Ihr finstrer Trotz ist gebrochen durch erschlaffenden Mammondienst , und gleichgültig platter Lebensgenuß blieb ihnen übrig als einziges Ziel . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Aber grade , indem dieser wahre Aristokrat mit vornehmem Abscheu all solchen Schmutz erwog , gewann er dem Problem Leonhart , dem Untergang des letzten Idealisten und des letzten genialen Dämons in der nivellirenden Uniformzeit , eine neue Seite ab . Auf immer höhere überschauende Gesichtspunkte erhob ihn die neue Weltanschauung , welche seine naturwissenschaftlichen Studien in ihm reisen ließen . Sind die Menschen an sich wirklich so schlecht , wie Leonhart ' s Verbitterung sie auffaßte ? War der große Egoist Napoleon etwa gerecht , als er gestand : » Ich habe die Menschen stets verachtet und sie stets behandelt wie sie es verdienen « ? Mit Nichten . Die Menschen sind im Ganzen weit besser als ihr Ruf , sind von Natur hülfsbereit und gutartig . Nur soll man nicht ihre Eitelkeit und Selbstsucht verletzen . Thut man dies aber , so sei man wenigstens consequent und wappne sich mit starrem brutalem Egoismus . Auch das muß man Leonhart als Schuld gegen sich selber anrechnen , daß er mit schwächlicher Gutmüthigkeit den Leuten die Wunden verband , die er gerechterweise schlug . Welch ein unreifes Unterfangen , die Welt und die Menschen anzuklagen ! Man bessere oder belehre sie , sei es indem man sie überzeugt , sei es indem man mit Gewaltmitteln sie bekehrt . Aber verlangen , daß Andere ihre berechtigte Selbstsucht auch nur einen Augenblick hintansetzen , um eine fremde Größe aus objectivem Wohlwollen zu fördern , ist lächerlich . Das ganze Naturleben erwächst aus dem Kampf Aller gegen Alle und jedes Wesen in seiner Art dient mit zu dem Gesammtgebäude . Daß eine Geistespotenz wie Leonhart untergehen mußte , bedeutet freilich einen unersetzlichen Verlust für die Gesammtheit . Aber die Welt dafür verantwortlich zu machen wäre widersinnig . Warum schlüpfte dieser Heros , ursprünglich zur That und nicht zum Gedanken veranlagt , in eine so gebrechliche physische Hülle ? Warum versetzte ihn der Zufall in sonstige Umstände und Zeitverhältnisses die ihm jede Möglichkeit versperrten , seine Individualität frei zu entfalten ? Warum sah er nicht klar vor Augen , daß all sein Ringen nach Entwickelung seiner wahren Bestimmung ja doch von vornherein aussichtslos und die Schlacht schon vor Beginn verloren war , und verzichtete darum nicht in stiller selbstüberwindender Ruhe ? Warum haschte und jagte er nach Befriedigung seines Ehrgeizes , statt sich mannhaft zu resignieren ? Die Welt trug in keinem Falle die Schuld . Denn von ihr erwarten , daß sie in einem unscheinbaren Federfuchser den Helden und Herrscher erkenne oder mit ihrem halbblinden Maulwurfsblick das Genie begreife - das heißt alle innere Organisation des Weltgebäudes stören und verrücken . Und warum widmete er überhaupt seinen Geist dem Undankbarsten und Unzeitgemäßesten , dem Berufe , den in einer Zeit wilder realer Kämpfe kein Mensch begehrt und nöthig erachtet , dem Berufe des Dichters ? Hätte er sich auf die Wissenschaft geworfen , so konnte er hier vielleicht eine Waffe finden , um auf die Zeit zu wirken . Es war ein Schicksal , es mußte nun so sein . Aber das persönlich individuelle Unglück , zu spät oder zu früh geboren zu werden , berechtigt noch zu keinem Vorwurf gegen den Weltlauf . Ein Unglück und eine Schuld , für die man ihm nicht zürnen darf , - das war Leonhart ' s Lebensentwickelung . Aber eine Verschuldung bleibt es immer , wenn ein Genie nicht auf seine Mitwelt zu wirken vermag und utopisch an die Nachwelt appellirt . Eine Schwäche und ein Mangel liegt stets darin , wenn ein Mensch sich selbst die Lebensader unterbindet . So ging er denn logisch unter kraft der Verschuldung seiner Charakterschwäche . Warum gerieth er über jede Gemeinheit und Lüge in Harnisch ? warum faßte er , trotz seiner boshaften Menschenkenntniß nicht eben alles persönlich auf ? Mundus vult decipi . Mit Wasser wird Alles gekocht und heut stellen die Leute ihren Kochtopf voll schmutzigem Wasser mit cynischem Applomb ganz öffentlich auf den Tisch . Auch in der Weltgeschichte herrscht einzig die Lüge und die » immanente Gerechtigkeit der Dinge « , von welcher Gambetta schwärmte , wirkt nur in den unterirdischen Wellenbewegungen selbst mit , nicht auf der Oberfläche . Denn alle schlechten Leidenschaften müssen mit den guten zusammenwirken , um Großes und Heilsames zu vollbringen . Allein gelingt dies weder dem guten noch dem schlechten Prinzip . Die Eroberung Indiens durch die Engländer begleiteten nothwendig unerhörte Greuel . Aber die Thatsache selbst förderte den Fortschritt der Menschheit und ihre Ausführung gereicht jenen energischen Schurken zum Lobe . Warren Hastings , der Henker Indiens , durfte nicht verurtheilt werden , weil er sich einer so löblichen conservativen Gesinnung befliß . Scheert nur ja nicht den Kamm diesem reinen Opferlamm ! Und so saß er denn bald ruhig und wohlgemuth auf seinem Landschloß , das ihm der schuldige Tribut seiner Hindostaner Sclaven zum Dank für seine unvergeßlichen Wohlthaten erbaut . Wenigstens blieb er beständig : auch jetzt noch folterte er eigenhändig , wie früher mit dem Bambus , nunmehr mit der Feder die Seinen . Denn er dichtete als behäbiger Dilettant eine Ode nach der andern : » An die Empfindsamkeit « , » An das Mitleid « , vor allem » An die Tugend « . Seine Hymnen an diese Gottheit waren gefürchtet bei all seinen Gästen , denen er dergleichen salbungsvoll versetzte . Ein herrliches Symbol . Seine Gräuel als Tugend-Dichterling beenden , ziemt dem wahren Lebenskenner , der sich auf der Höhe der Situation erhält . Alle Männer der That und alle Weltmächte , sei es nun das alte Rom oder später das päpstliche Rom , lügen und heucheln aus Prinzip . Als Bonaparte den heiligen Wallfahrtsort Loretto in seinen Schutz nahm , nachdem