mir unmöglich schien , die Mutter allein zu lassen . Ich ging mit der anbrechenden Abenddämmerung in unser Haus zurück . Jetzt stand auch der schwärzliche Spenglermeister unter seiner Stubentüre ; ich grüßte ihn , und er und mich mit forschendem Blick ein , bei ihm anzukehren , was ich ausschlug , indem ich nur um ein Licht bat . Mit einem solchen versehen , stieg ich wieder unter das Dach hinauf , trat in das Kämmerchen und zündete das alte Messinglämpchen an , bei dessen Schein ich sie die Jahrzehnte hindurch in den langen Winterabenden hatte sitzen sehen . Das Lämpchen war vernachlässigt und nicht mehr blank , jedoch mit Öl gefüllt . Da lag sie nun in ihrem Frieden , und ich , der ich so gedankenlos gezögert , zu ihr zu kommen , fand jetzt nur noch einigen Trost an ihrer stillen Gegenwart , an deren Aufhören ich nicht denken durfte . Ich machte mir mit meiner unglücklichen Schachtel zu schaffen , öffnete dieselbe und zog den feinen Wollenstoff hervor , den ich zu einem Kleide bestimmt hatte . Im Begriff , das Stück auseinanderzufalten und es als leichte schützende Decke über das Bett und die Leiche zu legen , um es ihr nur irgendwie noch nahe zu bringen , fiel mir doch die Nutzlosigkeit einer so gezierten Handlung in so ernster Stunde auf die Seele ; ich wickelte das Zeug zusammen und verbarg es wieder in der Schachtel . Obschon ich von der mehrtägigen Fußreise ermüdet war , brachte ich nun die Nacht aufrecht auf dem Strohsesselchen am Fenster zu und schlief dennoch zeitweise , wobei allerdings das Erwachen jedesmal zwiefach schmerzlich war , wenn ich mich aufs neue der Gegenwart der stillen Mutter versicherte . Am andern Tag kam der Bote eines Begräbnisvereines , den der Vater noch hatte gründen helfen , und traf alle Anordnungen ; ich brauchte keinen Schritt zu tun . Auch die Kosten waren schon lange gedeckt durch die pünktlichen Beiträge der Mutter ; es wurde nachträglich sogar noch eine kleine Rückzahlung angeboten . So war sie auch in dieser Hinsicht ohne jegliche Beschwernis für andere aus der Welt gegangen . Als ich die betreffenden Papiere in ihrem Nachlasse suchte , mußte ich überhaupt Schrank und Schreibtisch öffnen und fand manche Heimlichkeiten , die ich noch nie gesehen . In einem mit Zinn verzierten hölzernen Kästchen lagen vergilbte Putzsachen ihrer Jugendzeit , wie künstliche Blumen , ein Paar weiße Atlasschuhe , Bänder zusammengepreßt und kaum oder nie gebraucht . Dabei einige alte vergoldete Almanache , wahrscheinlich längst verjährte Geschenke , und , was mich am meisten überraschte , ein Buch mit einer kleinen Sammlung abgeschriebener Gedichte oder Lieder , die ihr als Mädchen mochten gefallen haben . Zwischen den Blättern lag ein zusammengefaltetes loses Blatt , ebenfalls von ihrer damaligen erblichenen Handschrift , worauf zu lesen war : Verlornes Recht , verlornes Glück Recht im Glücke , goldnes Los , Land und Leute machst du groß ! Glück im Rechte , fröhlich Blut , Wer dich hat , der treibt es gut ! Recht im Unglück , herrlich Schaun , Wie das Meer im Wettergraun ! Göttlich grollt ' s am Klippenrand , Perlen wirft es auf den Sand ! Einen Seemann , grau von Jahren , Sah ich auf den Wassern fahren , War wie ein Medusenschild Der erstarrten Unruh Bild . Und er sang » Vieltausendmal Glitt ich in das Wellental , Fuhr ich auf zur Wogenhöh , Ruht ich auf der stillen See ! Und die Woge war mein Knecht , Denn mein Kleinod war das Recht ; Gestern noch mit ihm ich schlief - Ach , nun liegt ' s da unten tief ! In der dunklen Tiefe fern Schimmert ein gefallner Stern ; Und schon ist ' s wie tausend Jahr , Daß das Recht einst meines war . Wenn die See nun wieder tobt , Niemand mehr den Meister lobt Hab ich Glück , verdien ich ' s nicht , Glück wie Unglück mich zerbricht ! « Welch ein Gefallen war es gewesen , das ein so junges Mädchen einstmals dies seltsame Gedicht hatte abschreiben und aufbewahren lassen ? Ich fand noch andere schriftliche Überbleibsel , und zwar aus den letzten Jahren , wo nicht aus letzter Zeit . In einem Mäppchen , das einen geringen Vorrat von Briefpapier enthielt , lag ein Blatt , das offenbar zu einem Briefe als Fortsetzung gehörte , indem die Schrift ganz oben in der linken Ecke anfing . Das Fragment aber lautete : » Wenn es nun Gott wirklich geschehen läßt , daß mein Sohn unglücklich werden und ein irrendes Leben führen sollte , so tritt die Frage an mich heran , ob nicht mich , seine Mutter , die Verschuldung trifft , insofern ich es in meiner Unwissenheit an einer festen Erziehung habe mangeln lassen und das Kind einer zu schrankenlosen Freiheit und Willkür anheimgestellt habe . Hätte ich nicht suchen sollen , daß unter Mitwirkung Erfahrener einiger Zwang angewendet und der Sohn einem sichern Erwerbsberufe zugewendet wurde , statt ihn , der die Welt nicht kannte , unberechtigten Liebhabereien zu überlassen , die nur geldfressend und ziellos sind ? Wenn ich sehe , wie wohlgestellte Väter ihre Söhne zwingen , oft schon vor dem zwanzigsten Jahre ihr Brot zu verdienen , und wie das solchen Söhnen nur zu nützen scheint , so fällt der traurige , altbekannte Selbstvorwurf mir doppelt schwer , und ich hätte in meiner Arglosigkeit nie gedacht , daß eine solche Erfahrung mich jemals heimsuchen könnte . Freilich habe ich seinerzeit um Rat gefragt ; als man aber den Wünschen des Kindes nicht zustimmte , hörte ich auf zu fragen und ließ es gewähren . Damit habe ich mich über meinen Stand erhoben und , indem ich mir einbildete , ein Genie in die Welt gesetzt zu haben , die Bescheidenheit verletzt und das Kind geschädigt , daß es sich vielleicht niemals erholen wird . Wo soll ich nun die Hilfe suchen ?