man sich von ihren Dienern zu versehen habe , das war durch die Gewaltthaten an dem Buchhändler Palm und an Lord Bathurst hinlänglich erwiesen . Sie überlegte , ob es nicht gerathen sei , Paul an diesem Abende gar nicht mehr nach Hause zurückkehren , sondern in irgend einer befreundeten Familie übernachten zu lassen , aber eben dadurch konnte man den Argwohn , welcher ihn offenbar umgab , nur steigern . Dann kam ihr der Gedanke , daß man irgend einen der Gehülfen ihres Vaters in Paul ' s Wagen mit seinem Diener und mit einem scheinbaren Auftrage den geraden Weg nach der russischen Grenze schicken könne , während Paul auf Umwegen zu entkommen suchen müsse ; indeß überall trat ihr die Sorge um ihren greisen Vater entgegen , und selbst mit diesem oder gar mit Paul ein vertrauliches Wort zu reden , ward ihr nicht gegönnt , denn sie meinte zu bemerken , daß Herr von Castigni Paul und Davide nicht aus dem Auge lasse . Das konnte seine Ursache in der Bewerbung haben , mit welcher der Franzose Daviden umgab ; aber wer viel zu verlieren hat , ist ängstlich , und die lange Fremdherrschaft hatte alle Patrioten genugsam an Zurückhaltung und Vorsicht gewöhnt . Der Vater hatte sich zum Spiele niedergesetzt , Davide tanzte , Herr von Castigni nahm sie völlig in Beschlag , wenn Paul sie frei ließ , und dieser , welcher sonst kein leidenschaftlicher Tänzer war , sondern meist die Gesellschaft der älteren Männer und Frauen suchte , hielt sich heute ganz zur Jugend . Er machte , so oft es sich thun ließ , Daviden ' s Gegenüber , und obschon sie voll Sorgen war , dachte Seba daran , daß Paul möglicher Weise doch mehr Antheil an ihrer Nichte nähme , als sie bisher geglaubt , daß Daviden ' s unverkennbare Neigung für ihn , die sich heute erst wieder so lebhaft verrathen hatte , ihren Eindruck auf den jungen Mann nicht verfehlt habe , und sie nannte es in ihrem Herzen einen echt weiblichen Zug , daß Davide eben heute sich Herrn von Castigni freundlicher als sonst bewies , daß sie Paul vernachlässigte , da dieser sie zum ersten Male ganz entschieden suchte . Sollte Davide im Stande sein , zu so kleinlichen Mitteln der Vergeltung zu greifen ? fragte sie sich ; sollte sie in der Liebe irgend einer Berechnung fähig sein und einem geliebten Manne gegenüber irgend etwas Anderes empfinden können , als das Verlangen , ihm ihre Liebe kund zu geben und Freude oder Trauer , je nachdem er sie erwiedert oder nicht erwiedert ? Sie wurde förmlich irre an dem Mädchen , das sie doch so genau zu kennen meinte . Davide sprach so laut , lachte so viel , suchte so unverkennbar die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen ; Seba wußte nicht , was sie davon denken sollte . Aber es mußte auch Paul mißfallen , denn sie sah ihn den Saal verlassen und im Nebenzimmer an den Tisch treten , an welchem alte und junge Männer , Civilisten und Militärs ein hohes Pharo spielten . Sie wollte zu ihm gehen und mochte doch zum ersten Male Davide nicht ohne Aufsicht lassen , denn der Ballsaal hatte sich nach dem Schlusse des Theaters noch mehr gefüllt , der Lichtglanz , die Wärme , der Tanz und der Wein hatten die Tänzer , die Männer wie die Mädchen und die Frauen , aufgeregt , und auch Daviden ' s Augen flammten , ihre Wangen brannten , als sie , von Castigni ' s Arm umschlungen , zum vierten und fünften Male die Tour um den Saal zurücklegte , die man sonst immer mit drei Ronden beendigte . Das Haar flog ihr um die Schläfen , die junge Brust hob und senkte sich gewaltsam , als der Franzose sie endlich dicht vor ihrem Platze aus seinem Arme ließ und , einen leidenschaftlichen Kuß auf ihre Hand drückend , ihr versicherte , daß er sie nie so schön gesehen habe , wie eben heute , eben jetzt . Aber von dem wilden Tanze erschöpft , trat er zurück , um im Nebenzimmer eine Erfrischung zu suchen ; auch Davide hatte sich neben Seba in einen Sessel geworfen , und sich rasch umblickend , als fürchte sie gehört zu werden , flüsterte sie leise und athemlos die Worte : Er ist fort ! Seba wendete sich um , sie sah Davide an , und das Wort des Tadels , das auf ihren Lippen schwebte , verstummte . Mit einem Blicke verstand sie , von wem die Rede sei . Woher weißt Du es ? fragte Seba . Ich sah ihn gehen , antwortete Davide . Eben jetzt ? Nein , gleich nachdem wir zur Quadrille angetreten sind . Und er hat Dir gesagt , daß er sich entfernen wolle ? Nichts , gar nichts ! entgegnete Davide eben so kurz , denn schon trat ihr Bewunderer wieder an sie heran , und urplötzlich leuchtete die strahlende Heiterkeit wieder um ihre schönen Wangen , tönte das silberhelle Lachen wieder von ihren Lippen , und an der Hand ihres Tänzers stand sie wieder in den Reihen . Seba sah ihr sprachlos , aber mit Freude nach . Sie konnte nicht errathen , was Paul beabsichtige , was Davide davon wisse , nur das war ihr klar , daß hier die Liebe ein Mädchen schnell zum Weibe gereift habe und daß man ein junges Herz , welches aus Liebe solcher Herrschaft über sich fähig sei , wie Davide sie eben jetzt bewiesen hatte , sich selber überlassen könne . Beide Frauenzimmer konnten das Ende des Balles kaum erwarten und trugen doch Bedenken , das Fest eher als die Mehrzahl der Gäste zu verlassen . Sie blieben im Gegentheile mit unter den Letzten , um auch Herrn von Castigni von der Rückkehr in ihre Wohnung abzuhalten . Er hatte , von Davidens Gunst entzückt , Tremann ' s fast vergessen , und es war