noch früh im Jahre und nicht eben warm war , öffnete sie die Fensterflügel und legte sich weit hinaus , als das Schmettern der Trompeten sich vernehmen ließ und die stolzen Reihen der Garde-Dragoner sichtbar wurden . Auf den Ruf seiner Haushälterin trat Graf Gerhard gleichfalls an das Fenster , aber es hätte ihres Rufes nicht bedurft . Er kannte sie , diese Trompeten , er kannte ihren Klang und dieses Regiment . Sein Großvater hatte es in der Schlacht von Hohenfriedberg geführt , in der es zur Entscheidung des Sieges beigetragen , sein Vater hatte darin gedient und auch der Graf selber hatte zuerst bei demselben gestanden . Es lebten ihm zahlreiche Kameraden und Genossen froher Stunden in seinen Reihen . Die Kriegsräthin kannte auch von früher her verschiedene der Herren Offiziere , und winkte , wie man das in gar vielen Häusern that , den Scheidenden ihre Abschiedsgrüße zu ; indeß man mußte es nicht gewahren oder es nicht beachten wollen . Die Blicke , welche das Fenster streiften , an welchem jene Beiden standen , glitten schnell über sie hinweg , ihr Gruß ward nicht erwiedert . Ob Graf Gerhard das bemerkte ? Die Kriegsräthin hätte das nicht sagen können . Er stand hoch aufgerichtet da , die Arme über die Brust gekreuzt , wie es durch Napoleon ' s Gewohnheit zur Mode geworden war , und sah anscheinend gleichmüthig auf die Vorüberziehenden hinab . Aber mit ihnen zog die ganze , würdige Vergangenheit seiner Väter an ihm vorüber , seine Stirn verdüsterte sich , es zuckte ein paar Mal unheimlich in seinen Mienen und um seine Lippen ; indeß er sprach kein Wort , und Escadron nach Escadron ritten sie vorbei , und immer noch drangen die bekannten Klänge wie vorwurfsvolle Fragen an sein Ohr . Der Hohenfriedberger Marsch ! sagte er endlich unwillkürlich und das Blut wich aus seinen Wangen ; es faßte kalt nach seinem Herzen . So elend hatte er sich nie gefühlt , auch nicht in jener Stunde , als er gedemüthigt vor den Augen seiner Mutter zusammengebrochen war . Sein Gewissen war wider ihn aufgestanden . Er sah sich in dem Spiegelbilde , welches sein innerstes Bewußtsein ihm ohne Erbarmen vorhielt , er schämte sich vor sich selbst . In bitterem Grimme trat er in das Zimmer zurück . Der junge Herr Baron ! rief die Kriegsräthin und nöthigte den Grafen damit , wieder an das Fenster zu kommen . Renatus neigte zum Zeichen des Abschiedsgrußes seinen Säbel vor dem Onkel , und noch einmal sagte sich dieser : Und dazu blasen sie den Marsch von Hohenfriedberg ! Unwillkürlich fragte er sich , was seine Schwester Angelika empfinden würde , sähe sie den Sohn beim Klange dieser Musik unter französischer Aegide in das Feld ziehen ; aber der heitere Blick , der lächelnde Mund und die vollendete Anmuth , mit denen er des Neffen Gruß erwiederte , ließen nicht errathen , was eben erst in der Seele des Grafen vorgegangen war , und sich von seinem Gewissen mehr als einen Augenblick beunruhigen oder sich mehr als flüchtig von seiner Erinnerung rühren zu lassen , war er nicht gewohnt ! Im Gegentheil : der Zorn , den er gegen sich selbst gefühlt hatte , wendete sich gegen diejenige , welche er sich gewöhnt hatte , als die Ursache und Urheberin seines Abfalls von sich selbst wie von der Sache seines Vaterlandes zu betrachten , und der Anblick von Renatus erinnerte ihn nur daran , daß dieser sich seinen Absichten und Planen nicht geliehen hatte . Ein hübscher junger Herr , sagte die Kriegsräthin , ein ganz Berka ' sches Gesicht ! Man könnte ihn für den Sohn des Herrn Grafen halten , nur daß der Herr Graf viel männlicher und schon viel gebietender aussahen , als Sie des Herrn Lieutenants Jahre hatten . Dem Herrn Vater sieht er gar nicht ähnlich . Der Graf ließ die ihm schmeichelnde Bemerkung der Kriegsräthin unerwiedert fallen und sagte : Dafür sieht Ihr ehemaliger Pflegesohn ihm um so ähnlicher ! Nun war die Reihe des Nichtbeachtens an der Kriegsräthin . Sie wußte nicht , wo der Graf mit der Bemerkung , die er nicht zufällig gemacht haben konnte , hinauswollte , und da sie sich als Schmeichlerin der Männer von jeher eine scharfe Beobachtungsgabe angeeignet hatte , sah sie , daß Graf Gerhard sich in einer Laune befinde , in der sie ihn zu schonen habe . Auch schien er keine Antwort zu erwarten , denn er ging , sobald Renatus aus dem Bereiche des Fensters war , nach dem Nebenzimmer , und erst unter der Thüre desselben sagte er : Sie waren ja , wie ich meine , gestern oder vorgestern bei Ihrem Manne ; was hat er denn beständig für Tremann zu copiren ? Haben Sie ' s vielleicht gesehen ? Die Kriegsräthin bejahte es , aber sie meinte , sie hätte sich aus den Papieren nicht vollständig vernehmen können . Es wären Auszüge aus Reisebüchern , Handelsberichte aus Zeitungen , die ihr Mann zu machen habe . Briefe und Actenstücke oder dergleichen copirt er nicht ? fragte der Graf . Sie antwortete , daß sie sich nicht erinnere , Derartiges gesehen zu haben ; übrigens werde Paul Berlin bald für längere Zeit verlassen . Der Graf warf die Bemerkung hin , er wisse durch Herrn von Castigni , daß Tremann noch an diesem Abende reisen werde . Das bezweifelte die Kriegsräthin nach den Aussagen ihres Mannes , der seine Arbeit erst an einem der folgenden Tage abzuliefern habe . Der Graf entgegnete darauf nichts . Er blieb jedoch noch in dem Zimmer , sah , wie die Menge sich in den Straßen allmählich verlief , nun das militärische Schauspiel vorüber war , und erkundigte sich nach verschiedenen Kleinigkeiten , die er seiner Haushälterin zur Besorgung aufgetragen hatte . Dazwischen warf er ganz beiläufig die Frage hin , ob Tremann nie bei ihr gewesen , seit er wiedergekommen sei . Sie zuckte mit den