« Hier brach die Schrift ab ; denn vom nächsten Worte stand nur noch der Anfangsbuchstabe . An wen der Brief gerichtet war , ob er mit oder ohne obiges Bruchstück oder gar nicht abgegangen , wußte ich nicht , und eine Antwort fand sich unter den aufbewahrten Briefschaften nicht vor . Wahrscheinlich hatte sie die Sache doch unterdrückt . Dagegen verschmolz sich nun die in dem Gedichte von dem verlornen Glücke aufgeworfene wunderliche Rechtsfrage mit derjenigen des Brieffragmentes und fiel mir zu Lasten als dem einzigen haftbaren Inhaber der Schuld . So war nun der Spiegel , welcher das Volksleben widerspiegeln sollte , zerschlagen und der Einzelmann , der an der Volksmehrheit so hoffnungsreich mitwachsen wollte , rechtlos geworden . Denn da ich die unmittelbare Lebensquelle , die mich mit dem Volke verband , vernichtet hatte , so besaß ich kein Recht , unter diesem Volke mitwirken zu wollen , nach dem Worte Wer die Welt will verbessern helfen , kehre erst vor seiner Türe . Nachdem das Grab der Ärmsten sich geschlossen , bewohnte ich einige Zeit das Stübchen , worin sie gestorben . Dann verkaufte ich mit dem Rate des Nachbars das Haus und gewann in der Tat mehrere Tausende an dem Handel , so daß ich nun mit dem , was ich hergebracht , und dem Gewinn zusammen ein kleines Vermögen besaß , aus welchem ich bescheiden und zurückgezogen leben konnte . Das zufällige Wesen aber , das dem winzigen Reichtum anhaftete , ließ mich seiner nicht froh werden , noch weniger ein müßiges Leben darauf bauen ; und da überdies der Mensch nicht nur von dem leiblichen , sondern auch von einem moralischen Selbsterhaltungstriebe beseelt ist , so nahm ich doch einige Studien vor , wie der Graf sie mir angeraten , nicht um mich hervorzutun , sondern lediglich , soviel nötig war , mich für die Verwaltung eines anspruchslosen und stillen Amtes vorzubereiten und die Ordnung , in welche es eingebaut war , einigermaßen zu übersehen . Im übrigen las ich teils schwerere , teils schönere Sachen allgemeiner Natur , um meinen befangenen und bedrängten Gedanken einige Freiheit und Zerstreuung zu verschaffen . Denn während das Reuleid wegen der Mutter allmählich zu einem düstern , aber gleichmäßig ruhigen Hintergrunde von Freudlosigkeit wurde , begann sich das Bild der Dorothea wieder lebendiger zu regen , ohne Licht in das Dunkel zu bringen . Ich trug den Spruch von der Hoffnung , auf das grüne Papier gedruckt , noch immer in meinem Brief-und Schreibtäschchen auf der Brust und las ihn zuweilen mit ungläubigem Seufzen und Kopfschütteln . Den Glücksfall vorausgesetzt , den die schlichten Worte zu verkünden schienen , war ich doch in der Lage , ihn fürchten zu müssen , und fast in der Stimmung eines Prahlers , der in der Ferne eine glänzende Schöne an sich gezogen hat , welcher er die schlechte Hütte nicht zeigen darf , darin er wohnt . Sogar zum bloßen freundlichen Verkehr in die Weite schien ich mir jetzt nicht fähig , da ich die Wahrheit meines Zustandes zu gestehen mich scheute und doch auch nicht lügen mochte . Die Zeit zu scherzhaften Flunkereien und Phantasiespielen , auch im harmlosen Sinne des Wortes , war für einmal vorbei . Es vergingen wohl zehn Monate , bis ich über mich vermochte , an den Grafen zu schreiben , ohne unwahr zu sein oder allzu elend zu erscheinen . Er vergalt mir die Saumseligkeit nicht mit gleicher Münze ; vielmehr erhielt ich bald einen längern Brief von ihm , in welchem er meine Lage , soweit er sie begriff , mit guten Worten besprach und als den Lauf der Welt darstellte , wie er durch Paläste und Hütten gehe , Gerechte und Ungerechte heimsuche und seiner Natur gemäß unablässig sich verändere . » Was unser Dortchen betrifft « , fuhr er fort , » so erfährt sie , und wir andere mit ihr , in gehäuftem Maße auch ihr Teil . Seit Du weg bist , hat sich das Abenteuer begeben , daß sie - meine blutsverwandte Nichte und nichts anderes geworden ist ! Ich kann Dir den Hergang nicht des weitern auseinandersetzen , nur mit ein paar Strichen andeuten Von der bald nach dem Tode meines in den südamerikanischen Händeln umgekommenen Bruders ebenfalls verstorbenen Witwe ist durch Letzten Willen verordnet worden , es solle das Kind durch zuverlässige Leute seinen deutschen Verwandten zugesandt werden . Diese Leute sind aber untreu gewesen . Um gewisse Vermögensteile , die man unvorsichtigerweise ihnen zugleich mitgegeben hat ( übrigens unbedeutende Summen ) , behalten zu können , haben sie mir das Kind auf dem Wege der Aussetzung in die Hände gespielt . Sie haben sich richtig bei jenen Auswanderern nach Südrußland befunden oder sich ihnen vielmehr auf dem Wege in der Donaugegend angeschlossen und die Sache sehr schlau angestellt . Da aus Amerika nie mehr eine Nachfrage anlangte , sowenig als früher ein Bericht von der Absendung des Kindes und dem Tode der Mutter , so hat alles so geschehen können . Erst neuerlich , weil das alt gewordene Sünderpaar vom Gewissen , wahrscheinlich auch von dem Gelüste nach einer Gnadenbelohnung geplagt wurde , haben sich die Leutchen mit allen in solchen Wiederfindungsgeschichten üblichen wohlaufgehobenen Beweisen gemeldet , und wir haben also eine Gräfin mehr im deutschen Vaterlande ! Wie lange es dauert , bis sie zum Gegenstande eines oder mehrerer Romane gemacht wird , steht dahin ; ich habe sie auch auf einige Volksschauspiele und Melodramen vorbereitet . Allein sie hört nicht darauf , da sie bereits die Ausarbeitung des zweiten Teiles des Romanes begonnen hat . Vor vier Wochen hat sich Gräfin Dorothea W ... berg ( eigentlich heißt sie von Haus aus Isabel ) mit einem jungen Freiherrn Theodor von W ... berg verlobt . Das ist nämlich ein hübscher und wackerer Gesell aus einer Linie der so benamsten Leute , welche die unsrige seit Jahrhunderten nichts mehr angeht . Man wird ihm den Grafentitel verschaffen , und ich werde gestatten