dieser Stellung konnte ich nicht umhin , mehr unter die Leute zu gehen und an Zusammenkünften verschiedener Art teilzunehmen , immer als der ziemlich melancholische und einsilbige Amtsmann , der ich war . Jetzt lernte ich , da ich die politische Bewegung im großen und mehr in der Nähe sah , ein Übel kennen , das mir wirklich neu , obgleich es zum Glücke nicht gerade herrschend war . Ich sah , wie es in meiner geliebten Republik Menschen gab , die dieses Wort zu einer hohlen Phrase machten und damit umherzogen , wie die Dirnen , die zum Jahrmarkt gehen , etwa ein leeres Körbchen am Arme tragen . Andere betrachteten die Begriffe Republik , Freiheit und Vaterland als drei Ziegen , die sie unablässig melkten , um aus der Milch allerhand kleine Ziegenkäslein zu machen , während sie scheinheilig die Worte gebrauchten , genau wie die Pharisäer und Tartüffe . Andere wiederum , als Knechte ihrer eigenen Leidenschaften , witterten überall nichts als Knechtschaft und Verrat , gleich einem armen Hunde , dem man die Nase mit Quarkkäse verstrichen hat und der deshalb die ganze Welt für einen solchen hält . Auch dies Knechtschaftswittern hatte einen gewissen kleinen Verkehrswert , doch stand das patriotische Eigenlob immerhin noch höher . Alles zusammen war ein schädlicher Schimmel , der ein Gemeinwesen zerstören kann , wenn er zu dicht wuchert ; doch befand sich die Hauptschar in gesundem Zustande , und sobald sie sich ernstlich rührte , stäubte der Schimmel von selbst hinweg . Ich dagegen sah in meiner kranken Stimmung den Schaden des Unechten zehnmal größer , als er war , und schwieg dennoch , anstatt den falschen Schwätzern auf die Füße zu treten ; damit verschwieg ich auch manches , was ich mit wirklichem Nutzen hätte sagen können . Ich fühlte , daß das kein Leben hieß und so nicht fortgehen könne , und begann darüber zu brüten , wie aus dieser neuen Gefangenschaft des Geistes herauszukommen sei . Zuweilen regte sich , und immer vernehmlicher , der Wunsch , gar nicht mehr dazusein . Eines Tages hatte ich mehrere Stunden auf den Straßen meines Verwaltungsbezirkes zugebracht , um in Begleitung des Baumeisters den Zustand derselben zu untersuchen . Nach verrichtetem Geschäfte trennte ich mich von dem Manne , da ich das Verlangen spürte , noch einen Gang in Einsamkeit zu machen . So gelangte ich in ein enges abgeschiedenes Tal zwischen zwei grünen Berglehnen , wo es so still war , daß man die Luft in entfernten Baumwipfeln konnte säuseln hören . Auf einmal erkannte ich das Tal als zu der Heimatgegend gehörig , obgleich es so schlicht von Gestaltung war , daß es nirgends eine eigentümliche Form darbot , und kein menschliches Gebäude zeigte sich dem Auge . Ungefähr in der Mitte des Weges , der das Tälchen durchschnitt , warf ich mich an eine kleine begrünte Erdwelle und überließ mich der schmerzlichen Erinnerung an alles , was ich schon gehofft und verloren , geirrt und verfehlt hatte . Auch zog ich Dorotheens grünen Zettel einmal wieder hervor , der noch immer zwischen einer Falte meiner Schreibtafel steckte . » Hoffnung zeigt sich immerdar treugesinnten Herzen gütig ! « las ich und wunderte mich , daß ich das falsche Wechselchen noch bei mir trug . Da eben ein schwacher Luftzug dicht über der sommerwarmen Erde hinwallte , ließ ich es fahren , und es flatterte gemächlich über Gras und Heideblumen weg , ohne daß ich ihm weiter nachblickte . Am besten wäre es , dachte ich , du lägest unter dieser sanften Erdbrust und wüßtest von nichts ! Still und lieblich wäre es hier zu ruhen ! Nach diesem mir nicht mehr neuen Seufzer ließ ich die Augen von ungefähr an der gegenüberliegenden Berghalde schweifen , an deren halber Höhe ein Felsband von grauer Nagelfluhe zutage trat . Ebenso von ungefähr sah ich eine leichte Gestalt von der gleichen grauen Farbe längs dem Felsbande hingleiten oder schweben , und da die Halde von der Abendsonne beleuchtet war , so sah man gleichzeitig auch den Schatten der Gestalt an der Wand mitgleiten . Ich wußte , daß ein schmaler Pfad dort das Felsgesimse entlanglief , und verfolgte mit den Augen die Erscheinung , die sich mit einem sichtlichen Rhythmus bewegte , der mich an ein irgendwo schon Gesehenes erinnerte . Als die Gestalt , die unverkennbar eine weibliche war , das Ende der Felswand erreicht hatte , wandte sie sich und kehrte denselben Weg wieder zurück ; es sah aus , als ob der Geist des Berges aus dem Gestein herausgetreten wäre , um im Abendscheine auf und ab zu wandeln . Froh , meine schweren Gedanken ein wenig zu verscheuchen , erhob ich mich , ging über den Weg und drang durch das Gehölz empor , das den Fuß der jenseitigen Berglehne bekleidete bis unterhalb der Nagelfluhe , an welcher der Pfad hinführte . In wenigen Minuten hatte ich diesen erreicht . Man blickte dort aus dem Tale hinaus und sah in der Ferne einerseits die Ortschaft im Abendlichte schimmern , wo mein Amtssitz lag . Dieser Aussicht zugewendet sah ich die Gestalt an jenem Ende des Felsbandes stehen und hinüberschauen . Dann kehrte sie sich abermals und kam den Weg zurück , gerade mir entgegen . Kaum war sie mir etwas näher , so erkannte ich die Judith , von der ich seit zehn Jahren nicht ein Wort vernommen , trotz der fremdartigen Tracht , in die sie gekleidet war . Statt der halb ländlichen Tracht , in der ich sie zuletzt gesehen , trug sie jetzt ein Damenkleid von leichtem grauem Stoffe und einen grauen Schleier um Hut und Hals gewickelt , alles aber so ungezwungen , ja bequem , daß man sah , ihre ungebrochenen Bewegungen hatten sich in einem reichlichern und breitern Faltenwurfe von selbst Raum verschafft , ohne daß sie im mindesten schlotterig oder auch eckig ausgesehen hätte . In jenem Augenblicke stellte ich natürlich derartige Beobachtungen nicht an ; sie erklären