dem Heiligthum seines Schlafgemaches sogar , in der Küche , zu der man von dem Flur gelangte , irrten und wirrten Hausleute , die helfen sollten , und die verunglückten Vergnügungsfahrer durcheinander , rufend , scheltend , weinend , lachend , je nachdem sie sich in die Situation zu finden wußten oder nicht . Zu den Ersteren gehörte ohne Zweifel Fritz von Zarrenthien und seine kleine Frau , die von Hause aus die lustigsten , vergnüglichsten und zugleich harmlosesten Geschöpfe waren , wenn sie auch in dem Sturm auf der Haide sich nicht viel besser gehalten hatten als die Andern . Jetzt aber prahlte Fritz , während er in der Küche , mit Hülfe der Köchin , einen Weinpunsch braute , von den Heldenthaten , die er , wenn man ihm glauben durfte , im Verlauf des Abends ausgeführt hatte und seine kleine , behende , lachlustige Frau bemühte sich um die Damen , die außer ihr sämmtlich in der bösesten Laune und freilich auch in der traurigsten Verfassung waren . Die Steuerräthin saß in Hans ' Lehnstuhl , wie eine Königin , welche der Sturm der Revolution vom Throne gefegt und welcher bei der Gelegenheit die falschen Haare zerzaust und die Schminke von den Backen gewischt hat . Auf dem Sopha hielten sich die beiden Eleonoren innig umschlungen und weinten , eine an dem Busen der anderen , die heißesten Thränen , ohne daß irgend Jemand , vielleicht auch sie selbst nicht , zu sagen gewußt hätten , worüber ; es wäre denn über ihre durchweichten Strohhüte und ihre verregneten Kleider gewesen , die ihr Unschuldsweiß von heute Morgen mit einer absolut unbestimmten Farbe vertauscht hatten . Die derbe Frau von Granow stand vor Fräulein Duff , welche halb ohnmächtig auf Hans ' Stiefelkiste kauerte und bewies ihr , daß in solchem Fall sich Jeder selbst der Nächste sei , und daß , wenn Fräulein Hermine wirklich in dem Sumpfe ertrunken wäre , ihr - der Gouvernante - daraus kein vernünftiger Mensch auch nur den geringsten Vorwurf machen könne . » Nein , Duffchen , nicht den geringsten Vorwurf ! « rief Hermine , welche eben mit uns durch die offene Thür hereingetreten war und die letzten Worte gehört hatte ; » Duffchen , liebes , einziges Duffchen ! « Und die Aufgeregte fiel ihrer alten , treuen Gouvernante um den Hals und drückte und küßte sie unter leidenschaftlichen Thränen . Wenn eine so sensitive Natur , wie die Fräulein Duff ' s , für die Bedeutung solcher Liebkosungen , solcher Thränen noch einer Erklärung bedurft hätte , so wurde ihr dieselbe jetzt in der großen Gestalt eines Mannes , der in dem Rahmen der Thür stand und mit vermuthlich leuchtenden Augen auf die Gruppe blickte . Sie streckte ihm beide Arme entgegen und rief , aller ausgestandenen Leiden vergessend : » Richard , habe ich es nicht gesagt : suche treu , so findest Du ! « Dieses Wort , das die gute Dame mit der Stimme eines Heroldes , der den Ausgang des Turniers verkündet , überlaut ausgerufen hatte , schreckte die im Zimmer Befindlichen jäh empor . Die beiden Eleonoren ließen einander aus den Armen , sahen hin , sahen sich an ; die zweite ließ ihren Kopf auf die Schulter der ersten sinken und murmelte etwas , wovon ich nur die Worte : » der Verräther ! « verstand . Das war nun vielleicht , Alles in Allem , ein rührendes Bild ; aber ein erschreckliches gewährte die Steuerräthin . Die Ahnung eines hereindrohenden Unheils hatte auf ihrer schmalen durchfurchten Stirn , auf ihren eingefallenen , entschminkten Wangen , in ihren starren , runden Schlangenaugen gelegen ; sie hatte es kommen sehen den ganzen Tag . Vergebens , daß sie mit mütterlichen Armen den lieben Sohn zu schützen versucht hatte vor den Pfeilen der bösesten Laune , welche das stolze , unwillige Mädchen auf ihn abgeschossen ; vergebens , daß Arthur sich in der Ananas-Bowle frischen Muth in so schwerer Bedrängniß und Standhaftigkeit zur Ertragung seiner Leiden zu schöpfen versucht hatte - das Unglück war geschehen und hier , hier stand es vor ihren Augen , vor den Augen der geborenen Baronesse Kippenreiter , der Mutter des liebenswürdigsten aller Söhne , der leiblichen Tante dieses undankbaren Geschöpfes ! Es war zu viel , zu viel ! Die entthronte Königin schnellte empor , an allen Gliedern zitternd : warf , da sie unfähig war , ein Wort zu sprechen , einen vernichtenden Blick auf Hermine , die sich lachend in meine Arme stürzte und schwankte in die Kammer , wo , wie ich hernach erfuhr , der gebeugte Vater an dem Lager seines Kronprinzen wachte , dessen armselige Seele nicht einmal im Stande war , zu begreifen , was er und sein Haus unwiederbringlich verloren hatten . Weg , weg , ihr Bilder ! ihr Gestalten ! ihr sollt mir nicht die schöne Erinnerung dieses Abends trüben ! Ich will euch nicht ganz abweisen - weiß ich doch , daß ich es nicht könnte , wenn ich auch wollte ! - aber drängt euch nur nicht vor ! wollet mich nicht glauben machen , daß ihr es seid , um derenwillen wir leben , um derenwillen wir gedenken ! Auch ihr müßt sein , freilich ! und wohl dem , der das begriffen hat , und sich ein muthiges Gelächter bewahrt hat in der Brust , um euch wegzuspotten , wenn ihr euch nicht auf die Seite weisen lassen wollt . Auch ihr müßt sein ! Aber um der schmutzigen , schwarzen Erde willen , die an den zarten Wurzeln hängt , graben wir sie nicht aus , der Liebe rothe Rose , tragen sie an unserm Herzen nach Haus , pflanzen sie im stillen , sonnigen Raum und pflegen und hegen sie , wie wir können ! - Wer weiß , wie lange wir es können ! Zweiundzwanzigstes Capitel . Wer weiß , wie lange wir es können ! Vielleicht nicht lange , vielleicht nur