein polnischer Jude , ebenfalls in seinen Pelz gehüllt , die spitze , verbrämte Sammetmütze tief auf die gedrehten Seitenlocken heruntergezogen , machte ihren Kutscher . Die Nacht war kalt . Schwer und langsam schlugen die Wogen des Meeres an das Ufer , das sich mit seiner Schneedecke hellschimmernd von der weiten , dunklen Fläche abhob . Ein Königsberger Kaufmann hatte den Juden , der in Rußland zu Hause war , gedungen , die beiden Fremden über die Nehrung nach der Grenze zu bringen ; aber wie sehr der Jude sich auch bemühte , er hatte es nicht ermitteln können , wer sie wären und was sie in Rußland zu suchen hätten . Daß sie nicht Herr und Diener seien , als welche ihre Kleidung sie bezeichnete und als welche sie sich ausgaben , das hatte der Schlaue bald bemerkt ; denn überall war es der sogenannte Herr gewesen , der , wo es Noth that , die rasche Hand angelegt , während der Diener sich immer erst nachträglich dazu entschlossen hatte . Deutsche waren sie nach des Juden Meinung nicht , denn er hatte , so genau er auch darauf merkte , noch kein deutsches Wort von ihren Lippen vernommen ; Franzosen aber waren nicht so gelassen . Für gewöhnliche Reisende war in dieser Jahreszeit die Nehrung nicht die Straße , für Kaufleute , die Geschäfte in Rußland machen , also länger dort verweilen wollten , hatten die Fremden ihm nicht genug Gepäck bei sich , und französische Emissäre konnten sie vollends nicht sein , denn diese würden bis zur Grenze die Beförderung durch die Post gefordert haben . Er kam also , je mehr er darüber nachsann , immer wieder auf den Gedanken zurück , daß seine Passagiere , obschon sie Französisch mit einander redeten , Engländer sein müßten und daß sie auf diesem wenig besuchten Wege nach der Grenze gingen ,