Schultern . Um sich , wie Sie , Herr Graf , seiner Bekannten in ihrem Unglücke anzunehmen , muß man großmüthiger sein , als Paul es bei Seba und bei ihrem Vater lernen kann . Ich vermag mich nicht so wie mein Mann zu demüthigen , und Paul sowohl als Seba haben es ganz und gar vergessen , wie glücklich diese gewesen ist , als ich ihr zuerst erlaubte , zu mir zu kommen , und wie ich mich ihrer angenommen habe , um sie nur erst für den Verkehr mit gebildeten Männern und guter Gesellschaft zuzustutzen . Seit man den Juden so viel Freiheiten gewährt , sind sie hochmüthig und noch schlechter geworden , als sie stets gewesen sind . Erst gestern früh , als ich von meinem Manne kam , ist Seba in einem prachtvollen , echten Shawl , wie keine Königin ihn schöner haben kann , an mir in ihrer neuen Equipage mit einem Stolze vorübergefahren , mit einem Stolze .... Sie unterbrach sich , da sie ihrer Redseligkeit sonst in ihres Herrn Gegenwart nicht die Zügel schießen lassen durfte , indeß ihre Empörung war so groß , daß sie sich nicht enthalten konnte , den Nachsatz hinzuzufügen : Aber ich werde es ihr gedenken ! Hochmuth kommt vor dem Falle , und es wird mit Seba und mit Paul wahr und wahrhaftig auch noch einmal ein schlechtes Ende nehmen ! Wohl möglich , meinte gleichmüthig der Graf , der sie wider seine Gewohnheit nach Belieben hatte sprechen lassen . Wenn Sie übrigens zufällig erfahren , ob Tremann heute oder erst in einigen Tagen abreist , so sagen Sie es mir . Die Sache kümmert mich freilich nicht , ich möchte jedoch um Herrn von Castigni ' s willen wissen , ob man ihn in dem Hause geflissentlich hintergeht , wozu man denn doch Gründe haben müßte , die für jenen bedenklich sein könnten . Sie sagte , dies zu erfahren , werde ihr ein Leichtes sein , und obschon der Graf ihr wiederholte , daß es damit keine Eile habe , hatte er sich kaum entfernt , als die Kriegsräthin schnell ihre nöthigsten Geschäfte besorgte und sich zum Ausgehen ankleidete . Weßhalb dem Grafen so viel daran gelegen war , den Reisetag des jungen Kaufmannes genau zu wissen , das konnte sie sich nicht erklären . Nur , daß es auf keinen Liebesdienst für Seba oder ihren Vater damit abgesehen sei , davon durfte sie sich überzeugt halten , und das genügte ihr . Was kümmerte es sie im Grunde auch , ob der Kriegsrath von jenen und von Paul unterstützt wurde oder nicht ! Sie hatte für sich zu sorgen , sich dem Grafen gefällig zu beweisen . Mochte der Kriegsrath sehen , wie er fertig wurde . Jeder für sich und Gott für uns Alle ! sagte sie , als sie ihren Weg antrat , und sie hatte dabei das Bewußtsein , daß sie weltklug und erfahren sei , das Leben muthig nähme , wie es sich ihr biete , und sich mit Ergebung in das Unerwartete und Nothwendige zu schicken wisse . Sechszehntes Capitel An demselben Tage , an welchem die preußischen Truppen ihren Marsch nach Rußland angetreten hatten , versammelte sich in den prächtigen Sälen eines der preußischen Armee-Lieferanten , der in den letzten Jahren ein großes Vermögen erworben hatte und ein glänzendes Haus machte , eine zahlreiche Gesellschaft zu einem Balle . Die Gesellschaft war sowohl den Nationalitäten als den Berufsklassen und Ständen nach eine sehr vielfarbige , und es befanden sich in ihr Personen genug , welche den Augenblick nicht für günstig gewählt zu einem Feste hielten . Aber man durfte sich , wenn man nicht Verdacht oder Verfolgung auf sich laden wollte , der Geselligkeit , in welcher das französische Militär und die kaiserlichen Civilbeamten eine große Rolle spielten , nicht entziehen , und schon am Mittage hatte Herr von Castigni sich danach erkundigt , ob er das Vergnügen haben werde , der Familie Flies und Herrn Tremann auf dem Balle zu begegnen . Abends , um die Stunde , in welcher man in die Gesellschaft zu fahren pflegte , saßen Seba und Davide in Balltoilette in dem Wohnzimmer ; aber ihre ernsten Mienen paßten nicht zu dem glänzenden Schmucke , den sie angelegt hatten . Man konnte die unruhige Spannung unschwer in ihren Mienen lesen . Bei dem leisesten Geräusche blickten beide Frauenzimmer nach der Gegend hin , von der es kam , und nachdem Erwartung und Täuschung sich zu verschiedenen Malen wiederholt hatten , sagte Davide endlich : ich möchte wohl wissen , wie den Menschen zu Muthe gewesen ist , als man noch ein ruhiges Leben geführt und sich auf irgend etwas recht von Herzen in voller Sicherheit zu freuen vermocht hat . Seit ich mich erinnern kann , ist die Welt immer voll Schrecken und voll Unruhe gewesen . Schon als kleines Kind habe ich , obschon man es vor mir zu verbergen gestrebt hat , es doch immer empfunden , daß man in Sorgen und Nöthen vor Krieg und Feinden und Krankheiten , und in Angst um seine Freunde gewesen ist , und jetzt .... Nun , jetzt ? fragte Seba ; aber es blieb Daviden keine Zeit zum Antworten , denn Paul , gleichfalls für den Ball gekleidet , trat in das Zimmer , und Seba empfing ihn mit der besorgten Frage , was der Kriegsrath zu so später und ungewohnter Stunde noch gewollt habe . Nichts für sich , wie Du denken kannst , entgegnete Paul , und natürlich ist ' s nichts Gutes , was den Alten bewogen hat , mich aufzusuchen . Es sind unerträgliche Zustände , in denen wir leben ; wir werden wie Verbrecher beaufsichtigt , wir sind in unseren Häusern nicht mehr sicher vor Verrath und müssen die Verräther als gefeierte Gäste an unserem Tische sitzen sehen . Das kann nicht dauern , es kann nicht dauern ! Das Tischtuch muß endlich zerschnitten werden zwischen uns und