, daß das Majorat auf ihn übergeht . Denn ich habe ebensowenig Grund , das Fortbestehen des Namens zu hindern , als dasselbe zu wünschen . Wie die Dinge stehen , ist es mir absolut gleichgültig , wenn ich etwa von dem Vergnügen absehe , das ich dem Kinde mache , indem ich seinem Bräutigam gefällig bin . Nun kommt aber noch eine Betrachtung , die uns beide angeht , lieber Freund Heinrich ! Ich habe gut gesehen , daß Du Dich in Dortchen verliebt hast ! Ich habe getan , als sähe ich es nicht , weil ich mich in dergleichen nicht mische , wo die Leute sich selbst helfen können und wissen , was sie zu tun haben . Besonders die langhaarige Nation ist so unberechenbar , daß es nicht lohnend ist , sich ohne Not mit gutem Rate bloßzustellen . Auch Du bist dem Kinde nicht gleichgültig gewesen und auch jetzt noch gut angeschrieben , und es stellt sich die Sache ungefähr so : Hättest Du , was Du als ein maßhaltender Mensch nicht getan hast , während Deines Hierseins die Zeit und Deinen Vorteil wahrgenommen oder hättest Du bald nach der Ankunft in Deinem Vaterlande von Dir hören lassen , so wäre , glaub ich , Dorothea bis zur Stunde die Deinige geblieben . Nachdem Du aber eine so rätselhafte Zeit hast verstreichen lassen , ist sie über diese Kluft weggesprungen , als der entschlossene Freier erschien , der sie zugleich in so glücklicher Weise wieder in die weltliche Ordnung einreibt . Aber auch von diesem Begreiflichen abgesehen , müssen wir die Unbeständigkeit des Kindes , soweit eine solche vorhanden ist , nicht hart beurteilen . Die guten Weiblein sind so auf sich selbst angewiesen und müssen im Grunde die Suppe , die sie sich einbrocken , oft so ganz allein ausessen mit allerlei Leiden und Schmerzen , daß sich hieraus die Plötzlichkeit wohl erklären läßt , mit der ihre Instinkte zuweilen umschlagen . Ihre Blütenzeit geht so rasch vorbei , daß sie , solang kein entscheidendes Wort gefallen ist , auf ein Warten , das sich einstellen zu wollen scheint , nicht gut zu sprechen sind und sich jeden Entschluß im stillen vorbehalten . Wenn sie Hoffnung gegeben haben und nicht rechtzeitig dabei behaftet werden , so gehen sie zur Tagesordnung über ; denn sie wollen ihre Kinder als junge Weiber und nicht als halbe Matronen haben und erziehen . Gerade die Schönsten und Gesundesten eilen ihrem Berufe energisch entgegen und verschmähen dann häufig die Heirat , wenn sie den besten Augenblick verfehlt haben . Meine eigene Ehe galt für eine Art Unicum , und die Leute sagten , es müsse so sein , weil zwei Unica sich geheiratet haben . Soweit das sich auf meine Person bezog , war es natürlich der Spott über meine Abtrünnigkeit von den Vorurteilen ; auf die Frau aber war das Wort in seinem besten Sinne gut angewendet ; und dennoch hatte es an einem Haar gehangen , daß sie nicht ein anderer heimgeführt . Das ist eben auch ein Stück Weltlauf ! « Es bedurfte dieser traulichen Vertröstung des ältern Freundes nicht , die Geister der Leidenschaft in mir zu bannen . Die bloße Tatsache , daß Dorothea verlobt war und Isabel Gräfin zu W ... berg hieß , vergegenwärtigte mir den Zustand , in welchen ich sie gebracht hätte , selbst wenn sie das Findelkind geblieben , ich weniger zurückhaltend gewesen und eine Verbindung zwischen uns erfolgt wäre . Es kam mir vor , wie wenn man einen großen Sommervogel in einen kleinen Grillenkäficht hätte setzen wollen . Die geheime Sorge , einer solchen Beschämung durch die schönste Glückserfüllung ausgesetzt zu werden , fiel mir wie ein Stein vom Herzen , und in diesem blieb nur die stille Sehnsucht nach der Verlorenen einträchtig neben der Trauer um die Mutter wohnen . Freilich kam mir dieser Weltlauf etwas teuer zu stehen ; denn der Umweg über das Grafenschloß hatte mich nicht nur die Mutter , sondern auch den Glauben an ihr Wiedersehen und an den lieben Gott selbst gekostet , alles Dinge indessen , deren Wert nicht aus der Welt fällt und immer wieder zum Vorschein kommt . Sechzehntes Kapitel Der Tisch Gottes Etwa ein Jahr später besorgte ich die Kanzlei eines kleinen Oberamtes , welches an dasjenige grenzte , worin das alte Heimat Dorf lag . Hier konnte ich bei bescheidener und doch mannigfacher Wirksamkeit in der Stille leben und befand mich in einer Mittelschicht zwischen dem Gemeindewesen und der Staatsverwaltung , so daß ich den Einblick nach unten und oben gewann und lernte , wohin die Dinge gingen und woher sie kamen . Allein sie vermochten die Schatten nicht aufzuhellen , die meine ausgeplünderte Seele erfüllten , und weil alles , was ich wahrnahm , durch die Düsternis gefärbt wurde , so erschienen mir auch die Menschlichkeiten , denen ich auf dem neuen Gebiete begegnete , dunkler , als sie an sich waren . Wenn ich sah , daß auch hier die Neigung zum Nachlassen und zur Pflichtvergessenheit zum Vorschein kam oder jeder die Wässerlein auf seine Mühle zu leiten suchte , daß Neid und Eifersucht auch in den kleinsten Amtsverhältnissen störend sich einnisteten , so war ich geneigt , das Übel dem Charakter des ganzen Volkes und Gemeinwesens zuzuschreiben , das in der Erinnerung und aus der Entfernung mich so täuschend angelockt habe . Wenn ich aber meines belasteten Bewußtseins gedachte , so schwieg ich , anstatt bei guter Gelegenheit meine Meinung offen herauszusagen . Ich begnügte mich , meine Obliegenheiten so regelmäßig und geräuschlos als möglich zu erfüllen , um die Zeit zu verbringen , ohne Unruhe , aber auch ohne Hoffnung eines frischern Lebens . Das hielten nun die Leute für das Muster einer ordentlichen Amtsführung , und da sie besser und wohlwollender waren , als ich dachte , so machten sie mich nach ein paar weiteren Jahren , ohne mein Zutun und gegen meinen Wunsch , zum Vorsteher des Amtskreises . In