würden ihr ganzes Leben lang solchen Discursen zuhören , und noch immer nicht genug haben ! - Du merkst doch , Eurybates , wem dieß eigentlich gilt , und wozu es gesagt ist ? Der Philosoph hat , wie du siehst , darauf gerechnet , recht viele Glaukonen zu Lesern zu haben , und hat ihnen wenigstens seinen guten Willen zeigen wollen , ein Buch zu schreiben woran sie ihr ganzes Leben lang zu lesen haben . Aber Sokrates macht noch immer Schwierigkeiten . Man werde , sagt er , fürs erste nicht glauben wollen , daß eine solche Einrichtung ausführbar sey ; und wenn man dieß auch zugäbe , so werde man doch nicht glauben , daß sie die beste sey . Er erklärt sich also nochmals , daß er sehr ungern daran gehen würde diese Dinge zu berühren , aus Furcht man möchte die ganze Sache bloß für ein windichtes Project halten . Da aber Glaukon schlechterdings nicht von ihm abläßt , und ihn zu bedenken bittet , daß er weder undankbare , noch unglaubige , noch übelwollende Zuhörer habe : so rückt er endlich aufrichtiger mit der Sprache heraus , und wir vernehmen zu unsrer großen Verwunderung : der wahre Grund seiner Schüchternheit sey eigentlich bloß , weil er selbst nicht recht überzeugt sey , daß es mit diesem Theil der Gesetze , die er seiner Republik zu geben gedenkt , so ganz richtig stehe , und er also große Gefahr laufe , nicht etwa bloß sich lächerlich zu machen ( denn das würde wenig zu bedeuten haben ) , sondern , indem er auf einem so schlüpfrigen Wege im Dunkeln nach der Wahrheit herumtappe , auszuglitschen , und , was noch schlimmer wäre , auch noch seine Freunde im Fallen mit sich nachzuziehen . Er wolle also Adrasteen zum voraus fußfällig angefleht haben , ihm zu verzeihen , wenn das , was er itzt zu sagen vorhabe , etwa gegen seine Absicht , strafwürdig seyn sollte ; denn ( sagt er ) ich bin der Meinung daß es eine kleinere Sünde sey , jemanden unvorsetzlich todt zu schlagen , als ihn in Dingen , wo es auf das , was schön und gut , rechtlich und sittlich ist , ankommt , irre zu führen ; - eine Gefahr , die man allenfalls eher bei Feinden als bei Freunden laufen möchte . Siehe also zu , lieber Glaukon , wie du es angreifen willst , um mir zu einem solchen Wagestück Muth zu machen . - Wohlan denn , sagt Glaukon lachend , wenn wir ja durch das , was du sagen wirst , in einen falschen Ton gerathen sollten , so sprechen wir dich zum voraus von aller Schuld und Strafe los . Rede also ohne Scheu . - Gut , erwiedert Sokrates , wer hier losgesprochen wird , ist dort rein , wie das Gesetz sagt : hoffentlich also wenn er es dort ist , wird er es auch hier seyn . - So laß dich denn nichts mehr abhalten , anzufangen , sagt Glaukon , und jener entschließt sich endlich dazu , doch nicht ohne nochmals zu verstehen zu geben , daß es ihn viele Ueberwindung koste , und daß er vielleicht besser gethan hätte , sich die Sache sogleich bei der ersten Erwähnung vom Halse zu schaffen . - Und wozu , um aller Götter willen ! alle diese langweiligen Grimassen , welche Plato seinen verkappten Sokrates hier machen läßt ? Ist ' s Ernst oder Scherz ? Im letztern Fall konnte wohl nichts unzeitiger seyn ( um kein härteres Wort zu gebrauchen ) als in einer solchen Sache den Spaß so weit zu treiben ; bittet er aber Adrasteen ( mit der man sonst eben nicht zu scherzen pflegt ) in vollem Ernst um Nachsicht , und ist es wirklich zweifelhaft , ob die neuen Gesetze , die er seiner Republik zu geben gedenkt , gut , gerecht und geziemend sind : was in aller Welt nöthigte ihn sie zu geben ? zumal , da der Zweck , wozu er diese Republik erdichtete , bereits erreicht ist , und vollkommen erreicht werden konnte , ohne daß die Rede davon zu seyn brauchte , wie die junge Brut in derselben gezeugt und abgerichtet werden sollte ? Und wie kommt es , wofern sein Zaudern und Achselzucken nicht eine platte und aller öffentlichen Ehrbarkeit spottende Spaßmacherei ist , daß er , sobald er über der Darlegung seiner widersinnischen Ehgesetze ein wenig warm wird , auf einmal aller seiner vorigen Aengstlichkeit vergißt , und so positiv und zuversichtlich mit den anstößigsten Behauptungen herausrückt , als ob sich nicht das Geringste mit Vernunft dagegen einwenden ließe , und als ob er auf lauter so gefällige Leser rechne , wie sein vom Zuhören berauschter Freund Glaukon , der für die paradoxesten Sätze immer die eilfertigste Beistimmung in Bereitschaft hat ? - Ich gestehe , daß ich auf diese Fragen keine Antwort weiß . Uebrigens , lieber Eurybates , wirst du mir hoffentlich eine ausführliche Beurtheilung dieses Theils der Platonischen Republik ( dem ich ungern seinen rechten Namen geben möchte ) um so geneigter nachlassen , da , so viel ich selbst sehe und von andern höre , allenthalben nur Eine Stimme darüber ist . Das Unwahre , Ungereimte und Unnatürliche in diesen Ehgesetzen liegt freilich so unverschämt nackend vor allen Augen da , daß der erste Eindruck nicht anders als unserm Philosophen nachtheilig seyn kann ; zumal da sein Sokrates gerade die auffallendsten Verordnungen mit der gefühllosesten Kaltblütigkeit vorträgt , und z.B. von dem anbefohlenen Abtreiben oder Aussetzen der Kinder , die aus der Vereinigung der Männer unter dreißig und über fünfundfunfzig Jahren mit Weibern unter zwanzig und über vierzig etwa erfolgen möchten , nicht anders spricht , als ob die Rede von jungen Hunden oder Katzen wäre . Freilich ist diese Sprache dem Gesichtspunkt gemäß , woraus er diesen Gegenstand betrachtet ; indessen konnte er doch , wie verliebt er auch in sein System seyn mag