er grade an den Papst ein demüthiges Schreiben gerichtet , reinigte er sofort das Marienbild von Perlen und Edelsteinen , unwürdig irdischem Tand . Wer beschreibt aber seinen erhabenen Unwillen , als diese schnöden und überflüssigen Zierrathe sich als Glas und böhmische Steine entpuppten ! So waren die Priester in ihrem eiteln weltlichen Sinne ihm lange zuvorgekommen . Sein Schmerz war tief und aufrichtig . O diese Pfaffen , diese Banditen ! - Nichts köstlicher , als wenn zwei Diebe einander selbst bestehlen , der Eine im Namen der Freiheit , der Andere im Namen der Gottheit . Und das Volk , das dumme Heiligenbild , läßt alles wehrlos über sich ergehn . Selbst die Symbole wechseln wie die Ideenbegriffe . Das schöne Wort » Freiheit « kann als » Liberalismus « den krassen Materialismus vertreten und das Königthum umgekehrt als letzter Hort des Idealismus erscheinen . Nur ein Begriff wechselt nie , nur ein Symbol bleibt ewig veränderlich : das Vaterland . Ein Mastbaum hob sich siegreich als Schlachtpanier über dem Streitwagen der Lombarden als Symbol des Vaterlandes . Und ein Mastbaum diente als Sinnbild der geschlachteten Freiheit , als auf Nelson ' s Admiralschiff die besten Männer Neapels wie gemeine Verbrecher am Galgen seiner Raae hingen . Aber dieserselbe rohe Henker , Sclave zweier Trybaden , dies rumbegossene Beafsteak , verwandelte sich bei der ersten Breitseiten-Lage von Trafalgar in einen würdevollen Heros . » England erwartet , daß männiglich seine Schuldigkeit thue . « Und er fiel im Sieg : » Ich habe meine Schuldigkeit gethan . « Vaterlandsgefühl hebt Tröpfe über sich selbst empor und steigert unter der Wucht der immanenten Idee die Kraft des Einzelmenschen . Die natürlichen Bedingungen , die aus der inneren Organisation erwachsen , sind im Menschenleben so unveränderlich wie im Naturreich . Die Weltgeschichte folgt bestimmten Drehungsgesetzen , die man bisher nicht zu ergründen den Scharfblick besaß . Wenn Buckle den Verfall Spaniens lediglich aus seinem fanatischen Religionskultus herleitet und diesen wieder aus der Bodenbeschaffenheit , welche Spanien also für immer zur unculturellen Stagnation verdamme , so ist das eine oberflächliche Einseitigkeit , nämlich eine bloß geologische Betrachtung . Sobald aber die psychische Chemie angewandt wird , ergeben sich ganz andre Resultate im Lande der Calderon und Cortez . Dann erklären sich die Erbfehler als Erbtugenden und umgekehrt . Der starre Jehovacultus dieses auserwählten Volkes , worin schon arabische Mischung erkennbar wird , befähigte es zur Welteroberung . Weil aber die geologische Lage Spaniens widerspracht so verwirrte sich die chemische Zusammensetzung und Spanien konnte seine unnatürliche Weltmacht nicht behaupten . Man wähnt die französische Politik irgendwie durch äußere Einflüsse und Zeitverhältnisse umwandeln zu können . Und doch lehrt die Geschichte , daß die Grundlagen der französischen Politik stets die gleichen blieben . Wie Chlodwig die französische Monarchie auf den Stützpfeiler des katholischen Klerus gegründet , so später der » allerchristlichste « Louis Quatorze . Wie die Könige des Mittelalters die Centralisation der Staatsgewalt angestrebt , so kämpften Richelieu-Mazarin den Geist der Fronde nieder . Wie jene lüstern nach Lothringens und Flanderns Besitz geangelt , so » reunirre « man später wirklich diese Länder und grade die Revolution vollendete dies Werk gallischer Völkerbeglückung . Der » Freiheitsbaum « , den diese Republikaner aufpflanzten , wurde ein Upasbaum der Tyrannei , die Prokonsuln und Volkstribune glichen auf ein Haar den späteren Marschällen und Intendanten , Pichegru plünderte Holland , so daß dem Napoleonischen Satrapen Oudinot später kaum etwas übrig blieb . Gaston de Foix , Guébriant , Turenne , Mélac , Louvois lebten weiter unter der Revolution und dem Kaiserreich und wirtschafteten später in Spanien , wo sie sich austoben durften , im Stil des dreißigjährigen Krieges . Das Rheinbundsystem fand schon sein Vorbild in den sogenannten Schwesterrepubliken , welche die erobernde Revolution gründete . Ja , der demokratische Cäsarismus Napoleons I. wie Napoleons III. griff ebenfalls auf Chlodwig zurück und verbündete sich mit Rom . Und die neufranzösische Republik sollte anders handeln ? Ihr blieb in ihrer Partei-Zerklüftung das alte Ziel : Centralisation , Anschluß an Rom und Lothringen vom Rhein bis zur Schelde . - - Sobald man aber die Abhängigkeit aller Volksgenossenschaften von unverrückbaren Gesetzen der politischen Chemie und Geologie ( zwei noch unentdeckten Wissenschaften ) erkannt , widerlegen sich auch die Vorwürfe , mit welchen die Nationen sich gegenseitig die Wahrung berechtigter Interessen bestreiten . Im Leben der Völker spielt der Neid dieselbe wichtige Rolle , wie im Leben der Einzelnen , und begünstigt das Vorwärtsdrängen . Das chauvinistische Anfeinden alles Fremden beruht im Grunde auf einem tiefen gesunden Gesetz . Denn der Neid , dieser blasse scheue Schleicher , tritt manchmal auch als stattlicher mannhafter Widersacher in die Fehde ein . Der Neid ist eine Leidenschaft , die man nicht einmal sich selbst einzugestehen wagt . Der richtige Herostrat in seinem wüthenden Ingrimm gegen überlegenes Verdienst spiegelt sich selber vor , daß seine Wahrheitsentstellungen die Wahrheit enthielten . Nun giebt es aber auch Gefühle , die man zwanglos auf den Begriff des Neides zurückführen kann und die dennoch den Charakter des Neides verlieren . So z.B. wenn ein » Heros « in Carlyles Sinne an leitender Stelle , die ihm gebührte werthlose oder doch untergeordnete Leute sieht . Oder wenn ein großer Künstler es mit ansehn , muß , wie Unwerth durch selbstsüchtige Interessenpolitik oder Unverstand zu einem Scheinwerth aufgeblasen wird , während Werke mit einem Ewigkeitsgepräge von seichter Oberflächlichkeit lächerlich gemacht und mißdeutet werden . Der erfolglose Werth fühlt Zweifellos Neid gegen den erfolgreichen Unwerth , aber ist dieser Neid eine unedle Leidenschaft ? Entspringt er nicht vielmehr dem Gerechtigkeitsgefühl und zugleich dem unpersönlichen idealen Zorn über die Schädigung des allgemeinen idealen Interesses durch die falsche Werthung des Verdienstes ? So wird man , abstrakt betrachtet , den Chauvinismus aus einem Neid und Hochmuth ableiten können , den man trotzdem ehrenhaft nennen muß . Wozu in allen Tugenden verkappte Laster suchen , wie der edle Sieur de Larochefoucauld , und selbstsüchtige Berechnung in jeder guten Handlung ausklügeln !