irgend jemanden küssen lassen . Dieses Mal erlaubte sie , daß ich es tue , indem sie sanft sagte : » Nur das eine Mal . « Dann küßte sie mich auf die Stirne und sagte : » Sei so glücklich , mein Sohn , als du es verdienst , und als es die wünscht , die dir heute ihr halbes Leben gegeben hat . « Risach sagte zu mir : » Mein Sohn , ich werde dich jetzt du nennen , und du mußt zu mir wie zu deinem ersten Vater auch dies Wörtchen sagen - mein Sohn , nach dem , was heute vorgefallen , ist deine erste Pflicht , ein edles , reines , grundgeordnetes Familienleben zu errichten . Du hast das Vorbild an deinen Eltern vor dir , werde , wie sie sind . Die Familie ist es , die unsern Zeiten not tut , sie tut mehr not als Kunst und Wissenschaft , als Verkehr , Handel , Aufschwung , Fortschritt , oder wie alles heißt , was begehrungswert erscheint . Auf der Familie ruht die Kunst , die Wissenschaft , der menschliche Fortschritt , der Staat . Wenn Ehen nicht beglücktes Familienleben werden , so bringst du vergeblich das Höchste in der Wissenschaft und Kunst hervor , du reichst es einem Geschlechte , das sittlich verkommt , dem deine Gabe endlich nichts mehr nützt , und das zuletzt unterläßt , solche Güter hervor zu bringen . Wenn du auf dem Boden der Familie einmal stehend - viele schließen keine Ehe , und wirken doch Großes - wenn du aber auf dem Boden der Familie einmal stehst , so bist du nur Mensch , wenn du ganz und rein auf ihm stehst . Wirke dann auch für die Kunst oder für die Wissenschaft , und wenn du Ungewöhnliches und Ausgezeichnetes leistest , so wirst du mit Recht gepriesen , nütze dann auch deinen Nachbarn in gemeinschaftlichen Angelegenheiten , und folge dem Rufe des Staates , wenn es not tut . Dann hast du dir gelebt und allen Zeiten . Gehe nur den Weg deines Herzens wie bisher , und alles wird sich wohl gestalten . « Ich reichte ihm die Hand , er zog mich an sich und küßte mich auf den Mund . Natalie war indessen in den Armen meiner Mutter , meines Vaters und Klotildens gewesen . » Er wird gewiß bleiben , wie er heute ist , « sagte sie , wahrscheinlich auf einen Wunsch für die Zukunft antwortend . » Nein , mein teures Kind , « sagte meine Mutter , » er wird nicht so bleiben , das weißt du jetzt noch nicht : er wird mehr werden , und du wirst mehr werden . Die Liebe wird eine andere , in vielen Jahren ist sie eine ganz andere ; aber in jedem Jahre ist sie eine größere , und wenn du sagst , jetzt lieben wir uns am meisten , so ist es in kurzem nicht mehr wahr , und wenn du statt des blühenden Jünglings einst einen welken Greis vor dir hast , so liebst du ihn anders , als du den Jüngling geliebt hast ; aber du liebst ihn unsäglich mehr , du liebst ihn treuer , ernster und unzerreißbarer . « Mein Vater wandte sich ab und fuhr sich mit der Hand über die Augen . Meine Mutter küßte Natalien noch einmal und sagte : » Du liebe , gute , teure Tochter . « Natalie gab den Kuß zurück und schlang die Arme um den Hals meiner Mutter . » Kinder , jetzt müssen wir zu den andern gehen « , sagte Risach . Wir gingen in den Saal . Dort gab Risach Papiere in die Hände Nataliens . Sie legte sie in die meinigen . Mein Vater gab mir auch Papiere . Alle Anwesenden wünschten uns nun Glück , vor allen Gustav , den ich die letzte Zeit her gar nicht gesehen hatte . Er fiel der Schwester um den Hals und auch mir . In seinen schönen Augen perlten Tränen . Dann beglückwünschten uns Eustach , Roland , die vom Inghofe , der Pfarrer von Rohrberg , der mich auf unser erstes Zusammentreffen in diesem Hause an jenem Gewitterabende erinnerte , und alle andern . Risach sagte , daß jetzt jedem zwei Stunden zur Verfügung gegeben seien , dann müsse sich alles in dem Marmorsaale zu einem kleinen Mahle versammeln . Natalie wurde von ihren Trauungsjungfrauen in die Gemächer ihrer Mutter geführt , daß sie dort die Trauungsgewänder ablege . Ich ging in meine Wohnung , kleidete mich um , und verschloß die Papiere , ohne sie anzusehen . Nach einer geraumen Zeit ging ich in das Vorzimmer zu Mathildens Wohnung und fragte , ob Natalie schon in Bereitschaft sei , ich ließe bitten , mit mir einen kurzen Gang durch den Garten zu machen . Sie erschien in einem schönen , aber sehr einfachen Seidenkleide , und ging mit mir die Treppe hinab . Sie reichte mir den Arm , und wir wandelten eine Zeit unter den großen Linden und auf anderen Gängen des Gartens herum . Nachdem die zwei Stunden verflossen waren , wurde mit der Glocke das Zeichen zum Mahle gegeben . Alles begab sich in den Saal und erhielt dort seine Sitze angewiesen . Das Mahl war , wie gewöhnlich bei Risach , einfach , aber vortrefflich . Für Kenner und Liebhaber standen sehr edle Weine bereit . Es war nie in dem Saale ein Mahl abgehalten worden , und der Ernst des Marmors , bemerkte mein gewesener Gastfreund , dürfe nur in den Ernst des edelsten Weines nieder blicken . Trinksprüche wurden ausgebracht , und sogar Reime auf ewiges Wohl hergesagt . » Habe ich es gut gemacht , Natta , « sagte mein einstiger Gastfreund , » daß ich dir den rechten Mann ausgesucht habe ? Du meintest immer , ich verstände mich nicht auf diese Dinge , aber ich habe ihn auf den ersten Blick erkannt