und dieses , vermöge dessen sie liebt und hungert und dürstet , und von allen andern Begierden , die zu wollüstiger Anfüllung und Ausleerung reizen , hingerissen wird , das unvernünftige und begierliche nennen ? Glaukon . Wir könnten mit Recht dieser Meinung seyn , sollt ' ich denken . Unser Philosoph fährt nun fort , in dieser kurzweiligen Manier auch das dritte in der Seele , welches er Thymos nennt , zu betrachten und so lange hin und her zu schieben , bis er die Aehnlichkeit dieses vorgeblichen Princips mit der streitbaren Classe in seiner Republik entdeckt , und herausgebracht hat , daß Thymos mit den Begierden häufig in Streit gerathe , und so oft sich diese gegen das regierende vernünftige Princip auflehnen , mit großem Eifer die Partei des letztern nehme , für welches er eine ganz eigene Anmuthung habe u.s.w. , wozu denn der gefällige Glaukon immer seine Beistimmung gibt , und sich am Ende gänzlich für die Hypothese der dreifachen Seele oder der drei Seelen in Einer erklärt . Es mag eine ganz bequeme Sache seyn , mit Schülern zu philosophiren , bei welchen man immer Recht behält . An Glaukons Stelle hätte ich mich so leicht nicht von dieser neuen Platonischen Lehre überzeugen lassen , und würde mir die Freiheit genommen haben , folgende Vorstellungen gegen dieselbe zu machen . » Wie eng auch die unbegreifliche Verbindung unsrer Seele mit ihrem Körper ist , ehrenwerther Sokrates , so kann man doch eben so wenig von der Seele sagen , daß sie hungre oder dürste , als daß sie esse und trinke ; auch ist sie eben so unschuldig an dem , was du aus geziemender Urbanität lieben nennst , und was ( in dem Sinne , den du diesem Worte hier beilegst ) eigentlich bloß den gewaltsamen Zustand bezeichnet , worin Aristophanes den Gemahl der schönen Lysistrata von der Armee zu ihr zurückeilen läßt . Alle Triebe , - welche die Befriedigung eines natürlichen Bedürfnisses des Körpers zum Gegenstand haben , gehören auch dem Körper zu ; sie sind nothwendige Folgen seiner Organisation , und werden nur insofern Begierden der Seele , als diese durch das geheime Band , wodurch sie an jenen gefesselt ist , sich genöthigt fühlt . « - Doch , warum sollte ich dir , lieber Eurybates , bei dieser Gelegenheit nicht eine kleine Probe geben , daß ich die Kunst , das Wahre einer Sache durch Frag ' und Antwort herauszubringen , unserm gemeinschaftlichen Meister so gut als Plato abgelernt habe ? Wenigstens werde ich keine hinterlistige und mit einer vorgefaßten Hypothese in geheimem Einverständniß stehende Frage thun , und keine Antwort geben lassen , als die immer die einzig mögliche ist , die ein vernünftiger Mensch auf die vorgelegte Frage geben kann . Also , unter Anrufung der schönsten aller Göttinnen , der Wahrheit , und ihrer ungeschminkten Grazien - zur Sache ! Aristipp . Mich däucht , lieber Sokrates-Platon , der gute Glaukon hat dir zu schnell gewonnenes Spiel gegeben . Erlaube daß ich eine kleine Weile seine Stelle vertrete und in seinem Namen einige unschuldige Gegenfragen an dich thue . Sokrates . Frage immer zu . Aristipp . Gibt es unter allen Körpern in der Welt einen , den deine Seele den ihrigen nennt ? Sokrates . Allerdings . Aristipp . Thust du dieß nicht , weil deine Seele in einer viel engern , besonderern und unmittelbarern Verbindung mit ihm steht als mit irgend einem andern ? Sokrates . Getroffen ! Aristipp . Belehrt uns nicht die tägliche Erfahrung , daß wir ohne unsern Körper weder sehen noch hören , noch von irgend etwas , das außer uns ist oder zu seyn scheint , ja nicht einmal von uns selbst , die mindeste Kenntniß hätten ? Sokrates . In diesem Leben wenigstens können wir nichts von allem diesem ohne unsern Körper . Aristipp . Lehrt uns die Erfahrung nicht überdieß , daß wir ohne Hülfe unsers Leibes nichts von allem , was wir zu verrichten und hervorzubringen wünschen , ausführen können ? Ingleichem , daß sobald der Leib leidet und in seiner natürlichen Lebensordnung gestört wird , auch die Seele , sie wolle oder nicht , sich zur Mitleidenheit gezogen fühlt , und je größer die Leiden ihres Körpers sind , desto mehr auch in ihren eigenen Verrichtungen , im Denken , und in der Freiheit ihre Gedanken zu gewissen Absichten zu ordnen , unterbrochen und aufgehalten wird ? Sokrates . Ich sehe nicht , wie dieß geläugnet werden könnte . Aristipp . Ist es also nicht natürlich , daß die Seele in solchen Umständen und Lagen ein Verlangen trägt , ihrem Körper nach Möglichkeit zu Hülfe zu kommen ? Sokrates . Sehr natürlich . Aristipp . Sollte nun aber nicht eben so natürlich seyn , daß eben dieselbe Seele , die ihrem Leibe wohl will und seine Erhaltung begehrt , auch alles verabscheuen muß , was seinen Wohlstand unterbricht oder ihn gar zu zerstören droht ? Oder wie sollt ' es möglich seyn , daß die Seele etwas wollte , ohne das Gegentheil nicht zu wollen ? Oder daß sie etwas ernstlich und eifrig begehrte , ohne daß sie das , was der Befriedigung dieses Verlangens entgegen steht , aus dem Wege zu räumen suchte ? Sokrates . Es ist klar , daß in dem angenommenen Fall das Nichtwollen im Wollen , das Verabscheuen im Begehren nothwendig enthalten ist . Aristipp . Lehrt uns die Erfahrung nicht , daß , da unser Leib zur Erhaltung seines Lebens und seiner Kräfte von Zeit zu Zeit Speise und Trank bedarf , die Natur im Bau desselben eine solche Einrichtung getroffen hat , daß wir durch eine gewisse Unbehäglichkeit an dieses Bedürfniß erinnert werden , und daß diese Unbehäglichkeit , je nachdem das Bedürfniß größer und dringender wird , so lange zunimmt , bis es endlich peinvoll und unausstehlich ist ? Sokrates . Wiewohl ich das letztere nicht aus eigener Erfahrung weiß , so zweifle ich doch so wenig